Stephan Sigrist, 33, ist Leiter des Think-Tanks W.I.R.E. der Bank Sarasin und des Collegium Helveticum von ETH und Universität Zürich. Er hat in Biochemie an der ETH promoviert und beschäftigt sich seit Jahren mit Entwicklungen in den Bereichen Pharma, Gesundheit und Food sowie mit generellen Makrotrends in Wirtschaft und Gesellschaft.

Quelle: Désirée Good

Beobachter: Sie haben soeben Lamm-Curry bestellt. Die Vorstellung, man esse Anfang des 21. Jahrhunderts wie Astronauten aus Tuben, hat sich nicht bewahrheitet.
Stephan Sigrist: Zum Glück nicht. Ein Curry in Pillenform stelle ich mir trocken vor - just da liegt das Problem. Nicht nur Effizienzsteigerung ist ein Grundbedürfnis, ebenso Genuss und Sinnlichkeit.

Beobachter: Wir werden also auch in Zukunft noch Züri-Geschnetzeltes essen?
Sigrist: Mit Sicherheit. Das wird uns aber nicht daran hindern, bei Zeitknappheit All-in-one-Drinks zu uns zu nehmen, die uns mit allen wichtigen Stoffen versorgen.

Beobachter: Sie sprechen sogenanntes Functional Food an. Mögen Sie solche Labor-Delikatessen?
Sigrist: Ich probiere diese Produkte aus, finde sie aber - muss ich gestehen - meist unappetitlich. Insofern halte ich wenig davon - noch, muss ich allerdings betonen.

Beobachter: Warum «noch»?
Sigrist: Functional Food ist heute primär eine Marketingstrategie, mit der die Industrie Wachstum generieren möchte, in einem Markt, der zumindest in der westlichen Welt gesättigt ist. Doch gesund machende Lebensmitteln sind zukunftsrelevant. Die Leute leiden zunehmend an chronischen Alterskrankheiten. Je mehr wir herausfinden über deren Ursachen, desto eher werden wir diesen im Alltag mit präventiver und sanfter medikamentöser Behandlung entgegenwirken. Ähnlich eingesetzt werden heute bereits blutdruckregulierende Medikamente, Zahnputzkaugummis oder jodiertes Speisesalz, das einst im Kampf gegen Kropf und Schwachsinn angeordnet wurde. Heute sind Medikamente primär krankheitsassoziiert, künftig könnten sie durchaus alltagsorientiert sein.
Beobachter: Wenn ich ein genetisches Risiko für Osteoporose habe, werde ich künftig präventiv ein entsprechendes Joghurt essen müssen. Denn wer sich dem Trend widersetzt, der wird später von der Versicherung dafür zur Rechenschaft gezogen. Wollen wir das?
Sigrist: Das ist die Frage. Letztlich entscheiden ja nicht die Pharma- und Lebensmittelmultis allein, was wie auf den Tisch kommt, sondern der Konsument. Und: Jeder Trend löst einen Gegentrend aus. Den Blutdruckmesser im Jogging-Shirt und das eigene medizinische Labor in der Toilette werden wir anfangs vielleicht für tolle Innovationen halten, aber irgendwann wird man die zunehmende Abhängigkeit von Maschinen nicht mehr für wünschenswert halten. Wo liegen die Grenzen, wann kippt die Stimmung? Das sind spannende Fragen.

Beobachter: An welchem Punkt befinden wir uns jetzt?
Sigrist: An einem Wendepunkt. Es herrscht einerseits eine hohe Technologiegläubigkeit, zumal in den letzten Jahren viele Innovationen die Welt sicherer, effizienter und besser gemacht haben. Gleichzeitig besteht seit langem aber auch eine Skepsis gegenüber Technologien, die gefährlich sind oder scheinen, wie Atomkraft oder genetisch veränderte Lebensmittel. Die Digitalisierung und Virtualisierung der Welt hat zudem Systeme geschaffen, die nicht mehr kontrollierbar sind und unvorhersehbare Rückkopplungen produzieren. Die aktuelle Krise im Finanzsystem wird die Skepsis gegenüber Technologien weiter verstärken. In diesen Modellen funktioniert die Vorstellung von Risikomanagement - an sich ja bereits ein Widerspruch - nicht mehr. Es ist für den Einzelnen zudem sehr schwierig, zwischen Nutzen und Risiken einer Technologie abzuwägen und zu unterscheiden, ob Gefahren real oder reine Phantasieprodukte sind. Die Gefahr des Bioterrorismus mit Anthrax nach dem 11. September hat zum Beispiel nie real existiert. Durch die Angst wurde sie aber dennoch zu einer realen gesellschaftspolitischen Herausforderung.

Beobachter: Wohin geht die Reise in Sachen Computer- und Informationstechnologie?
Sigrist: Dort liegt die grosse Revolution mehr oder weniger hinter uns. Die Devise lautet nun: Noch schneller und vor allem immer kleiner. Gerade die fortschreitende Miniaturisierung wird den Alltag stark verändern.

