Beobachter: Patrick Rohr, wie hoch ist Ihr Puls?
Patrick Rohr: Weil ich zu diesem Interview rennen musste, ist er im Moment sicher bei 120. Im Hinblick auf die Sendung ist er derzeit noch recht ruhig, obwohl sehr viel Neues in sehr kurzer Zeit auf mich zukommt. In der letzten Woche produzierten wir eine Pilotsendung; es hat mich sehr beruhigt, dass alles gut gelaufen ist. Aber je näher die Sendung rückt, desto höher wird mein Puls.

Beobachter: Was wird bei «Quer» anders nach der Sommerpause?
Rohr: Der neue Moderator ist sicher die augenfälligste Änderung. Ich möchte von Anfang an meine Persönlichkeit einbringen. Das veränderte Dekor ist eine indirekte Folge davon: In der Mitte des Studios steht auf meine Anregung neu ein knallrotes Sofa in Q-Form; darauf wird der Gast der Rubrik «Quer-Kopf» nach Möglichkeit während der ganzen Sendung sitzen; er kann sich zu jedem Thema äussern – eine Art Angelpunkt der ganzen Sendung. Aber inhaltlich ändert sich nicht viel. «Quer» ist etabliert und in dieser Form erfolgreich.

Beobachter: Im Gegensatz zur «Arena» dürfen Sie bei «Quer» Ihre Gäste ausreden lassen.
Rohr: Ja. In der «Arena» treten vorwiegend rhetorisch geschulte Personen auf, daher muss der Moderator permanent auf Ausweichmanöver und Fallstricke aufpassen. Bei «Quer» ist das anders, und ich freue mich darauf, diesen «normalen» Menschen mit Respekt zu begegnen und ihren Geschichten den nötigen Raum zu geben.

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Beobachter: Gerade weil die Gäste rhetorisch ungeübt sind, braucht es aber auch Ihr Geschick, damit sie über Persönliches, Peinliches und über Schicksalsschläge reden.
Rohr:
Am besten gelingt das hoffentlich dank meiner echten Neugier, die ich nicht mimen muss. Das ist meine Stärke. Gleichzeitig bin ich aber dafür verantwortlich, dass die Leute nicht vor laufender Kamera Dinge erzählen, die ihnen später in ihrem Dorf zum Verhängnis werden – das ist eine doppelte Herausforderung. Ich versuche eine Atmosphäre zu schaffen, in der es den Gästen wohl ist – dann fühle ich mich auch selbst wohl.

Beobachter: Statt um hohe Politik wie in der «Arena» geht es in «Quer» vor allem um Alltagsthemen. Trifft man Sie künftig häufiger in der Beiz an als im Bundeshaus?
Rohr:
Ich war schon bisher viel in der Beiz (lacht); ich bin gern an Orten, wo das Leben stattfindet. Im Ernst: Mein Verständnis von Politik ist breiter als die reine Bundeshaus-Mechanik. Ist nicht alles im Leben Politik? So gesehen sind auch viele «Quer»-Themen politisch, zum Beispiel wenn Behörden attackiert werden.

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Beobachter: Gleich in Ihrer ersten Sendung steht ein schwieriges Thema auf dem Programm: der Verlust eines Kindes. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?
Rohr:
Für die «Arena» musste ich mich jeweils in dicke Sachdossiers einlesen. Für «Quer» notiere ich mir laufend alle Fragen, die mich persönlich zu diesem Thema interessieren, und diskutiere darüber mit den zuständigen Redaktionsmitgliedern. Ich habe schon früher drei «Quer»-Sendungen moderiert; bei einer ging es um leukämiekranke Kinder. Mit den Angehörigen von sterbenden Kindern zu reden ist mir tief in Erinnerung geblieben.

