Leicht betäubt fühle ich mich, und ich warte irgendwie auf irgendetwas. Ich habe keine Ahnung, worauf. Die Zeit scheint stillzustehen, die Luft auch. Meine Glieder fühlen sich schwer und unnütz an. Ich fühle mich unnütz.

Damals, vor einigen Wochen, hatte ich es noch für eine gute Idee gehalten. Ausprobieren, ob man das überhaupt noch kann: ruhen. Und damit es nicht allzu einfach ist, nicht nur einen lausigen Sonntag auf der faulen Haut liegen. Nein, drei Tage und Nächte sollten es werden.

Ein Leichtes, hatte ich mir gedacht, dieses Nichtstun. Kann so schwer nicht sein. Wie oft in letzter Zeit hatte ich mir gewünscht, aus der täglichen Hektik auszubrechen, schaute heimlich sogar einer allfälligen Schweinegrippeattacke fast schon mit Vorfreude entgegen. Schliesslich wäre so ein Virusinfekt ein Grund, mal wieder zu Hause zu bleiben, sanktioniert im Bett zu liegen und einfach nichts zu tun.

Ich freute mich also. Ich würde die Zeit in einem ausgebauten Bootshäuschen mit Holzruderboot am Zürichsee verbringen. Ich begann, voller Eifer strenge Verbote aufzustellen. Gesucht war nichts Geringeres als die reine Form des Nichtstuns: keine Bücher, kein Internet, ja nicht einmal Musik. Keine Spaziergänge, kein Joggen, kein Rudern. Kein Basteln, Putzen oder was einem in der Verzweiflung sonst noch so in den Sinn kommen könnte. Selbstverständlich kein Fernsehen. Einzig das Handy sollte für Notfälle mit, würde aber ausgeschaltet bleiben. Erlaubt sein sollte nur, was der Erhaltung der Körperfunktionen dient, also Essen (und mangels Bediensteter auch Kochen), Schlafen und Körperhygiene. Und ab und zu den Auslöser der Kamera betätigen.

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Ich ignorierte mit einem ausgewachsenen Quentchen Naivität die kleinen Fragezeichenwolken, die heimtückisch an meinem Gedankenfirmament aufzogen: Kann ich das überhaupt? Halte ich das wirklich drei Tage und Nächte lang durch? Werde ich am Ende ein Fall für die Psychiatrie sein? Denn gäbe es analog zu den Schlaftypen Lerche und Eule die Aktivitätstypen Seegurke (unglaublich träge) und Gibbonteenager (hyperaktiv), ich gehörte eher zu Letzteren.

Bekannten, denen ich von meinem Vorhaben erzählte, entfuhr meist unwillkürlich ein «Oh Gott, das wird sicher extrem langweilig werden», als sprächen sie vom Unaussprechlichen, von Satan selbst. Allmählich dämmerte mir, worauf ich mich da eingelassen hatte. Wie war das noch mal gewesen, damals in der Kindheit? An verregneten Sonntagen, wenn keines der Nachbarskinder Zeit zum Spielen hatte und das Wetter Aktivitäten im Freien gänzlich verbot? Wenn nichts im Fernsehen lief ausser der Übertragung der Weltmeisterschaften im Standardtanz und dem Eishockeymatch Bad Tölz gegen Innsbruck? Wenn alle aus der Bibliothek ausgeliehenen Bücher gelesen waren und meine Eltern wirklich keine Zeit hatten, «Tschau Sepp» mit mir zu spielen? Gerade ich als Einzelkind, das nicht einmal Geschwister zum Streiten hatte, wusste doch, was Langeweile bedeutete. Langsam kriegte ich Muffensausen.

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Dann war er da, der Tag X. Mit Lebensmitteln, Bequemkleidung, Kamera und Stativ rückte ich in das Bootshäuschen in Männedorf ein, wie andere in den Krieg ziehen: tapfer und ohne im Geringsten zu ahnen, was mich da erwarten würde.

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Da bin ich nun also. Kaum eingerichtet, überfällt mich lähmende Müdigkeit, der unbändige Drang, mich in die Falle zu hauen. Liegt es am Wochenende, das nebst Tanzworkshop, Einkaufsmarathon und Wohnung putzen auch noch ein selbstgekochtes, sechsstündiges Fünf-Gänge-Gelage für acht Personen sowie die entsprechende Menge Wein umfasste? Liegt es an den vergangenen Wochen, in denen kaum ein Abend ohne Gäste haben oder Gast sein, ohne Sport oder Kultur vergangen war? Oder liegt es einfach an der schieren Möglichkeit, ungestraft im Dienste der Arbeit nichts zu tun? Egal. Denn wie gesagt: Jede Minute, in der ich mich nicht langweilen kann, ist eine gute Minute. Also ab unter die Decke.

