Das Bild hat Seltenheitswert: Da sitzen Roger Schawinski, Peter Wanner und Albert Stäheli zusammen an einem Tisch und sind sich einig. Ihre Forderung: 100 Millionen Franken TV-Gebühren zugunsten der privaten Fernsehstationen, Unterbrecherwerbung und die Möglichkeit, auch für alkoholische Produkte Reklame zu machen.

Eine seltsame Einigkeit bei einem Trio, das sich, sagt ein Branchenkenner, «sonst nicht mal das Zahnweh gönnt». Den Privat-TV-Macher Schawinski (Tele Züri, Tele 24), den Aargauer Medienzar Wanner (Tele M1, Tele Tell, «Aargauer Zeitung») und BTM-Chef Stäheli (Telebärn, «Berner Zeitung») trieb die nackte Not zum gemeinsamen Auftritt: Bei Tele 24 brachen die Werbeeinnahmen in den ersten vier Monaten gegenüber dem Vorjahr um 24 Prozent ein, bei Telebärn um 12 Prozent. Und selbst bei Tele M1, das mehr TV-Spots verkaufen konnte, reichen die Einnahmen nicht für schwarze Zahlen.

Alles Vergangenheit: Die Pressekonferenz Anfang Mai in Bern war Schawinskis letzter grosser Auftritt als selbstständiger Medienunternehmer. Ende August verkaufte er sein Lebenswerk an die Tamedia AG. Die Besitzerin des «Tages-Anzeigers» bezahlte für Radio 24 und Tele Züri stolze 92 Millionen Franken.

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Tele 24 aber wird eingestellt – eigentlich eine gute Nachricht für Schawinskis temporäre Mitstreiter. Das «erste private Fernsehen der Schweiz» (Eigenwerbung) nahm im vergangenen Jahr rund 31,4 Millionen Franken mit Werbung und Sponsoring ein – Geld, das die kleinen TV-Stationen dringend gebrauchen könnten.

«Ich kenne kein Regionalfernsehen, das mit Gewinn arbeitet», sagt Fibo Deutsch, bei Ringier verantwortlich für das TV-Geschäft. «Und wo dies behauptet wird, dort wird das Fernsehen durch einen kommerziell erfolgreichen Radiosender oder eine Zeitung aus dem gleichen Verlag quersubventioniert.»

Und dies mit stolzen Summen: Telebärn etwa hat das Stammhaus BTM seit dem Start 1995 rund zehn Millionen Franken gekostet und schrieb allein im Jahr 2000 bei Gesamtkosten von fünf Millionen Franken ein Defizit von 1,6 Millionen. Die AZ-Medien haben in Tele M1 bisher 7,2 Millionen investiert. Tele Ostschweiz, hinter dem die «Neue Zürcher Zeitung» steht, rechnet dieses Jahr bei einem Budget von 4,5 Millionen Franken mit einem Defizit von 3,5 Millionen – so wird die Sendebewilligung zur Konzession zum Geldvernichten.

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Daran änderte auch das im November 2000 lancierte «TeleNewsCombi» (TNC) nichts, ein gemeinsamer Auftritt von zehn Privat-TVs, die auf diese Weise stärker von nationalen Werbekampagnen profitieren möchten. Das ursprüngliche Budget von zehn Millionen Franken wird jedoch weit verfehlt werden.

Gerangel ums Erbe von Tele 24
Umso begehrlicher schielt man auf die Werbemillionen, die mit dem Aus von Tele 24 frei werden: «Ich bin überzeugt, dass wir alle durchstarten werden», liess sich AZ-Besitzer Wanner in der «Werbe-Woche» zitieren. Hans-Peter Klauser von Tele Ostschweiz meinte, dass mit Tele 24 ein Sender verschwinde, «der uns sowohl in der regionalen Berichterstattung als auch auf dem Werbemarkt konkurrenziert hat».

Die grossen Hoffnungen der Privaten könnten sich aber rasch als Illusionen entpuppen. Für grosse nationale Werbekampagnen, auf die alle hoffen, sind die Regionalsender – mit Ausnahme von Tele Züri – allesamt eine Nummer zu klein. «Ich glaube nicht, dass die Einführung von neuen Werbemöglichkeiten das Regional-TV retten wird», sagt Andy Lehmann, Geschäftsführer des «Mediahaus.Seefeld» in Zürich. «Von Alkoholwerbung etwa würde höchstens TV3 profitieren.»

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Für Andy Lehmann liegt der wunde Punkt an einem anderen Ort: «Die Qualität des Gezeigten stimmt oft nicht», kritisiert er, «damit die Werbung glaubwürdig erscheint, muss das Medium glaubwürdig sein. Dazu braucht es einen professionellen Journalismus.»

Und der ist längst nicht überall vorhanden: «Bei uns geht alles über den Sender, ob brauchbar oder nicht», gibt eine Mitarbeiterin eines Regionalfernsehens offen zu. Die mangelnde journalistische Qualität fällt auch dem Berner Medienwissenschaftsprofessor Roger Blum auf: «Was ich am Regional-TV sehe, wirkt oft ein bisschen handgestrickt. Die meisten Sender berichten einfach über aktuelle Ereignisse in der Region, machen aber selber keine Recherchen.» Statt eigene Geschichten zu präsentieren, langweilen die TV-Sender ihr Publikum mit den immer gleichen Bildern von Pressekonferenzen, unbedarften Interviews mit Lokalprominenz und Aufnahmen von Verkehrsunfällen. Kein Wunder, dass die Zuschauerquoten augenblicklich absacken, sobald auf SF DRS die «Tagesschau» oder «10 vor 10» läuft.

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«Wenn die regionalen TV-Stationen überleben wollen, gibts nur eine Strategie», sagt Medienwissenschaftler Blum. «Sie müssen endlich besser zusammenarbeiten. Was spricht beispielsweise gegen ein gemeinsames Unterhaltungsprogramm?»

Offensichtlich einiges, wie Telebärn-Programmleiter Marc Friedli erklärt; die einzige Sendung, die von mehreren Regionalsendern gemeinsam produziert wird, das Trendmagazin «Klopfer», soll wieder gestrichen werden: «Unsere Zuschauer goutieren offenbar nicht dasselbe wie das Publikum von anderen Sendern.» Solche Zusammenarbeit sei deshalb «nicht unbedingt der weitere Weg».

Wie dieser «weitere Weg» für das private Regionalfernsehen in der Schweiz aussehen könnte, weiss man auch beim Branchenverband Telesuisse nicht: «Es dürfte Fusionen geben», sagt CVP-Ständerat und Telesuisse-Präsident Filippo Lombardi. Trotzdem glaubt er an eine Chance für die Regionalsender: «Um gutes Fernsehen zu machen, braucht es halt eine gewisse Anlaufzeit.»

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Nur die Kooperation hat Zukunft
Roger Schawinski ist pessimistischer: In der deutschsprachigen Schweiz habe es Platz für maximal fünf Regionalfernsehsender, erklärt er: je einen in Zürich, Basel, Bern, im Aargau und in der Ostschweiz. Dazu müssten aber verschiedene Verleger über ihren Schatten springen – und mit den vermeintlichen Konkurrenten endlich eine verbesserte Zusammenarbeit suchen.

Ein unwahrscheinliches Szenario: «Die Verleger wollen um jeden Preis verhindern, dass jemand in ihr Einzugsgebiet eindringt und dort Fernsehen macht», sagt Roger Schawinski. «Ob sie dabei Geld verdienen, spielt überhaupt keine Rolle. Und was an Inhalten über den Sender läuft, interessiert sie noch weniger.»