Auf dem Videokanal Youtube können seit April dieses Jahres auch Schweizer Benutzer als sogenannte Partner ihre selbstgedrehten Filme für Werbung freigeben. Für jeden Klick auf das Video verdient Youtube mit der angezeigten Werbung Geld. Daran sollen auch die Macher der Videos verdienen. «Den Grossteil der Einnahmen geben wir direkt weiter an die Nutzer», teilt die Firma Google mit, der Youtube gehört.

Genaue Zahlen gibt der Internetgigant aber nicht bekannt, weder zum Geld noch zur Anzahl Schweizer Nutzer. Auch die Youtuber dürfen nicht sagen, wie viel sie verdienen. Google verbietet das in den Nutzungsbedingungen. Klar ist: Für den Lebensunterhalt reicht es hierzulande nur in den seltensten Fällen.

Ein witziges Bild kreieren und auf Facebook laden oder ein Video für Youtube drehen, das Freunde dann weiterschicken, kann die Aufmerksamkeit Tausender wecken. Wer Freude daran hat, möchte die Beachtung aufrechterhalten und professioneller werden. Doch das kostet viel Zeit. Und das Publikum erwartet regelmäs­sig neue Beiträge.

Perfektes Englisch ist Bedingung

Dieser grosse Aufwand lässt sich zu Geld machen. In den USA gebe es «einige hundert Youtube-Partner, die sechsstellige Beträge verdienen», teilt Google mit – nur mit den Videos, allfällige Sponsorenver­träge sind dabei nicht mitgerechnet. Eine wichtige Voraussetzung, um ein möglichst weltweites Publikum anzusprechen, ist aber ein akzentfreies Englisch.

Diesen Sprachvorteil hat Julia Graf: Der einzige Schweizer Youtube-Star lebt von Schminkanleitungen, die Graf ein- bis zweimal pro Woche ins Netz stellt – als kanadisch-schweizerische Doppelbürgerin tut sie das meist auf Englisch. Knapp 600'000 Leute werden auf Youtube benachrichtigt, wenn Graf ein neues Video produziert hat. Dazu kommen über 200'000 Fans auf Facebook und 50'000 Twitter-Follower.

Wie Graf hat auch der Genfer Julien Donzé durch seine Muttersprache einen grossen Vorteil. Seine Parodien und Spassvideos werden ebenfalls von mehreren hunderttausend Leuten geschaut – hauptsächlich Franzosen. Sein meistgesehenes Video hat acht Millionen Klicks. Viel Geld verdient Donzé jedoch nicht. Dafür müsste er häufiger Videos hochladen.

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Doch auch ohne Sprachvorteil, You­tube, Partnerprogramme oder aufwendig gestaltete Videos kann man sich etwas aufbauen: Die Fotomontagen mit Huskys, die ein 34-Jähriger als Parodie über das Zürcher Nachtleben auf Facebook stellt und mit Sprüchen in Zürcher Mundart versieht, haben mittlerweile 35'000 Fans auf Facebook. «Zukkihund» nennt sich der Husky, Rafi Hazera der Schöpfer. Den Internet­erfolg will Hazera nun in die reale Welt transportieren.

MissChievous alias Julia Graf

Quelle: Raffael Waldner

«Ich geniesse ein komfortables Leben»

Ein Pult, auf dem viel Schminkzeug liegt. Davor eine Kamera. Der Raum hinter dem Stuhl, auf dem Julia Graf in den Videos sitzt, ist je nach Thema anders dekoriert. Graf zog mit ­ihrem Freund in eine grössere Wohnung, um dieses Studio einrichten zu können. Sie weiss: Erfolg braucht ideale Voraussetzungen.

Graf dreht Schminktipps, die sie auf ­Youtube stellt. An einer Wand stapeln sich ­Kartons. ­Make-up-Firmen haben den Erfolg mitbekommen und schicken ungefragt ­Produkte. ­Zuletzt bekam Graf gar eine neue ­Kamera. «Ich könnte wohl auch Geld verlangen, wenn ich ein Produkt erwähne», sagt sie. Das macht sie nicht. «Nur wenn ich von etwas wirklich überzeugt bin, ­drehe ich ein Video damit.»