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Drei Stunden später wache ich auf. Baulärm. Am Grundstück nebenan ist ein Arbeiter mit einem grünen Kleinbagger damit beschäftigt, das Ufer auszuheben. Eine endlos scheinende Weile, in Wahrheit sind es gerade mal 13 Minuten, schaue ich dem monotonen Auf und Ab der Baggerschaufel zu. Jetzt beginnt es auch noch zu nieseln. Ein Taucherli dümpelt vor mir auf dem See. Es sieht recht einsam aus im grauen Einerlei. Ich fühle mit ihm und verkrieche mich wieder ins Bett.

Ohne selbstorchestrierte Ablenkung bestimmen Geräusche das Sein. Man wird unabsichtlich achtsam. Während ich momentan nicht einmal mitkriegen würde, wenn der Bundesrat in corpore zurücktreten würde, registriere ich jeden Wellenschlag, der unten im Bootshaus an die Mauer klatscht. Merke schnell, wenn das Linienschiff am nahe gelegenen Bootssteg ablegt und sich aufmacht, den See zu überqueren; das Klatschen ist dann lauter, schneller, hat mehr Vehemenz.

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Der Wellenschlag ersetzt mir die Uhr, denn das Kursschiff legt immer 19 Minuten nach der vollen Stunde ab. Als einmal Rotorengeräusche ertönen, haste ich auf die Terrasse. Ein Ereignis! Doch der Helikopter braust für mich unsichtbar vorbei. Ein kastriertes Ereignis, verdeckt von tiefhängenden Wolken, deren Dahinziehen wenigstens etwas Veränderung in mein Dasein bringt.

Mittlerweile regnet es beharrlich. Auf der Wiese neben dem Bootshaus liegen riesige Ahornblätter wie Schuppen übereinander, als wollte die Wiese zu einem Gürteltier mutieren. Die Tropfen klingen dumpf, als würden sie auf Leder treffen. Tropfen, die aufs Wasser fallen, hören sich heller an, irgendwie metallen. Doch am lautesten ist die Stille in mir. Egal, ob ich sitze, liege, Augen offen oder zu.

Ich gehe früh ins Bett und hoffe, trotz Tagesschlaf ein- und durchschlafen zu können. Als ich am Tag zwei kurz nach acht aufwache, bleibe ich erst einmal liegen, dankbar für die vielen umnachteten Stunden. Und während ich so daliege, stelle ich mit leichtem Erstaunen fest, dass man auch beim Nichtstun eine Vielzahl von Optionen hat: Niemand, nicht einmal mein eigenes strenges Regelwerk, hat mir verboten, meinen Kopf zu benutzen. Und die Abwesenheit von Verantwortung und Sachzwängen tut ein weites Feld an möglichen Themen auf.

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Zudem kann ich mir erst noch aussuchen, wie ich nachdenken will. Da wäre einmal die Zeitachse. Ich kann in der Vergangenheit rumdenken, mir Gedanken über ein ganz konkretes Problem aus dem Jetzt machen oder mir etwas Zukünftiges ausmalen. Dann besteht da noch die Wahlmöglichkeit hinsichtlich des Wahrscheinlichkeitsgehalts der Gedanken: Soll ich eine Reise auf den Mond machen (ziemlich unwahrscheinlich, aber trotz allem nicht gänzlich ausgeschlossen)? Soll ich mir vorstellen, ich tanzte nächste Saison im Zürcher Opernhaus die Hauptrolle in «Schwanensee» (eine geradezu beängstigende Wahnvorstellung)? Soll ich mir mental einen Tauchgang in den nächsten Ferien vorgaukeln (absolut im Bereich des Möglichen)? Zudem bietet das Denk-Menü qualitative Kategorien, etwa «traurig», «ärgerlich», «schön» oder «lustig».

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So macht Denken Spass, denke ich bei mir. Und ein lange verschüttetes Gefühl aus der Kindheit klopft in meinem Bewusstsein an: der Zustand, als ich mit ausklingendem Mumps im Bett lag, nicht mehr krank genug, um dank wilden Fieberträumen spannende Stunden zu erleben, aber auch nicht gesund genug, um am wirklichen Leben teilzuhaben. Die Grenzen zum Hier und Jetzt verfliessen, mein Geist hebt, während er so sinn- und zwecklos vor sich hin denkt, ein wenig ab. Vielleicht passiert Kindern ganz von selbst etwas, wofür Erwachsene Kurse, Gurus und ätherische Musik brauchen: Meditation.

Irgendwann schleicht sie sich doch ein, die Langeweile. Spürbar, fühlbar, beklemmend. Im Bauch ein Gefühl wie Hunger, in den Ohren ein Nebengeräusch, das sich anhört wie das kaum hörbare Pfeifen eines Röhrenfernsehers auf Stand-by. Wie früher an den verregneten Sonntagen.

