Die Sendung «Quer» auf SF1 erhält ein neues Konzept. Für die «Quer»-Rubrik «So nicht!» bedeutet das nach elf Jahren: Kamera aus. Grund genug für einen Blick zurück: Die fünf Expertinnen und Experten aus dem Beobachter-Beratungszentrum, die in den letzten Jahren jeweils die «So nicht!»-Beiträge kommentierten, erinnern sich an jenen Fall, der den stärksten Eindruck hinterlassen hat. Weil er auch heute noch, aus der Distanz von mehreren Jahren, wütend macht. Oder weil er so unglaublich absurd ist, dass man, trotz der Tragik, beinahe lachen muss. Es sind fünf Momentaufnahmen aus dem Alltag unseres Beratungszentrums, fünf ganz unterschiedliche Geschichten - und dennoch sind sie exemplarisch für jene Schicksale, mit denen unsere Fachleute täglich konfrontiert sind, für ihr Engagement und ihr Mitfiebern. Es ist ein Rückblick ohne Nostalgie, weil es kein wirkliches Ende ist: Zwar hören die Studioauftritte auf, das symbolische Auf-den-Tisch-Hauen vor der Kamera, doch im Beratungszentrum kümmern sich unsere Expertinnen und Experten weiter um Missstände und Ungerechtigkeiten. Der «So nicht!»-Kampfgeist bleibt.

Barblina Töndury: «Den Tränen nahe»Der Fall eines jungen Wallisers hat mich sehr ergriffen. Ihm ist passiert, wovor wir alle irgendwie Angst haben: Völlig unschuldig ist er in etwas hineingeraten, das er nicht mehr aufhalten konnte, das sein ganzes Leben verändert hat. Der junge Mann stolperte über ein Mäuerchen. Die Knieverletzung verschlimmerte sich, sie hätte dringend in einer Spezialklinik in einem anderen Kanton behandelt werden müssen. Aber der Vertrauensarzt des Kantons Wallis und die Versicherung weigerten sich, die Kostengutsprache für eine ausserkantonale Behandlung zu erteilen, und schoben sich gegenseitig die Verantwortung zu.

Als der Mann ins Studio kam, konnte er schon nicht mehr gehen. Er sass im Rollstuhl. Mit der Sendung wollten wir erreichen, dass der Kanton Wallis und die Versicherung dem Mann wenigstens einen angemessenen Schadenersatz zahlen. Die Verhandlungen laufen bis heute. Das Bein wird man höchstwahrscheinlich amputieren müssen. Während der Sendung kamen mir fast die Tränen. Wenn ich heute daran denke, werde ich wütend. Die Gesundheit eines Menschen ist irreparabel zerstört - wegen der Ignoranz von ein paar Bürokraten, die kostbare Zeit verstreichen liessen. Der Leidtragende ist der junge Mann, der eigentlich alles richtig gemacht hatte. Statt mit seinem Schicksal zu hadern, strahlte er eine Fröhlichkeit aus, als er ins Fernsehstudio kam, die uns alle ansteckte. Diese Kraft hat mich beeindruckt.

Gabriela Baumgartner: «Ein Alptraum»Eine Bankangestellte blieb mir stark in Erinnerung. Diese völlig unbescholtene Bürgerin bekam durch eine missglückte Aktion des Gesetzgebers riesigen Ärger. Viele «So nicht!»-Fälle, die uns über die Hotline des Beobachter-Beratungszentrums gemeldet werden, sind nach genau diesem Muster gestrickt: Der Gesetzgeber denkt die geplanten Massnahmen nicht zu Ende.
Eines Tages flatterte der erwähnten Bankangestellten eine polizeiliche Vorladung ins Haus. Ein Handy, bei Sunrise auf ihren Namen registriert, sei bei einem Einbruchsversuch beschlagnahmt worden. Sie hatte aber keinen Vertrag mit Sunrise abgeschlossen. Von heute auf morgen steckte die Frau in einem Ermittlungsverfahren. Ein Alptraum, auch wenn das Verfahren bald darauf wieder eingestellt wurde!

Hintergrund war eine Gesetzesänderung, wonach alle Besitzer von Prepaid-Handys registriert werden sollten. Woran bei der ganzen Übung niemand gedacht hatte: Die Anbieter dieser Handys haben null Interesse, Angaben und Ausweis ihrer Kunden genau zu prüfen. Die wollen einfach Geschäfte machen. Ein Polizist erzählte mir, dass sich jemand sogar als Donald Duck, wohnhaft in Entenhausen, registrieren liess. Da ist es ein Einfaches, ein Mobiltelefon unter falschem Namen einzulösen - zum Beispiel unter jenem der Bankangestellten. Den Anbieter Sunrise hat das nicht gross gekümmert; erst nach dem «Quer»-Beitrag hat sich das Unternehmen bei der Frau entschuldigt.

