Letzte Minute im Juniorenspiel des FC Chur 97 gegen den FC Ems. Die Emser Kids führen mit 4:3. Dann ein Foul, und ein Emser liegt nach Luft japsend am Boden. Einer seiner Mitspieler faucht den Schiedsrichter an, er solle den Match gefälligst unterbrechen. Offenbar zu laut: Der Unparteiische stellt den kleinen Schimpfer wegen der verbalen Attacke vom Platz.

Einen Zuschauer bringt dieser Entscheid derart in Rage, dass er zum Sturmlauf auf den Schiedsrichter ansetzt. Je nach Sichtweise beginnt nun eine Schlägerei oder eine Rempelei.

«Fussball ist immer mit Emotionen verbunden, doch für solche Vorfälle gibt es nicht die geringste Entschuldigung», wettert der Emser Juniorenobmann Carlo Decurtins. Die rote Karte erhält der FC Ems in Form einer Rechnung: 200 Franken Busse.

Heiri Fischer, Obmann der Churer Junioren, verspürt keinen Groll: «Für mich ist die Sache erledigt.» Bei den Emsern aber löst der Vorfall gemäss Homepage Betroffenheit aus. Zudem geloben sie, präventiv tätig zu werden - insbesondere wollen sie ihre Jungs in Sachen Sozialkompetenz besser schulen. Die Zuschauer hingegen werden im Bündner Konzept nicht miteinbezogen - obwohl randalierende Fussballfans immer wieder für Rabatz sorgen.

Neuer, friedlicher Fussball

Da weist Johan Huizinga, der Altmeister der Ludologie, in seinem Werk «Homo ludens» (der spielende Mensch) den Weg aus der Sackgasse. Er betrachtet die Zuschauer als regelkundige Mitspieler. In der Antike und im Mittelalter lieferten sich diese parallel zum Spiel veritable Prahl- und Schmähturniere. Das Publikum - darunter auch Herolde und Dichter - pries die Fähigkeiten der eigenen Mannschaft und goss die Schale des Spotts über den unbegabten Gegnern aus.

Die Renaissance dieses verbalen Schlagabtauschs könnte den Fussballfans eine neue Aufgabe zuweisen und sie vom handgemeinen Eingreifen abhalten. Die neue Dimension wäre eine Bereicherung: Auf dem Rasen würden die sozialkompetenten Junioren ihre Ballakrobatik zelebrieren, am Rande des Spielfelds wogten die Prahl- und Schmähgesänge der Erwachsenen hin und her. Zwar verschlänge die Beschäftigung von Psychologen für die Spieler und die Zuschauer beträchtliche finanzielle Mittel. Doch der Ruf von Ems als Wiege des neuen, friedlichen Fussballs wöge dies bei weitem auf.

Quelle: Stock4b
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