Michi ist mein Name, ich bin ein zwei Jahre alter, verschmuster, kastrierter Ziegenbock. Und ich habe Mist gebaut. An jenem verhängnisvollen Tag – es war der 30. November 2008 – hatten wir einfach die Schnauze voll davon, auf unseren Menschen zu warten. Wir wollten spazieren gehen. Ich hatte das auch deutlich kundgetan, hatte extra die zwei Stöcke umgestossen, die unser Zweibeiner jeweils auf die Ausflüge mitnimmt, und damit klare Zeichen gesetzt.Immer wieder hatte ich den Menschen angestupst, mal auffordernd, mal zärtlich. Aber statt unserem Wunsch zu entsprechen, wollte der Mensch in Ruhe ausmisten.

So machten wir uns auf eigene Faust los, das Gebiet hoch über dem Seeztal zu erkunden. Wir, das sind Torrero, Moritz, Boris, ­unser Sorgenkind Zottli, Charlie, der heute nicht mehr unter uns weilt, der weisse Peppi und meine Wenigkeit. Nie hätten wir gedacht, dass wir so lange wegbleiben würden. Aus einem Nachmittagsspaziergang wurden 60 Tage! Zugegeben, rückblickend wars eine dumme Idee, die unserem Menschen viel Kummer und uns etliche Strapazen bescherte – und einen von uns gar das Leben kostete.

Grossfahndung im Schnee

Unser Mensch hat in seiner Verzweiflung über unser ominöses Verschwinden alles Mögliche und Unmögliche unternommen, uns zu finden. Über 90 Ställe in der Umgebung habe er abgesucht, erzählte er mir mit feuchten Augen, als wir endlich wieder in unserem Stall standen. Bei Minusgraden, durch Schnee und Matsch habe er zu Fuss die Region abgesucht, habe in Felsspalten geschaut und unter steinerne Vorsprünge, sei durchs Dickicht gekrochen und tief in die Wälder vorgedrungen. Doch weit und breit keine Spur von uns. Selbst die Jäger konnten keine Fährte ausmachen. Fast hätte man denken können, bei unserem Verschwinden seis nicht mit rechten Dingen zugegangen. Unglaublich sei das Ganze gewesen, im wahrsten Sinne des Wortes.

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Sogar Hellseher und Pendler versuchten uns zu orten. Von einem Mann mit grünen Stiefeln, der uns gefangen halte, habe einer gesprochen, von einem kleinen Stall in einem Lärchenwäldchen ein anderer. Sogar dass unser Verschwinden mit einem Gewaltverbrechen in Zusammenhang stehe, will einer der Weissager «gesehen» haben. Inserate wurden geschaltet, Vermisstmeldungen aufgehängt. Erfolglos. Unser Mensch wurde ­immer trauriger. Dann, am 30. Januar, entdeckte ein Bauer einen von uns auf einem Felskopf und liess uns abholen.

Im Dorf unten sind die meisten jetzt der Meinung, wir Ziegen seien einfach robust. Die andern vermuten, dass wir gefüttert, möglicherweise in einem Stall gehalten wurden. Immerhin waren wir weder verwildert noch körperlich ausgezehrt. Wies wirklich war, verrate ich nicht – oder haben Sie schon einmal eine sprechende Ziege getroffen?

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