Glärnisch, Albiskette, Limmattal: Die Sicht vom Dach des Zürcher Migros-Hochhauses ist atemberaubend. Stock um Stock nimmt sie nach unten ab. Und kürzlich schwand sie in den fensterlosen Zonen vollends. Für 22 Etagen inklusive Einkaufsladen galt während knapp zweier Stunden: Sichtweite null.

Limmatplatz, 6. Oktober, 9 Uhr 18: Ein Bauarbeiter, auf dem Dach mit Sanierungsarbeiten beschäftigt, legt eine elektronische Schaltstelle lahm. Eine weitere Panne unterbindet den Fluss des Notstroms. Nach einer halben Stunde sind die Stützbatterien leer; sämtliche Migros-Kassen verstummen.

10 Uhr 56: Schlagartig herrscht überall Dunkel im Haus. 1550 Leuchten versagen ihren Dienst. Auf den Schreibtischen erlöschen mehr als 1000 Bildschirme: Lahm gelegt sind Festplatten mit total 39 Terabites Speicherkapazität. Herdplatten bleiben ohne Strom. 24 Meter Rolltreppen bleiben stehen, und alle Lautsprecher schweigen.

Sparmassnahme oder Werbegag?


Mit Kerzen werden Kunden an den Kassen vorbeigelotst. Einzelne glauben erst an eine PR-Aktion: «einkaufen bei Kerzenlicht» als Gag für einen Werbespot. Irrtum. Jeder Einkauf wird exakt von Hand verrechnet. Kurt Schellenbaum, Chef des Kundenservice, notiert die Ziffern des Strichcodes. «Es entstand keine Ungeduld, keine Panik», sagt er.

11 Uhr: Bei Fritz Gutknecht, dem Chef des Personalrestaurants, stehen Spaghetti und Geschnetzeltes bereit. Die Köche witzeln: Der Ausfall sei wohl eine Massnahme von McKinsey, der Unternehmensberatung, die dem orangen Riesen derzeit das Sparen beibringt.

Von den 800 treuen Gästen finden nur knapp 300 den Weg durchs Dunkel. In den blockierten Liften steckt glücklicherweise niemand. Im zappendusteren Treppenhaus tastet sich ein langjähriger Migros-Angestellter vom 18. in den 4. Stock: Pierre Arnold, 83, Expräsident des Migros-Genossenschafts-Bundes, weilt für eine Stiftungsratssitzung im Haus. Er nimmt die Sache «gelassen».

Die Fachleute hingegen arbeiten hektisch. Niemand erinnert sich an einen ähnlichen Vorfall; das Hochhaus steht seit 25 Jahren. An die wartenden Kunden wird Schokolade abgegeben. Um 12 Uhr 40 brennt wieder Licht.

Licht ins Dunkel soll nun auch eine Fachgruppe bringen, die die Ursachen des Stromausfalls vollends klären sowie geeignete Massnahmen vorschlagen soll, um allfällige Wiederholungen zu vermeiden.

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