Nusstorte, Bratwurst, Schabziger: Die Kantone Graubünden, St. Gallen und Glarus sind reich an kulinarischen Köstlichkeiten. Ob sie künftig das Prädikat «steinreich» auf ihre Fahne schreiben können, liegt ganz beim Unesco-Welterbe-Komitee.

Der Stein kommt noch in diesem Monat ins Rollen: Der Bundesrat meldet die Gebirgslandschaft zwischen Flimserstein, Pizolgebiet, Kerenzerberg und Tschingelhoren, die so genannte Glarner Hauptüberschiebung, zur Aufnahme in die Liste der Weltnaturerbe an. Das rund 100-seitige Bewerbungsdossier bezeichnet die Tektonik im 329 Quadratkilometer grossen Grenzgebiet zwischen den drei Kantonen als «einzigartig auf der Welt».

Auf den ersten Blick präsentiert sich das steinalte Erbe zwar als beachtliche, aber eher unspektakuläre, rund 30 Kilometer lange Linie zwischen zwei übereinander liegenden Gesteinskomplexen. Dass die obere dunklere Schicht mehr als 250 Millionen Jahre auf dem Buckel hat und das untere bräunlich graue Gestein gegen 200 Millionen Jahre jünger ist, blieb lange unbemerkt.

«Mit nichts zu vergleichen»


«Die Glarner Hauptüberschiebung ist mit nichts zu vergleichen», schwärmt Meinrad Küttel, Chef Sektion Schutzgebiete des Bundesamts für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal). Schon bei der Nomination der beiden anderen Schweizer Naturgüter, dem Jungfrau-Aletsch-Bietschhorn-Gebiet und dem Monte San Giorgio im Südtessin, war er federführend. Im Gegensatz etwa zum überwältigenden Grand Canyon fristet die Glarner Alpenwelt ein eher bescheidenes Dasein. Nur mit einem gewissen geologischen Verständnis erkenne man ihren inneren Wert, erklärt Küttel.

Am Glarner Gestein bissen sich die Wissenschaftler jahrhundertelang die Zähne aus. 1807 äusserte sich Hans Conrad Escher, der Erbauer des Linthkanals, erstmals über die verwunderliche Lage der Altersschichten. Sein Sohn Arnold sprach von einer «colossalen Überschiebung», schreckte aber vor einer Publikation zurück.

Erst an der Schwelle zum 20. Jahrhundert kamen die Geologen der Entstehung der Alpen durch Deckenüberschiebung auf die Spur. Kein Stein blieb auf dem anderen, als die Theorie der Plattentektonik ihren Siegeszug antrat. Der einstige Stein des Anstosses fand als Abguss sogar einen Ehrenplatz im Naturhistorischen Museum in New York.

Mit dem Gütesiegel der Unesco erhoffen sich die Promotoren auch einen touristischen Aufschwung für die Surselva, das Glarner- und das Sarganserland. «Die Überzeugungsarbeit in den 19 Gemeinden war eine Gratwanderung zwischen den Interessen von Naturschutz und Tourismus», erklärt Projektleiter David Imper. Sein Credo: «Das Bewusstsein in der Bevölkerung ist der beste Landschaftsschutz.»