Beobachter: «Quer» und Beobachter haben eine grosse Gemeinsamkeit: das soziale Engagement. Würden Sie sich denn als sozialen Menschen bezeichnen?
Rohr:
Ja. Ich kann mit nichts schlechter umgehen als mit Ungerechtigkeiten und habe auch ein ausgeprägtes Harmoniebedürfnis. Zum Beispiel habe ich mich schrecklich aufgeregt, als während einer Busfahrt der Chauffeur plötzlich anhielt und in den Wagen rief: «Billettkontrolle!» Kontrolliert hat er aber einzig die Fahrausweise eines schwarzen Pärchens, und die waren gültig. Dann ging er wieder nach vorn und fuhr weiter. Dieser Akt ganz alltäglicher Diskriminierung brachte mich derart in Rage, dass ich ihm deutlich meine Meinung sagen musste. Anderseits kommt es auch häufig vor, dass ich abends nach Hause komme und mich nerve, in einer bestimmten Situation nicht protestiert zu haben.

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Beobachter: Ich nehme an, Sie sind weder Steuerhinterzieher noch Versicherungsbetrüger, noch gehen Sie einem kriminellen Nebenerwerb nach. Also besteht keine Gefahr, dass Sie selbst je in «Quer» an den Pranger gestellt werden?
Rohr:
Ich glaube, ich zahle im Gegenteil viel zu viel Steuern, einfach weil ich punkto Papierkram etwas nachlässig bin (lacht). Ich habe eben erst zufälligerweise gemerkt, dass ich seit langem jeden Monat rund 30 Franken zu viel Telefongebühren zahle, weil mir ein falscher Anschluss verrechnet wird; in solchen Momenten rege ich mich furchtbar auf, dass ich so etwas nicht eher gemerkt habe.

Beobachter: Wurden Sie schon mal von einer Behörde schikaniert, oder sind Sie einem Betrüger auf den Leim gekrochen, so dass Sie sich als «Quer»-Gast einladen könnten?
Rohr:
Nein, zum Glück noch nicht. Behördenkontakte entstehen bei mir eher wegen meiner Nachlässigkeit. Als ich noch in Brig wohnte, kassierte ich einmal eine Busse, weil ich den Abfallsack einen Tag zu früh auf die Strasse stellte. Vielleicht zahle ich meine Rechnungen etwas leichtfertig. Und ich habe zum Beispiel auch keine speziellen Wertanlagen, sondern zwei simple Bankkonten. Deshalb habe ich jetzt beim Börsencrash auch nichts verloren.

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Beobachter: Schön für Sie. Die Wirtschaftskrise und die Globalisierung lassen allerdings zahlreiche Verlierer zurück. In der «Arena» haben Sie mit den dafür Verantwortlichen diskutiert, bei «Quer» sind Sie nun mit den Opfern konfrontiert.
Rohr:
Ich engagiere mich gern für die Schwächeren. Und ich glaube, dass man mehr bewirkt, wenn man dem TV-Publikum diese Themen anhand der Direktbetroffenen erklärt. Ich habe das ansatzweise schon bei der «Arena» versucht, denn ich finde vor allem die direkte Konfrontation zwischen den Entscheidungsträgern und den Betroffenen spannend.

Beobachter: Zu Beginn Ihrer Zeit als «Arena»-Moderator wurden Sie hart kritisiert. «Volles Rohr in die Langeweile», lautete eine Schlagzeile. Haben Sie Angst, dass Sie in drei Monaten am Kiosk den Titel sehen: «Rohr völlig quer in der Landschaft»?
Rohr: Angst wäre ein schlechter Ratgeber. In der Anfangsphase bei der «Arena» liess ich mich von der Angst verunsichern, und das bietet bloss neue Angriffsflächen. Ich habe das Gefühl, dass es diesmal anders läuft, weil ich bei «Quer» meine Person von Anfang an besser einbringen kann und keine vorgegebene Rolle übernehmen muss.

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Beobachter: Also dauert es noch lange, bis Patrick Rohr seinen Traum wahr macht und Barkeeper in Amsterdam wird?
Rohr:
In diesem Sommer hats jedenfalls erst zu einem Kurzurlaub in Amsterdam gereicht. Ich kann mir durchaus vorstellen, mal was völlig anderes zu machen. Aber Träume muss man sich auch bewahren – und vorerst mit der Realität klarkommen. Das heisst für mich: so gut wie möglich «Quer» zu machen. Über Zukunftspläne mache ich mir noch keine Gedanken.