Beobachter: Inwiefern?
Sigrist: Das Stichwort heisst «Things that think»; intelligente Geräte wie Waschmaschinen, die mit dem Schreibtisch kommunizieren, und Autos, die untereinander Informationen austauschen, um Stauprognosen zu erstellen. Aber: Es wird auch so überraschende Entwicklungen geben wie beim MP3-Format, wo sich das revolutionäre Potential erst entfaltet, wenn die Technologie einmal in den Händen der Menschen ist.

Beobachter: Viele gerade junge Menschen suchen heute ihr Heil in virtuellen Welten...
Sigrist: ...wo sie dann geistig und sozial verarmen. Nein, nein, ich teile diesen Kulturpessimismus nicht vollumfänglich. Nehmen wir nur mal das Online-Spiel «World of Warcraft», bei dem weltweit elf Millionen Menschen in einer virtuellen Phantasiewelt gemeinsam - gegliedert nach Völkern und Berufsgruppen - um Kontinente und Macht kämpfen. Das Spiel hat erwiesenermassen ein hohes Suchtpotential und birgt Risiken sozialer Vereinsamung. Doch gleichzeitig steuern die Spieler ihre sozialen Kontakte einfach über andere Kanäle, viele treffen sich später auch in der realen Welt. Und: Es gibt 16-Jährige, die in diesem Spiel verantwortlich sind für eine internationale Gruppe von 60 Gamern, die sie per Kopfhörer und Mausklicks erfolgreich durch enorm komplizierte Welten steuern. Bereits heute rekrutieren Unternehmen künftige Mitarbeiter aufgrund derartiger Fertigkeiten.

Beobachter: Wird die reale Welt zunehmend abgelöst von der virtuellen Welt?
Sigrist: Nein. Manche Menschen werden in der Virtualität aufblühen. Aber genauso wird die Zahl der Menschen zunehmen, die es absurd finden, bei Facebook und Co. 400 Freunde zu haben, alle privaten Erlebnisse online zu präsentieren, aber trotzdem jeden Abend allein essen zu müssen.

Beobachter: Der Fortschritt reitet im Galopp. Können wir da überhaupt noch mithalten?
Sigrist: Von der Entstehung des Lebens bis zum ersten Menschen vergingen Milliarden von Jahren, von der Schreibkunst zum Personal Computer 5000 und von dort zum Internet noch gerade mal 25 Jahre. Nun gibt es Zukunftsforscher, die behaupten, 2020 sei die maximale Rechenleistung des menschlichen Hirns erreicht. Und wer dieses Potential nicht aus eigener Kraft erreicht, wird es für 1000 Franken kaufen können. Ab dann würden die Evolutionsschritte nicht mehr biologisch vollzogen, sondern mittels technischer Updates. Das heisst: Die Leistungsfähigkeit wird künstlich hochgefahren, indem man den Körper technisch aufrüstet. Die Verschmelzung von Mensch und Computer wird auf die eine oder andere Art stattfinden, doch es gibt Grenzen, was die Akzeptanz neuer Technologien anbelangt, vor allem wenn sie zu nahe an den Menschen heranrücken.

Beobachter: Wir als Cyborgs - eine Horrorvorstellung!
Sigrist: Ich möchte auch keinen Terminator zu Hause. Wenn man sich aber vorstellt, dass die Sehkraft eines Menschen mit einer künstlichen Retina wiederhergestellt werden könnte oder «Hirnschrittmacher» bei neurologischen Erkrankungen wie Parkinson helfen, eröffnen sich ganz andere Perspektiven. Möglicherweise liegen hier auch Lösungsansätze für die Probleme der steigenden Lebenserwartung: In Korea stehen in 40 Prozent der Haushalte bereits heute einfache Roboter im Einsatz. Und in Japan streicheln Roboter in Altersheimen einsame und betagte Menschen, und Studien zufolge sollen sich diese Menschen deswegen tatsächlich besser fühlen.

Beobachter: Das ist doch mal eine schöne Perspektive...
Sigrist: Der technische Fortschritt bringt neue Lösungsansätze, stellt die Gesellschaft und die Politik aber vor tiefgreifende ethische Fragen, deren wir uns heute noch nicht bewusst sind. Dabei wird es zentral, Innovation und vermeintliche Fortschritte realistisch, also weder als alleinige Heilsbringer noch als Teufelszeug zu bewerten. Zudem schadet eine Prise gesunder Optimismus nicht. Man darf bis zu einem gewissen Grad auf die Vernunft des Menschen und auf seine Innovationskraft zählen. Die Welt ist in den letzten Jahren ja nicht schlechter geworden. Heute leben mehr Menschen ein Leben in Freiheit und können ihre Grundbedürfnisse stillen als noch vor 300 Jahren. Trotz der Globalisierung und all ihren negativen Aspekten hat die Armut auf der Welt nicht zugenommen.