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Rund 600'000 Menschen haben ihren Youtube-Kanal abonniert. Ihre Videos wurden bereits 135 Millionen Mal angeklickt. Vom Geld, das sie aus den Werbeeinnahmen von Youtube erhält, lebt sie. «Ich geniesse ein komfortables Leben, ich würde mich aber nicht als reich bezeichnen.» Genaueres verbietet Google.

Ursprünglich hat Graf Politikwissenschaften studiert. Wer mit ihr spricht, tippt eher auf Marketing. Das Konzept ihres Youtube-Kanals ist klar: nur Beauty-Videos. «Wer ein Autoheft abonniert, will auch nicht plötzlich ­einen Artikel übers Skifahren lesen», sagt sie. Für ihre anderen Interessen wie Kochen oder Reisen gibt es einen zweiten Kanal.

Ihr Alter und ihren Wohnort im Berner ­Oberland hält Graf geheim. Ein bisschen Privatsphäre muss sein. «Wer Videos dreht, gibt ­automatisch einiges von sich preis.» Ihre Videos seien authentisch. «Es ist offensichtlich, wenn man sich verstellt. Dadurch wird man unglaubwürdig.»

Grafs akzentfreies Hochdeutsch ist gespickt mit Begriffen wie «Views», «Pop-up» oder «Content». Wenn die Kanada-Schweizerin über Youtube spricht oder sich über das neue Design der Homepage aufregt, klingt es, als würde sie einen Freund charakterisieren. «Natürlich identifiziere ich mich in gewissem Mass mit You­tube. Es ist mein Job. Aber wenn ich nicht filme, habe ich ein ganz normales Leben.»

Pro Woche dreht sie ein bis zwei Videos. Im Schnitt braucht sie für eines zwei Tage – inklusive Fotos für den Blog, Bildbearbeitung, Schnitt, Vertonung, Hochladen und Anpreisen in den sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter. «Manchmal ist es stressig. Oder mir fehlt die Motivation – wie es das in jedem Job mal gibt», sagt Graf. Was in zehn Jahren sei, wisse sie natürlich nicht. «Wieder einen Bürojob zu machen, das kann ich mir aber gar nicht vorstellen.»

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Rafi Hazera, 34, mit Kunstfigur Zukkihund

Quelle: Raffael Waldner

«Ich war schon immer der Pausenclown»

Bilder von Tieren mit Sprüchen zu versehen ist keine neue Idee. «Aber ich habe es auf ‹Züri-Tüütsch› getan. Damit können sich die Leute identifizieren», sagt Rafi Hazera. Tatsächlich hat er einen Nerv getroffen. Die Fanseite der ­Figur, die Hazera in Anlehnung an den Zürcher Club «Zukunft» «Zukkihund» taufte, wurde ­innert Kürze von Tausenden angeklickt.

«Ich war schon immer der Pausenclown», sagt Rafi Hazera. Früher in der Schule, später auf ­Facebook. Eines Tages stiess er im Internet auf das Bild eines Huskys. «Der sah total kaputt aus. Als wäre er die ganze Nacht durch jeden Club der Stadt gezogen.» Er ergänzte das Bild mit Sprüchen zu der Odyssee, die der Hund ­hinter sich haben könnte. Das war ein grosser Erfolg auf Facebook, viele Freunde schickten das Bild weiter.

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Die Abenteuer des Zukkihunds drehten sich anfangs nur ums Nachtleben. Später postete er auch kurze Texte oder Alltagsbeobachtungen: «Meinsch gits bide Wölf söttig wo sich bi Leermond in Mänsche verwandled und denn eifach z.B. is Restaurant gönd oder go schaffe?»

Mit der steigenden Beliebtheit kamen Anfragen für Auftritte und Interviews. Mittlerweile hat der Zukkihund rund 35'000 Fans auf Facebook. Auf Kommentare reagiert er meist angriffs­lustig. Als jemand einen Beitrag nicht verstand, schrieb der Zukkihund: «Ich gib zue: Joke isch nöd grad fü Tramkontrollör.»

Am meisten Freude hätten die Fans, wenn der Zukkihund jemanden fertigmache, sagt Hazera. Der Zukkihund lebt von der Unkorrektheit: «Der grösste Teil der Kommentierenden auf ­Facebook sind Vollidioten.» Seinen Erfolg schreibt Hazera auch dem Zufall zu. «Ein Glück, dass es so viele Husky-Bilder gibt. Hätte ich ein Gnu genommen, wäre wohl nach drei ­Monaten alles vorbei gewesen», scherzt er.