Irmtraud Bräunlich: «Sehr spannend» Für die Sendung «Quer» hatte ich es hin und wieder mit Fällen zu tun, die mich in eine fremde Welt entführten. Ich musste mich innert kürzester Zeit in ein völlig neues Thema einarbeiten. Das war anstrengend, aber auch wahnsinnig spannend - wie damals, als es um den gefälschten «van Dyck» ging.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Ein Ehepaar kauft bei einem renommierten Auktionshaus ein Gemälde von Anthonis van Dyck, das im Katalog als echt beschrieben wurde. Die nachträgliche Expertise ergibt, dass es sich um eine Fälschung handelt. Ob das Paar das Geld zurückerhalten hat, habe ich inzwischen schon vergessen. Wir wollten mit dem Beitrag vor allem die zukünftigen Kunstkäufer informieren: Wie liest man einen Katalog, worauf muss man vor dem Kauf achten, was bedeuten die Fachbegriffe in den Katalogen?

Um in der Sendung kompetent Auskunft geben zu können, habe ich Fachartikel über den Kunsthandel und das Auktionswesen gelesen und mit Kunsthändlern telefoniert. Ein faszinierendes Universum hat sich mir eröffnet, mit eigenen Gesetzen und Werten. Ich hätte nie gedacht, dass die Kunstwelt sogar eine eigene Sprache besitzt. «Das Werk kommt aus der Werkstatt von Da Vinci» heisst zum Beispiel, dass nicht der Meister das Bild gemalt hat, sondern einer seiner unzähligen Gehilfen oder Schüler. Und Vorsicht bei Formulierungen wie: «Das Werk wird XY zugeschrieben.» Das heisst noch gar nichts. Nach der Sendung habe ich mir dann geschworen: Sollte ich irgendwann einmal genügend Geld haben, um mir ein Kunstwerk zu kaufen, ziehe ich einen Experten bei. Der muss dann übersetzen.

Rosmarie Naef: «Zum Dealer gestempelt» Gesetze sind nicht perfekt. Nie − diese Erfahrung mache ich während meiner Arbeit im Beobachter-Beratungszentrum immer wieder. Und auch, dass blinde Gesetzesgläubigkeit und -durchsetzung manchmal zu absurden Ergebnissen führen.

Wie im Fall jenes 73-jährigen Rentners, der wegen Anbau und Weitergabe von Cannabis verurteilt wurde. In seinem Schrebergarten hatte er Hanf als Heilmittel angepflanzt, den er regelmässig pflückte, nach Hause trug und dort trocknete. Der daraus zubereitete Tee half seiner Frau, die Schmerzen nach einer krebsbedingten Brustamputation zu lindern - im Gegensatz zu vielen anderen Mitteln wie etwa Morphium ganz ohne Nebenwirkungen und erst noch billig.

Trotzdem wurde der Mann zum Dealer gestempelt und vor Gericht gezerrt. Mein Gott, das Zeug war ja nicht einmal zum Rauchen gedacht. Wo bleibt da der gesunde Menschenverstand? Um mich auf die «Quer»-Sendung vorzubereiten, habe ich Aufsätze über die Situation im Ausland gelesen: In einzelnen Staaten der USA kann Hanf trotz restriktiver Drogenpolitik durch Ärzte legal als Heilmittel verschrieben werden. Müsste man sich das nicht auch für die Schweiz überlegen? Stattdessen geht man auf ein friedliches Rentnerpaar los: 400 Franken Busse plus Verfahrenskosten und ein Eintrag im Strafregister. Für dieses Urteil habe ich überhaupt kein Verständnis. Das Ehepaar nahm die Geschichte mit Humor - diesen Eindruck hatte ich jedenfalls, als ich die beiden im Filmbeitrag für die Sendung sah.

Walter Noser: «Söihäfeli-Söiteckeli» Als ich den Brief vom Sozialamt der Stadt Arbon sah, dachte ich: «Gehts noch!» Die Behörde verlangt darin von einem Ehemann, dass er die Schulden seiner Frau übernimmt, die sie vor der Ehe gemacht hat. Als der Amtsvorsteher die Forderung für «Quer» auch noch vor der Kamera wiederholte und meinte, das sei halt im Thurgau so, war für mich klar: Skandal! Laut Gesetz bezieht sich die eheliche Beistandspflicht ganz klar nicht auf Schulden vor der Ehe. Das wäre ja absurd - jeder, der heiraten will, müsste zuerst das Schuldenregister des Partners prüfen.

«Das Sozialamt von Arbon hat Nachhilfestunden nötig», habe ich damals während der Sendung gesagt. Inzwischen würde ich sogar noch einen draufgeben: «Auch das Sozialdepartement des Kantons Thurgau braucht Nachhilfe.» Es hat nämlich die Beschwerde des Paars tatsächlich abgelehnt und den Entscheid des Arboner Sozialamts gestützt. «Söihäfeli-Söiteckeli-Politik» nenne ich das. «Vetternwirtschaft» würde auch passen - eine Behörde schützt die andere. Ich hoffe nun, dass der Fall ans Verwaltungsgericht weitergezogen wird. Dort wird man hoffentlich anders entscheiden. Die Thurgauer könnten dann nicht mehr selbstgefällig sagen: «Bei uns ist das halt so.»

Quelle: Schweizer Fernsehen
Anzeige