Beobachter: Eigentlich hatten wir nur Sie zu diesem Gespräch erwartet, Herr Piccard. Nun ist Ihr Partner André Borschberg ebenfalls hier - kann man daraus schliessen, dass Sie sehr eng zusammenarbeiten?
Bertrand Piccard: Das kann man wohl sagen. André war der Leiter der Machbarkeitsstudie für ein solarbetriebenes Flugzeug, die auf meine Anregung hin an der ETH Lausanne erstellt wurde. Wir lernten uns bei dieser Gelegenheit erst kennen - und seither sind wir nicht mehr voneinander losgekommen. (Beide lachen) Es ist interessant zu sehen, wie wir zusammen alle Qualitäten haben, die es für ein solches Projekt braucht - aber nur zusammen, nicht jeder für sich.

Beobachter: Welche Qualitäten sind das?
Piccard: André ist mehr der Organisator, der Mann für das operationelle Geschäft.
André Borschberg: Und Bertrand hat die Fähigkeit vorauszusehen, wohin die Welt steuert. Und die Gabe, seine Visionen zu kommunizieren. Als wir früh im Jahr 2003 mit dem Projekt anfingen, fühlten sich erst wenige Menschen vom Klimawandel betroffen. Heute ist das ganz anders. So ist das mit Bertrand.
Beobachter: Gibt es auch Negatives am jeweils anderen?
(Stille, dann lachen beide laut los) Dazu sagen wir nichts!

Beobachter: Als Sie mit Ihrem Ballon um die Erde flogen, brauchten Sie dazu Propan, also fossile Energie. Jetzt wollen Sie mit «Solar Impulse» die Erde allein mit Sonnenenergie umrunden. Hat bei Ihnen ein Umdenken stattgefunden?
Piccard: Es ist ein Paradigmenwechsel, aber nicht nur für mich, sondern für die ganze Gesellschaft. Das 20. Jahrhundert war eins der Eroberung. Auch die Technologie diente der Eroberung neuer Territorien: des Nordpols, des Südpols, des Marianengrabens, des Mondes. Das war okay, weil wir immer noch dachten, es gebe genug Energie für alle. Im 21. Jahrhundert nun erleben wir das Gegenteil: Technologie wird nicht mehr gebraucht, um neue Territorien zu erkunden, sondern um Energie zu sparen, damit wir auf diesem Planeten überleben können. Der Ballonflug um die Erde war vielleicht das letzte grosse Abenteuer des 20. Jahrhunderts. Wir verbrannten dabei 3,7 Tonnen Propan. «Solar Impulse» ist vielleicht das erste grosse Abenteuer des 21. Jahrhunderts - ohne fossilen Brennstoff!

Beobachter: Sie versuchen also, eine Art Symbol für diesen Wechsel zu schaffen?
Piccard: Absolut. «Solar Impulse» ist ein Symbol dafür, dass erneuerbare Energien und Energieeffizienz interessant sind und dass man sich dafür begeistern kann. Mit effizienten Motoren und Heizungen, mit Sparlampen, Gebäudeisolationen und Hybridautos können wir unseren Energieverbrauch um 30 bis 40 Prozent senken. Die Hälfte des verbliebenen Bedarfs kann mit erneuerbaren Energien abgedeckt werden.

Beobachter: Ist das nicht etwas optimistisch gerechnet?
Piccard: Nein, es wird ganz einfach sein. Innerhalb der nächsten 10 bis 15 Jahre sind wir so weit. Und für den Rest des Energiebedarfs kann man dann immer noch fossile Treibstoffe verwenden.
Borschberg: Für spezielle Anwendungen.
Piccard: Genau - bis wir auch diese ersetzen können.

Beobachter: Mit «spezielle Anwendungen» meinen Sie auch die kommerzielle Luftfahrt?
Piccard: Der internationale Luftverkehrsverband, die IATA, hat sich zum Ziel gesetzt, bis ins Jahr 2050 null Emissionen zu haben.

Beobachter: Das sagte die IATA, als Sie sie vor einigen Wochen als Partnerin vorstellten. Die mussten ja fast...
Beide: Nein, keinesfalls!
Piccard: Das wurde schon letztes Jahr beschlossen. Und deshalb engagiert sich die IATA auch bei «Solar Impulse».

Beobachter: Unterstützt denn auch die Luftfahrtindustrie Ihr Projekt?
Borschberg: Die müssen einfach, weil der Druck auf sie sehr hoch ist.
Piccard: Ich glaube nicht, dass mit Sonnenenergie angetriebene Flugzeuge dereinst grosse Mengen Passagiere werden transportieren können, dazu wird es andere alternative Energien brauchen.

Beobachter: Welchen erneuerbaren Energien geben Sie die besten Chancen, sich durchsetzen zu können - in der Luftfahrt und anderswo?
Borschberg: Es wird ein Mix von vielen verschiedenen Lösungen sein. Die Wunderlösung gibt es nicht.
Piccard: Vermutlich werden wir viel stärker in Richtung Elektrifizierung gehen. Elektrizität kann man mit Sonne, Wind, Geothermie, Wasser, Ebbe und Flut, mit Biomasse, mit ganz vielen Methoden gewinnen. Es hängt vor allem vom Standort ab. Von thermischer Energie, also von Verbrennungsenergie, wird man hingegen wegkommen, der Bedarf wird laufend abnehmen.

Beobachter: Wenn Sie mit Ihrem Projekt Erfolg haben und die Weltumrundung schaffen, werden Sie zu einer Art Symbolfigur für Energieeffizienz. Keine Angst vor dieser Verantwortung?
Piccard: Teil einer symbolträchtigen Aktion zu sein wäre nicht so neu für mich, ich setze nur etwas fort, in der dritten Generation. Für André wird es hingegen schon eine neue Erfahrung.

Beobachter: Okay, Herr Borschberg, die Frage geht weiter an Sie.
Borschberg: Ich bin im Moment sehr fokussiert auf den Bau des Flugzeugs. Ich habe eine grosse Verantwortung, etwas Gutes abzuliefern, nämlich einen fliegbaren Prototyp. Das ist eine grosse Sache mit einem grossen Budget. In dieser Hinsicht spüre ich Verantwortung und Druck.
Piccard: Für mich wäre es ein schrecklicher Fehler, wenn ich nach meiner Weltumrundung im Ballon und mit meinem Bekanntheitsgrad die Botschaft der Energieeffizienz, des Energiesparens nicht verkünden würde. Ich würde bloss meine Zeit verschwenden, ich wäre nutzlos. Mich überrascht Ihre Frage, ich habe noch nie darüber nachgedacht. Für mich ist das völlig selbstverständlich.n


Bertrand Piccard, 50, umrundete 1999 zusammen mit Brian Jones als Erster die Erde nonstop in einem Heissluftballon. Die Abenteuerlust wurde dem Psychiater aus Lausanne in die Wiege gelegt: Grossvater Auguste Piccard stieg mit einem Ballon als erster Mensch in die Stratosphäre auf, Vater Jacques brach mit seinem U-Boot «Trieste» im Marianengraben den Tiefseetauchrekord.

André Borschberg, 55, ist Ingenieur und CEO von «Solar Impulse». Er pilotiert Flugzeuge und Helikopter und war Pilot der Schweizer Luftwaffe.

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