Wochenlang stapfte er durch die entlegensten Gebiete Sumatras. Fischte in grossen Flüssen, in Regenwaldtümpeln, in Moorgebieten. Kämpfte sich durch eine unwirtliche Welt, um ein Inventar der regionalen Süsswasserfisch-Spezies zu erstellen. Dann, eines Tages, gelingt Maurice Kottelat die Sensation: In einem Torfmoorsee mitten in einem Wald, der so finster ist wie die Nacht, entdeckt er das kleinste Wirbeltier der Welt. «Es ist immer auch ein bisschen Glück dabei. Man weiss am Morgen nie, was man am Abend gefangen haben wird», so Kottelat zu seinem spektakulären Fund.

Der Superlativ ging dem Zoologen ins Moskitonetz – ausgewachsene Exemplare der Spezies werden gerade mal knapp acht Millimeter lang. Der Fisch bekommt den Namen Paedocypris progenetica – Kinderkarpfen. Entdeckungen nach sich selbst zu benennen schickt sich für Biologen nicht. «Das machen nur Amateure und Astronomen», sagt der aus dem Jura stammende Kottelat, der als Honorary Research Associate für die National University of Singapore tätig ist.

Forscherstreit um Millimeter

Vermutlich sei der Paedocypris so klein, weil das saure Schwarzwasser des Torfmoors nur sehr wenig Nahrung hergibt. Der Fisch verwende seine ganze Energie auf die Fortpflanzung, statt Muskeln zu bilden, was sich am Verhältnis zwischen Körper und Ei zeige. Die Eier des Paedocypris sind beinahe gleich gross wie der Fisch selbst.

Kaum war die Sensationsmeldung um die Welt, meldete sich schon ein anderer Forscher und reklamierte den kleinsten Fisch für sich. Der Amerikaner Ted Pietsch von der Universität Washington verkündete, dass das Männchen des von ihm entdeckten Photocorynus spiniceps im ausgewachsenen Stadium nur maximal 7,4 Millimeter lang und somit bis zu 1,7 Millimeter kürzer als Paedocypris sei. «Der Mann scheint einige Sachen durcheinander zu bringen», sagt Kottelat trocken. Pietsch habe vielleicht das kleinste Individuum, nicht aber die kleinste Spezies entdeckt. Denn das Weibchen seines Photocorynus werde über 45 Millimeter lang. Da wollte sich wohl einer ein bisschen profilieren.

Doch solches Konkurrenzgebaren bringt Kottelat nicht aus der Ruhe. Kein Wunder: Der passionierte Fischforscher ist Entdecker von über 450 Fischarten. Neben der kleinsten hat er auch die zweit-, die viert- und die fünftkleinste Wirbeltierspezies entdeckt.

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