Selbst die «New York Times» schrieb 2008 einen Nachruf auf Ruedi Rymann, den «berühmtesten Jodler der Schweiz». Seine Interpretation des Liedes vom «Schacher Seppli» wurde 2007 von einem Millionenpublikum am Fernsehen zum grössten Schweizer Hit erkoren. Eben dieser Schacher Seppli, der Vagant, sorgt nach Rymanns Tod für Ärger.

Das Obwaldner 3500-Seelen-Dorf Giswil will seinem Ehrenbürger ein Denkmal errichten in Form eines Schacher-Seppli-Erlebniswegs, der Ende August eingeweiht werden soll. Doch der Auftakt zu den Feierlichkeiten ist gründlich misslungen: Die eigens gefertigte, überlebensgrosse Schacher-Seppli-Figur beim Bahnhof sorgte für rote Köpfe. Nach kurzem Gastspiel musste sie Ende Mai wieder entfernt werden. Begründung: Der Seppli sähe dem Ruedi zu ähnlich, er sei Rymann wie aus dem Gesicht geschnitzt. «Ich bin mächtig erschrocken», empört sich Edi Gasser, Rymanns langjähriger Freund und Mitmusiker. «Man wollte den Ruedi ehren und hat ihn mit diesem Denkmal lächerlich gemacht.»

Flachmann statt Bierflasche

Hans Slanzi, Vize-Gemeindepräsident und Mitglied der Erlebnisweg-Projektgruppe, versteht die Aufregung nur bedingt. «Es ist wie bei einem Kind: Die einen sagen, es gleiche dem Vater, die anderen, der Mutter.» Dass das Bildnis des randständigen Seppli ein schmuckes Trachtenhemd getragen habe, sei hingegen ein Fehler gewesen, ebenso die Bierflasche. «Man hat der Familie vorgeworfen, sie würden ihren Vater verhunzen, als Vagant und Trinker darstellen», sagt Slanzi.

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Die Rymanns wollten den Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen. Die Figur wurde in die Werkstatt zurückgeschickt und nach den Wünschen der Nachkommen umgemodelt. «Man muss unseren Vater und den Schacher Seppli auseinanderhalten. Mit dem armen Schlucker haben wir nichts zu tun», betont Annemarie Berchtold, eine von Rymanns fünf Töchtern.

Der neue Schacher Seppli sieht nun tatsächlich aus wie ein armer Schlucker: Er trägt eine schwarze Kutte, geflickte Hosen und – um jede Verwechslungsgefahr auszuschliessen – einen Schnauz. Die Bierflasche wurde durch einen Flachmann ersetzt – im Lied ist schliesslich von Schnaps die Rede. Holzbildhauer Fredi Hess trägt die Polemik um seine Figur mit Fassung: Er führe nur Aufträge aus, verstehe sich nicht als Künstler. Die überarbeitete Statue wird dieser Tage wieder am Bahnhof aufgestellt.

Spekulationen über das Aussehen des Schacher Seppli erübrigen sich: Es hat ihn wahrscheinlich nie gegeben. Als Werbeträger hat der gesichtslose Vagant dennoch Potential. Das weiss auch Giswil-Mörlialp-Tourismus – und vermarktet den Erlebnisweg zwar mit dem Namen Schacher Seppli, aber dem Konterfei von Ruedi Rymann.

Nur der einstige Wildhüter hatte nichts davon. Reich geworden sind andere mit dem Schacher Seppli, der selber mit leeren Taschen ans Himmelstor klopft: Rymann hatte seine Rechte am Lied, das er um eine Strophe ergänzt hatte, schon vor Jahren abgetreten. Loswerden wird der Ruedi den Seppli wohl nicht mehr; selbst auf seinem Grabstein ist er verewigt.