Beim Lesen der winzigen Inhaltsangaben auf Lebensmittelverpackungen fühlt sich so mancher Zeitgenosse älter, als er ist: Die Schrift ist winzig, der Kontrast zu schwach kurz, das Ganze ist kaum zu entziffern. «Ich störe mich sehr oft daran, dass Verpackungsaufschriften kaum bis nicht lesbar sind und das bei voller Sehschärfe», kritisiert Allergiker Hilmar Bussacker die gängige Praxis. Seine Empörung ist begreiflich. Denn was für die meisten nur ärgerlich ist, kann für Allergiker fatal sein: Allergene in Lebensmitteln können bei empfindlichen Personen sogar zum Tod führen.

Die Kantonschemiker kontrollieren zwar auch die Zusammensetzung von Lebensmitteln und deren Angaben auf den Packungen, doch sind ihnen hinsichtlich der Deklarationsgestaltung die Hände gebunden. Denn trotz der potenziellen Gefahr, die von kaum lesbaren Beschriftungen ausgeht, existieren keine konkreten Gesetzesvorgaben darüber, wie genau die Aufschriften gestaltet sein müssen. Der entsprechende Artikel der Lebensmittelverordnung verlangt lediglich, dass die Deklaration «gut leserlich» sein muss ein äusserst schwammiger Passus.

Allergiker Bussacker, als Rektor

der Schweizerischen Höheren Fachschule für Augenoptik in Olten ein Fachmann in Sachen visueller Wahrnehmung, fordert deshalb «zweckmässige Bestimmungen hinsichtlich Schriftgrösse, Schriftart und Kontrast». Auch Jacqueline Bachmann, der Geschäftsführerin der Schweizerischen Stiftung für Konsumentenschutz, sind die kaum leserlichen Miniaturschriften ein Dorn im Auge: «Wir verlangen schon seit langem verbindliche Vorgaben bezüglich Schriftgrösse und Kontrast.»

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Doch das zuständige Bundesamt für Gesundheit (BAG) sieht keinen Handlungsbedarf und gibt den Ball an die Konsumentinnen und Konsumenten zurück: «Es liegt an den interessierten Kreisen, eine Änderung des Artikels 21a der Lebensmittelverordnung hinsichtlich einer minimalen Schriftgrösse von Lebensmitteldeklarationen vorzuschlagen», sagt Elisabeth Nellen-Regli von der Abteilung Vollzug Lebensmittelrecht des BAG.

Deshalb versuchen die kantonalen Labors nun, mit einem Kriterienkatalog Minimalanforderungen durchzusetzen und so einen De-facto-Standard zu setzen. Konkret bedeutet das laut Rolf Etter, dem Kantonschemiker des Kantons Zürich: Die Beschriftung muss mindestens so gut zu entziffern sein, als wäre sie in den Schriften Arial oder Helvetica mit einer Grösse von sieben Punkt und schwarz auf weiss gedruckt. «Wir verstehen das als Interpretationshilfe für den Artikel 21a der Lebensmittelverordnung, sowohl für die Hersteller als auch für uns Kantonschemiker», erklärt Etter, unter dessen Ägide der Kriterienkatalog erstellt wurde. «Wie verbindlich unsere Anforderungen aber wirklich sind, wird sich allenfalls irgendwann juristisch klären müssen.»

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«Lesbarkeit vorsätzlich verhindert»

Dabei sind die Kantonschemiker hinsichtlich ihrer Forderung bei der Schriftgrösse noch gnädig: «Schriftgrössen unter acht Punkt sind nicht zumutbar», betont Michael Renner, Typograf und Leiter des Studiengangs für visuelle Kommunikation an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel. Beim Kontrast sind sich jedoch alle einig: Auch der Schriftspezialist plädiert für schwarze Schrift auf weissem Grund. Denn «das Aufhellen der Schrift dient lediglich dem vorsätzlichen Verhindern der Lesbarkeit eines Textes».

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