Mit dem Erfolg kam für Hazera aber nicht das Geld, sondern die Arbeit. Der Aufwand, den er für den Zukkihund betreibe, entspreche einer 60-Prozent-Anstellung – zusätzlich zu den 90 Prozent, die er als selbständiger Grafiker arbeitet. «Manchmal nerve ich mein Umfeld mit meinen Zukkihund-Geschichten. Vor allem meine Freundin», sagt Hazera.

Der Zukkihund treibt noch weitere Projekte v­oran. Gerade erscheint ein Buch mit seinen ­gesammelten Abenteuern. Vor kurzem hat ­Hazera einen Online-Shop mit Zukkihund-T-Shirts eröffnet. Und regelmässig steht er im Club «Zukunft» mit Stand-up-­Comedy auf der Bühne. Vielleicht gleichen sich so Aufwand und Ertrag eines Tages aus. «Mein einziger Profit bisher sind die vielen Kontakte, die ich knüpfen konnte.»

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legrandjd alias Julien Donzé, 26

Quelle: Raffael Waldner

«Bei Youtube redet mir niemand drein»

Wer mit Julien Donzé essen geht, wappnet sich: Der Genfer ist in seinen Videos auf Youtube als «legrandjd» zappelig, spricht hektisch und albert ständig herum. Ein richtiger Chaot, denkt man. In ­Wahrheit spricht Donzé ruhig und überlegt. Mit «legrandjd» hat er nur das Aussehen und die Kamera gemeinsam.

Während Julien Donzé fünf Tage die Woche als Kamera­mann und Cutter arbeitet, steht «legrandjd» in regelmässigen Abständen davor. Die meisten Videos veröffentlichte Donzé unter dem Titel «Les étranges expériences» – die seltsamen Experimente. Darin lässt er sich etwa mit einem Luftgewehr beschiessen, während er versucht, einen Hamburger zu essen, oder er schickt eine Kakerlake mit einer Rakete in die Luft. In einem anderen Video parodiert er die Fernsehserie «The Walking Dead». Er nennt es «The Fucking Dead». Grenzen gibt es für ihn keine. «Ich mache die Videos, die ich will», sagt Donzé. Das provoziert auch mal negative Kommentare. «Damit muss man als Youtuber leben. Man darf das nicht zu ernst nehmen.» Sein ­direktes Umfeld, Kollegen und Eltern, seien stolz auf ihn und seine Werke.

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Seine ersten Videos verschickte Donzé vor rund sechs Jahren an Freunde und Bekannte. Seit drei Jahren ist er auf Youtube, knapp 70 Videos hat er veröffentlicht. «Ideen hätte ich etwa zehnmal mehr», sagt er. «Wenn ich die Notizen später anschaue, verwerfe ich vieles. Weil es nicht lustig oder nicht umsetzbar ist.»

Seine Videos sind aufwendig gestaltet. Über 300'000 Leute haben seinen Youtube-Kanal abonniert. Das erfolgreichste Video, eine ­Parodie der französischen TV-Serie «Bref», wurde mehr als acht Millionen Mal angeklickt. Dennoch kann Donzé nicht von seinen Videos leben. Er verdiene «ein bisschen» Geld damit, sagt er. Seinen 100-Prozent-Job könne er dennoch nicht aufgeben. Dazu müsste er viel mehr als die bisherigen zwei Videos pro Monat produzieren; an einem Video arbeite er insgesamt zwei Wochen.

Seine Berühmtheit im Internet hat ihm schon mehrere Auftritte im Fernsehen verschafft. ­Etwa in einem Spot für einen Optiker oder in ­einer Sendung im Genfer Privatfernsehen. Seinen grössten Auftritt hatte Donzé auf dem französischen Sender Canal+: Seine Parodie von «Bref» gefiel den Machern der TV-Serie so gut, dass sie Donzé einluden.

«Das alles waren tolle Erfahrungen», sagt Donzé. Dennoch bleibe er lieber bei Youtube. «Mir gefällt, dass ich alles so umsetzen kann, wie ich es will. Niemand redet mir drein.»