Zuerst musste ich mit dem Taxifahrer feilschen. Der verlangte einen überrissenen Preis, weil es gefährlich sei, ins Stadtzentrum von Kairo zu fahren. Der Fahrer war vielleicht 40 Jahre alt. Er meinte, Mubarak sei schon recht, das Regime handle richtig. Das hat mich erschüttert: dass es noch immer Menschen gibt, die sich so einschüchtern oder vereinnahmen lassen.

Ich wohne in Kairo immer im selben Hotel, ganz in der Nähe des Al-Tahrir-Platzes. Von da führen sechs Strassen sternförmig weg, alle waren voller Menschen. Die kleinen Gässchen waren wie ausgestorben, doch im Hinterhof ging das normale Leben weiter, man konnte Gemüse kaufen, Früchte und Baguette. Auch wenn das fast niemand mehr zahlen kann.

Der Aufstand des Volkes in Ägypten ist nicht nur eine Forderung nach Demokratie. Er ist auch eine Brotrevolution. Den Menschen geht es schlecht. Die Organisation Kifaya, zu Deutsch «Es reicht», gibt es schon seit über zehn Jahren.

Ich ging schnurstracks auf den Al-Tahrir-Platz. Alles voller Menschen jeden Alters, jeder Religion, auffallend viele Frauen. Anfangs war die Stimmung völlig friedlich. Ich ging herum, sprach mit den Leuten. Ich plante eine Serie mit Porträts: jeweils ein Foto, alle Angaben zur Person, und dann die Fragen: Wovon träumen Sie? Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

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Mit jedem Tag wurde es gefährlicher

Das Arbeiten war nicht einfach. Das Regime hatte schon sehr früh alle Internetverbindungen unterbrochen. Weil die Revolution in Ägypten über Facebook begonnen hatte. Früher sprengte man Brücken, heute kappt man das Internet. Ich musste meine Texte per Telefon diktieren.

Natürlich hatte ich mich gefreut, als sie mich auf der Redaktion fragten, ob ich für die Zeitung nach Kairo gehen wolle. Ich bin Algerier, Arabisch ist meine Muttersprache. Seit Jahren schreibe ich immer wieder über den Maghreb. In Algier, wo ich aufgewachsen bin, habe ich auch für Niklaus Meienberg gearbeitet, so kam ich zum Journalismus. Eine Zeitlang wohnte ich in Ägypten; vor allem in Kairo kenne ich mich aus. Und klar: Wenn so eine Revolution passiert, muss man als Journalist einfach dort sein.

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Doch mit jedem Tag wurde es gefährlicher. Die lokalen Medien, die vom Regime kontrolliert werden, verbreiteten, dass Ausländer und vor allem Journalisten gefährliche Spitzel seien. Gute alte Propaganda. Das ist etwas vom Schlimmsten überhaupt: wenn man nicht mehr weiss, wer auf welcher Seite steht. Mubaraks Regime hatte ja auch schon in den ersten Tagen des Aufstands Kriminelle aus den Gefängnissen freigelassen und Banden angeheuert, die es auf die Demonstranten hetzte. Am Freitag war der Al-Tahrir-Platz völlig umzingelt. Am ersten Checkpoint kamen wir noch durch, am zweiten blieben wir hängen.

«Mich interessieren nicht die Toten, sondern die Geschichten der Lebenden»: Sid Ahmed Hammouche, Schweizer Journalist in Ägypten

Quelle: Bertrand Cottet/Strates
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Als Erstes löschte ich sofort sämtliche Fotos auf meinem Chip. Ich hatte Angst, dass die Bilder den Leuten schaden könnten, die mir ihre Geschichte anvertraut hatten. Ich arbeite für die Leute, nicht gegen sie. Ich wollte auch nicht über die Verletzten und Toten schreiben. Ich bin kein Voyeur, sondern Zeuge. Mich interessieren die Geschichten der Lebenden.

Fünf Stunden lang wurden wir festgehalten. Die Truppen hatten Macheten und Kalaschnikows – die Geheimdienstler dagegen Schweizer Sturmgewehre. Sie stellten unzählige Fragen und notierten alles. Ich versuchte mit ihnen zu sprechen: Warum tut ihr das? Findet ihr das richtig? Antworten habe ich natürlich nicht erhalten. Bei Einbruch der Nacht liess man uns frei.

Ich kam gar nicht auf den Gedanken, dass ich Angst haben könnte. Ich machte nur meinen Job. Als ich realisierte, dass tatsächlich Kriegszustand herrschte und dass das ganz konkret Konsequenzen für mich haben konnte, erkannte ich, dass ich fliehen musste. Weg aus Kairo, weg aus Ägypten. Zum Glück hatte man mir mein Handy nicht weggenommen, anders als bei anderen. Ich nahm Kontakt zur Schweizer Botschaft auf, die aber keine Möglichkeit hatte, uns zum Flughafen zu bringen. Zuerst wollte ich bloss bis nach Beirut – in der Hoffnung, das Mubarak-Regime trete bald ab. So wäre ich schneller wieder vor Ort gewesen, um berichten zu können.

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Verprügelt, schikaniert und bedroht

Doch als wir, ein Journalistenkollege und ich, wieder an einem Kontrollposten festgehalten, verprügelt, schikaniert und bedroht wurden, entschloss ich mich zur Heimreise in die Schweiz. Ich sei ein Ausländerschwein, ein Spion, ein Verräter, sagten die Soldaten. Wieder schlugen sie uns, und ich spürte die Klinge einer Machete an den Rippen. Erst als Leute sich einmischten, eine Frau, ein Gemüsehändler, der mich kannte, liess man uns ziehen.

Im Flugzeug trank ich als Erstes einen Gin Tonic. Ich stand unter Schock. Doch wenn man mich gefragt hätte, wäre ich ein paar Tage später wieder nach Ägypten geflogen. Natürlich hätte ich mich mit meiner Frau besprochen – sie erwartet unser zweites Kind. Als ich dann in der Schweiz vom Sturz Mubaraks hörte, rief ich sofort meine Freunde an. «Was hältst du von der ägyptischen Jugend?», fragten sie mich. «Wir haben in 18 Tagen etwas erreicht, was ein Grossteil der Welt für unmöglich gehalten hätte.» Ägypten, die Mutter der arabischen Welt, lässt ihre Kinder von Algier bis Tunis von Freiheit und Demokratie träumen.

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