Der Mensch ist vergesslich. Eine junge Spanierin, eine begabte Musikerin, vergass auf dem Nachhauseweg im Zug ihre Geige. Es war nicht irgendein Instrument, sondern eine Stradivari. Die Geigen kosten leicht mehrere Millionen Franken; junge Musiker erhalten sie meist nur leihweise. Die Spanierin war dann doch ziemlich erleichtert, als wir ihr das Instrument aushändigen konnten. Auch der Fall eines Museumsmitarbeiters ist bemerkenswert. Er hatte den Auftrag, einen Samuraisäbel von einem Museum zum anderen zu transportieren. Das klappte nicht, denn er liess den Säbel im Wert von mehreren hunderttausend Franken im Abteil liegen.

Es ist manchmal wirklich erstaunlich, was die Passagiere alles vergessen. Kleider oder Handys kann man ja noch nachvollziehen. Aber eine ganze Fakirausrüstung inklusive ausgestopfter Kobra und dazupassender Flöte? Selbst Rollstühle oder Krücken bleiben zurück. Zugfahren scheint heilend zu sein.

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Walter Bader im Zentrallager der SBB.

Quelle: Holger Salach

Sträflingsjacke sucht Besitzer

Jetzt kommt die Sommersaison. Für uns bedeutet das: Es werden wieder Velos aktuell. In unserem Zentrallager in Bern haben wir dafür einen Extraraum. Am meisten vergessen werden Mäntel und Jacken. Im letzten Jahr waren es insgesamt 12650. An zweiter Stelle kamen mit 12550 Stück die ­Handys. Brillen waren es 4600. Die ­bizarrsten Gegenstände fotografieren wir. Im entsprechenden Ordner gibt es Bilder von ausgestopften Wasservögeln, Giftringen oder einer originalen Sträflingsjacke aus Alcatraz.

«Einer hat einen Samurai-Säbel im Zug vergessen.»

«Selbst Krücken bleiben zurück. Zugfahren scheint heilend zu sein.»

«Grosis Gallensteine im Gurkenglas holte keiner ab.»

«Am meisten vergessen werden Jacken und Handys.»

Walter Bader, Produktmanager Fundservice bei den SBB

Seit 2004 betreiben wir das Fundsystem elektronisch. Seither konnten wir unsere Rückgabequote von 42 auf 54 Prozent steigern. Im Vergleich mit dem Ausland liegen wir damit klar an der Spitze. Gefundene Gegenstände aus der ganzen Schweiz werden noch in der Nacht nach Bern ins Zentral­lager gebracht. Am nächsten Morgen beginnen wir mit der Erfassung. Jeder Gegenstand wird nach den gleichen Kriterien erfasst, die auch Personen auf unserer Internetseite angeben müssen, wenn sie etwas verloren haben. Der Computer gleicht dann die Daten ab und findet so den Besitzer.

Fundgegenstände bis zum Wert von ­50 Franken lagern wir einen Monat lang bei uns, die übrigen drei Monate. Holt sie keiner ab, verschicken wir die Ware an unsere Partnerorga­nisation Fundsachenverkauf.ch. Dort werden sie direkt und über die Website verkauft oder versteigert. Nicht alles kann verkauft werden. Ein Gurkeneinmachglas mit der Aufschrift «Grosis Gallensteine» und entsprechendem Inhalt fand keinen Käufer. Immerhin interessierte sich dann ein Mu­seum dafür.

Auch Betrüger versuchen ihr Glück

Nicht immer haben die Leute, die sich bei uns melden, ehrliche Absichten. Manche versuchen, an Fundsachen zu kommen, die gar nicht ihnen gehören. Einer änderte mehr als 50-mal die Beschreibung eines Handys, in der Hoffnung, dass der Beschrieb schon auf eins im Lager zutreffe. Er variierte Marke, Modell und sogar die Farbe der Hülle. Doch zu seinem Pech befand sich grad keins im Fundus, auf das eine der Beschreibungen zugetroffen hätte. Ein anderer hatte mehr Glück. Er konnte sich mit einer fingierten Beschreibung ein Handy erschleichen. Dumm nur, dass sich einen Tag später der richtige Besitzer meldete. Als wir den falschen Besitzer kontaktierten, weigerte er sich, das Handy herauszu­rücken. Wir schalteten die Polizei ein. Der Beamte forderte ihn auf, das Telefon zurückzubringen. Darauf wollte der Betrüger wissen, ob die Polizei es denn nicht abholen könnte. Der Polizist teilte ihm mit, das könnten sie schon, allerdings würden sie dann nicht nur das Handy, sondern auch gleich ihn mitnehmen. Das wirkte.

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Was müffelt, geht in die Wäsche

Oft vergessen werden Taschen mit Sport- und Trainingskleidern. Meist bleiben die Taschen nicht vor, sondern nach dem Sport zurück – mit den verschwitzten Kleidern darin. Einmal kam ein junger Mann ganz verschämt an den Schalter. Es war ihm sichtlich peinlich, weil er befürchtete, dass ­seine verschwitzten Sportsachen zu stinken begonnen hätten. Wir über­gaben ihm die Tasche. Als er sie aufmachte, entfuhr ihm ein Schrei der Überraschung. Alle Kleider lagen getrocknet und gefaltet da.

Das ist ein Service, den wir unseren Kunden immer anbieten. Als Dienstleistung, aber auch zu unserem Schutz. Nasse Kleider beginnen zu schimmeln; es können sich Krankheitserreger ausbreiten. Manchmal sind aber auch wir machtlos. Vor einiger Zeit erreichte uns die Anfrage nach einem verlorenen Koffer. Der englisch sprechende Mann erzählte, sein Vater hätte einen Koffer im Zug von Paris nach Lausanne vergessen. Er sei beige und möglicherweise im Bahnhof in Lausanne liegengeblieben. Obwohl wir gerne geholfen hätten, mussten wir leider passen, als wir das Datum sahen: Der Vater hatte die Zugreise im Oktober 1922 unternommen.