Beobachter: So viel Vertrauen?
Sigrist: Vertrauen ist ein gutes Stichwort, denn Vertrauen wird das grosse Thema der nächsten Jahre sein. In einer zunehmend globalisierten und digitalisierten Welt wächst die Überforderung schneller als die Systeme, die uns Orientierung bieten. Die Frage, wem wir noch vertrauen können, wird zur zentralen Herausforderung für Politik und Wirtschaft, vom Lebensmittelbereich bis zum Finanz- und Gesundheitswesen. Bereits heute wird der Begriff inflationär verwendet und droht zu einer inhaltsleeren Worthülse zu verkommen. Aber was es wirklich bedeutet, Vertrauen zu generieren, dafür fehlt den Unternehmen heute noch weitgehend der Sinn. Ihnen fehlen schlüssige Konzepte, wie sie das Vertrauen der Konsumenten gewinnen können. Stattdessen setzen sie weiterhin auf das klassische Marketing, das bloss heisse Luft produziert. Kein Mensch mehr wird künftig einer Marketingbotschaft vertrauen, dafür aber wieder vermehrt dem Urteil des Nachbarn, den man kennt und dem man vertraut.

Beobachter: Die Devise «Zurück zu den Wurzeln» wird also der grosse Gegentrend zur aktuellen Entwicklung sein?
Sigrist: Die Digitalisierung bedroht drei elementare Bedürfnisse: Transparenz, Geborgenheit und die Freude am Neuen. Wir könnten jetzt ins Internet gehen und würden auf Anhieb jeden Tag mindestens 30 topaktuelle und hervorragende Musikalben finden. Wenn Neues jedoch allgegenwärtig und permanent verfügbar ist, verliert es seinen Wert. Reduktion, Einfachheit - nicht im Sinn eines herkömmlichen Convenience-Produkts, sondern die Rückführung zur erlebbaren, realen Welt - werden in Zukunft zentrale Themen sein, ja.

Beobachter: Gilt dieses Comeback auch für den Bauern von nebenan mit seinen Biohühnern?
Sigrist: Ja, die Globalisierung stösst an Grenzen, auch im Lebensmittelsektor. Immer mehr Konsumenten suchen nach lokalen Produkten. Diese Tendenz wird durch die langfristig steigenden Transport- und Ölkosten verstärkt. Ein Bund Schnittlauch legt heute im Schnitt 14'000 Kilometer zurück, bis es auf unseren Tellern landet. Das wird künftig nicht mehr wirtschaftlich sein. Während sich auch die Biobranche zunehmend globalisiert und ihre eigentlichen Mehrwerte untergräbt, wird «lokal» zum zentralen Mehrwert der nächsten Jahre. Dasselbe gilt aus meiner Sicht für die Finanzdienstleistungsbranche, die Vertrauen wieder über regionale Verwurzelung definieren muss und entsprechend viel von Bergbauern lernen kann.

Beobachter: Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen der Zukunft?
Sigrist: Diese positive Sichtweise wird in Frage gestellt, wenn man nachdenkt über den Raubbau an der Natur oder mögliche Kriege etwa um knappe Güter wie Wasser oder Rohstoffe. Es besteht das Risiko, dass der Mensch die Grundlage seiner eigenen Existenz so schnell zerstört, dass er nicht mehr in der Lage ist, darauf adäquat zu reagieren. Dies und die Machtgier des Menschen - das sind meiner Meinung nach die grössten Bedrohungen der Zukunft.

Beobachter: Ökologie und Nachhaltigkeit werden grosse Themen werden?
Sigrist: Der gesamte Cleantech-Sektor, also «saubere» Technologien, wird stark an Bedeutung gewinnen. Bis 2025 wäre es möglich, 20 Prozent des europäischen Stroms mit Solarenergie aus der Wüste zu produzieren. Bis vor kurzem erschien das stets unrealistisch. Durch die Energieknappheit, Naturkatastrophen und politische Mobilisierung von Leuten wie Arnold Schwarzenegger, George Clooney oder Al Gore klingt es plötzlich ganz anders. Es bräuchte nur ein Prozent der gesamten Wüstenflächen, um den gesamten Stromverbrauch der Menschen mit Solarenergie zu decken. Ziel von Forschern ist es, energieautonome Haushalte zu entwickeln, also Häuser, die sich komplett selbständig mit Strom versorgen und heizen. Cleantech umfasst aber nicht nur die Energieversorgung. Ich wohne derzeit in London und verbringe einen nicht unbeträchtlichen Teil meines Lebens damit, Wasser nach Hause zu tragen. Es ist ein absolutes Privileg, das Trinkwasser vom Hahn beziehen zu können. Kurz: Vieles von dem, was bislang im Überfluss verfügbar war - Wasser, Luft, Raum, Lebensmittel aus dem direkten Umfeld -, wird knapp. Das führt zu einer Neudefinition von Luxus - und zum Gegentrend «Back to basics». Frisches Wasser, Ruhe, Lebensraum, also Lebensqualität - es mag pathetisch klingen, aber diese einfachen Dinge werden in Zukunft Luxus sein.