Der Rucksack wiegt schwer auf meinem Kopf, und ich bin froh, wieder einmal durch den Siret zu waten. Der Fluss bringt etwas Abkühlung. Nass sind wir ohnehin – weil wir schwitzen. Jede freie Minute gönnen wir uns deshalb einen Sprung ins Wasser. Trotz der Hitze ziehe ich nach zwei Tagen im Dschungel etwas Langärmliges an. Die Urwald- und Sumpfgegend von Irian Jaya, der grössten Provinz Indonesiens, gilt als Hochrisikogebiet für Malaria. Moskitos und andere Insekten warten nur auf einen Fetzen freie Haut.

Sobald es dunkel wird, ist es besonders gefährlich. Unser Expeditionsleiter warnt: «Wer sich in der Nacht aus dem Zelt wagt, begibt sich in Lebensgefahr.» Auch Spinnen und Schlangen graben sich dann aus ihren Verstecken. Teilweise ist der Dschungel so dicht, dass unsere Träger mit ihren Macheten eine Schneise schlagen müssen, damit wir Platz für unsere Zelte haben. Die erste Nacht verbringe ich in einer Baumhütte, fünf Meter über der Erde. Im Zelt. Der Hüttenboden ist ziemlich morsch, und es besteht die Gefahr, dass ich durchbreche. Wenn ich liege, gehts, weil sich mein Gewicht auf mehrere Stellen verteilt. Einschlafen ist dennoch schwierig. Ich bin diese hohen Temperaturen einfach nicht gewöhnt.

Eigentlich sind Schnee und Eis mein Element. Ursprünglich bin ich Bergsteiger: In der Schweiz habe ich alle Viertausender bestiegen, in Asien noch zwei Achttausender. Zudem war ich schon am Nordpol, in Sibirien, in den Anden und habe bei minus 62 Grad in Alaska übernachtet. Vor einem Jahr lief ich mit den Schneeschuhen von meiner Heimat im Baselbiet an den Genfersee. 14 Tage alleine im Schnee.

Drei Wochen Dschungel sind da ein wahres Kontrastprogramm. Ich habe so etwas noch nie gemacht. Am Anfang sind wir 23 Personen: sieben Expeditionsteilnehmer, der Rest Vorrats- und Gepäckträger aus Irian Jaya. Da wir immer weniger Essen und Trinken zu transportieren haben, wird unsere Gruppe von Tag zu Tag kleiner. Am Schluss sind wir noch zu elft.

Ein Teil der Einheimischen marschiert voraus, ein anderer am Ende des Trosses. Ich laufe im Mittelfeld. Das Tempo ist hoch, und bald einmal verlieren die Hintersten den Anschluss; die Träger rufen sie mit lauten, tierischen Schreien. Doch die Antwortrufe kommen nicht nur von hinten, sondern auch von vorne. Irgendetwas stimmt nicht. Plötzlich stehen wir vor einer Gruppe Dschungelbewohner. In der linken Hand tragen sie einen Speer, in der rechten Pfeil und Bogen. Wir signalisieren, dass wir in friedlicher Absicht kommen. Mir wird jetzt klar, dass die Rufe auch den Dschungelbewohnern gegolten haben. Sie erfahren dadurch, dass sich jemand in ihrem Gebiet aufhält.

Die Menschen sehen aus wie in der Steinzeit. Die Frauen tragen Baströcke, die Männer eine Nussschale – mehr nicht. Es sind Kannibalen. Sie haben noch nie einen Weissen gesehen. Wahnsinnig, dass es das noch gibt. Meine Kollegen und ich machen Fotos. Die Leute sind stolz, dass wir uns für sie interessieren. Äussere Einflüsse gibt es keine. Die Menschen leben in ihrer eigenen, unberührten Welt. Das beeindruckt mich.

«Ich lasse keinen Abfall liegen»
Ich bin ziemlich unbedarft auf diese Reise gegangen. Das wird mir bewusst, als ich wieder einmal im Siret bade und hinterher erfahre, dass im Fluss auch Krokodile unterwegs sind. Natürlich informiere ich mich vor einer Reise über das jeweilige Gebiet. Aber zu viel möchte ich gar nicht wissen. Je mehr ich weiss, desto vorsichtiger gehe ich die Sache an. Der Gedanke an Sicherheit zerstört jedes Abenteuer.

Die Sicherheit hat für mich heute dennoch einen ganz anderen Stellenwert als noch vor 20 Jahren. Ich habe mittlerweile ein Haus, eine Familie und trage entsprechend Verantwortung. Ohne das Verständnis meiner Frau und meines Arbeitgebers könnte ich aber ohnehin nicht so oft auf Reisen gehen. Und das wäre schlimm für mich. Ich brauche die Herausforderungen der Natur. Je weiter ich meine Grenzen auslote, desto grösser ist die Befriedigung. Das mag recht egoistisch klingen, aber ich versuche stets, ethisch verantwortbar zu reisen: Ich passe mich dem Umfeld an, lasse keinen Abfall liegen und bin zurückhaltend beim Fotografieren.

Unter dem Strich folge ich nur jenem Instinkt, der in jedem Menschen steckt: dem Drang nach Wissen und der Neugier, unseren Planeten zu entdecken.

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