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Mittlerweile kann ich viktorianische Fräuleins gehobenen Standes besser verstehen. Zu einem Leben zwischen Stickrahmen und Spaziergängen im Garten eines Gutshofs verdammt, muss die Versuchung, dem Erstbesten das Jawort zu geben, riesig gewesen sein. Aus lauter Eintönigkeit und Verzweiflung, aus lauter Langeweile. Mein Glück (und das meines Liebsten, hoffe ich), dass hier am Bootshaus gerade kein Erstbester vorbeikommt.

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Irgendwann ertappe ich mich dabei, wie ich die Astlöcher des Täfers zu zählen beginne, nach «Gesichtern» suche. Unwillkürlich muss ich an Gefangene in ihren Zellen denken, an alte Menschen, die gehunfähig und zu oft einsam in ihren Wohnungen sitzen. Ich schäme mich fast ein wenig. Ich leide und langweile mich auf hohem Niveau.

Aktivität ist bei aufgezwungenem Nichtstun so kostbar wie im Alltag die Ruhe. Ich teile mir die erlaubten Verrichtungen ebenso sorgsam ein wie früher den Schoggi-Osterhasen, der schliesslich bis nächstes Jahr reichen musste (was er natürlich nie tat). Duschen und Zähneputzen absolviere ich nicht im selben Badezimmerbesuch, abgewaschen wird in Etappen, Rüeblischälen wird zum Höhepunkt des Tages. Notgedrungen entdecke ich den Reiz der Langsamkeit.

Ich sitze, dick eingemummelt, auf der Terrasse und schaue auf den See. Mein neues Hobby: Vögel zählen. Taucherli, Möwen, Enten. Schwäne sind bislang nicht vorbeigekommen. Ich zähl sie einzeln nach Sorte und zusammen. Während die Möwen sich verhalten wie ich im Alltag, nennen wir es umtriebig, passen die andern beiden Spezies zu meinem derzeitigen Dasein. Sie dümpeln gemächlich und, so scheint es, gelangweilt auf dem See. «Euch ist auch langweilig, nicht?», ruf ich den Vögeln zu. Es ist wirklich höchste Zeit, abzubrechen. Aber Aufgeben ist keine Option.

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Tag drei, kurz nach acht Uhr morgens. Wieder gut und viel geschlafen. Trotzdem nur ein Gedanke: Ich will nach Hause. Trotz der Sonne, die sich endlich durch die zähe, ihre Vormachtstellung nur widerwillig hergebende Wolkendecke kämpft. Und trotz dem Schwan, der plötzlich aus dem Nichts auftaucht. Gegen Mittag, Sonnenstrahlen auf dem Gesicht und Gurkensalat im Teller, sitze ich auf der Veranda, die Augen geschlossen, die Gedanken mäandernd. Ein Geräusch, lauter als die Stille in meinem Kopf. Ich gehe nachschauen. Ein Gärtner mit Laubgebläse zerstört gerade mein Gürteltier in spe. Die Dinger sollte man verbieten, kaum etwas ist geeigneter, einen aus den schönsten Gedankenkurven zu kippen. Ich hab das Ganze satt.

Und dann der Sündenfall: Ich konnte nicht widerstehen. Die Versuchung kam in Form eines Buches. Doch es waren nicht die teuren Kunst- und Architekturbände, die im Häuschen auf einem Regal stehen, die mir als ursprünglicher Kunsthistorikerin zum Verhängnis wurden. Schwach wurde ich bei einem Kochbuch.

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Lockend lag es auf der Küchenbank, schien mir zuzuzwinkern, rief mich mit Kosenamen. Ich hatte mich tapfer gewehrt, 58 Stunden lang. Dann ergriff ich den Band und schlug ihn auf. Die Lektüre beschert mir knapp zwei Stunden Ablenkung, ich lese sogar die Klappentexte. Den Rest des Tages schäme ich mich ein wenig und vertreibe die Langeweile mit Gedankenspielen, in denen jetzt auch Schmorbraten, marinierter Spargel, Risotto mit Trüffel und Crema catalana vorkommen. Dafür bin ich konstant leicht hungrig. Um Viertel nach neun zieht es mich nach einem Abendessen, das leider gar nichts mit meinen Tagträumen gemein hat, ins Bett.

Einmal mehr war mein Schlaf erstaunlich lange. Trotz schlechtem Gewissen und obwohl ich wirklich nicht behaupten kann, mich tagsüber körperlich oder geistig verausgabt zu haben, blieb der Schlaf bis fast halb neun bei mir. Ich springe aus dem Bett: Heute darf ich heim! Nach genau 73 Stunden und 32 Minuten schliesse ich die Türe zu meinem Refugium ab. Mitnehmen werde ich die Erkenntnis, dass Nichtstun – zumindest in Teilen – die Kindheit zurückbringen kann. Und dass es trotz allem eine gute Idee war, das mit dem Ruhen.

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