Auf der ersten Seite ist zu lesen: «Mit der Post können Sie alles verschicken.» Ein wenig weiter steht: «Sendungen, die das Format B4 in der Fläche überschreiten und dünner als 1 cm sind, werden ab 1. Juli 2001 nicht mehr entgegengenommen.»

Die Erläuterungen stammen aus einer internen Broschüre für das Schalterpersonal der Post. Titel: «Die Post: Alles einfach einfach alles.» Alles klar?

Der Faltprospekt «Angebote und Preise» vom Januar 2001 hilft Kundinnen und Kunden auf die Sprünge. Hier sind die Formate vorgezeichnet: Alles, was die Norm B4 überschreitet, gilt heute nicht mehr als Brief, sondern wechselt in die nächsthöhere Klasse. Und das Objekt erhält einen neuen Namen; es heisst jetzt Paket.

Damit ein Paket von der Post als solches anerkannt wird, sind wiederum eigene Gesetze wirksam. Ein Paket nämlich ist erst, was eine Dicke von über einem Zentimeter aufweist.

Wer die Ausführung scharfsinnig liest, erkennt: Da fallen einige Formate zwischen Stuhl und Bank. Beziehungsweise zwischen Paket und Brief. Sind also weder Fisch noch Vogel und hiermit gegenstandslos, sprich: nicht transportierbar.

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Orientierung «zu gegebener Zeit»

Unter das Fallbeil können in Zukunft etwa ein Wandkalender, ein grosses Foto oder eine Firmenbroschüre fallen. Sie alle sind möglicherweise nicht dicker als ein Zentimeter, aber grösser als B4. Seit dem 1. Januar dieses Jahres wird auf sie ein Aufpreis von zehn Franken erhoben. Doch damit nicht genug: Ab 1. Juli werden sie nicht mehr transportiert.

«Alles einfach einfach alles»?

Die Post hat es bis heute unterlassen, auch die werte Kundschaft über die neue Regelung zu orientieren. Die interne Mitteilung an die Schalterangestellten, immerhin Anfang 2001 verschickt, qualifiziert Pressesprecher Hubert Staffelbach als den «Stand vom letzten November». Auch wenn sie intern als definitive Weisung auftritt, sind laut Staffelbach «noch Detailabklärungen im Gang». Zu gegebener Zeit werde man das Publikum «bestimmt orientieren».

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Was ist der Hintergrund dieses halböffentlichen Entscheids? «Besagte Formate passen nicht in die Normbriefkästen», sagt Staffelbach. «Sie müssen dem Adressaten zur Abholung gemeldet werden und verursachen deshalb Mehrarbeit für Post und Kunden.»

Der zweite Grund dürfte hingegen weit gewichtiger sein. Seit Anfang Jahr konzentriert die Post ihre Paketsortierung definitiv auf fünf Zentren: Frauenfeld, Härkingen, Daillens, Zürich-Mülligen und Bern. Diese Sortieranlagen, deren Software anfänglich erhebliches Kopfzerbrechen verursachte, diktieren offenbar den Gang der Dinge.

Zu kostspielige «Spezialfälle»

Damit sich Verschnürungen nicht in der Maschinerie verfangen, werden seit Anfang 2000 keine verschnürten Pakete mehr angenommen. Handschriftliche Adressierungen dürfen nur noch auf vorgefertigten Klebeadressen geschrieben werden; die Blockschriftbuchstaben haben in die vorgesehenen Kästchen zu passen.

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Für die maschinelle Beschriftung gilt die Mindestgrösse von drei Millimetern. Die Etikette muss unten rechts auf grosser Fläche platziert sein, alte Strichcodes müssen entfernt werden. Für maschinell bedruckte Etiketten gilt: einfacher Schrifttyp, keine Fett-, keine Kursivschrift, kein Firmenlogo. Wie sagt doch die Post: «Alles einfach einfach alles.»

Wenn die Anlage ein Objekt weder als «Brief» noch als «Paket» einordnen kann, landet das Unding im Sperrgutkanal. Mehr Arbeit bringt mehr Kosten. Hubert Staffelbach: «Die Sortieranlagen sind auf das Hauptvolumen ausgerichtet. Sie können nicht alle Spezialfälle einfangen.»

Industrielle Betriebe haben die Zwänge des Transports erkannt. Spitäler zum Beispiel wissen ihre Röntgenbilder längst so zu verschicken, dass sie das «Format B4 überschreiten und zusätzlich eine Dicke von über einem Zentimeter aufweisen», also definitiv Paket sind und nicht in die fatale Leerzone fallen.

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Für private Kunden aber hält die Neuerung weiterhin Überraschungen bereit. «Verbotene» Kartonformate sind noch immer erhältlich. Acht wahllos vom Beobachter angefragte Papeterien wussten nichts davon, dass etliche Angebote ihres Sortiments demnächst nicht mehr per Post verschickt werden können. Dabei ist doch alles ganz einfach.