Es ist nicht so, dass ich noch nie aus der Ostschweiz herausgekommen wäre. Ich bin auch schon gereist, zweimal zum Beispiel nach Australien. Asien war aber nie mein Traumziel. Als sich jedoch die Möglichkeit auftat, drei Monate in Südkorea zu arbeiten, habe ich sofort zugesagt. Ziel war Yeoju, eine Stadt mit 30'000 Einwohnern, rund eine Stunde von der Hauptstadt Seoul entfernt.

Für die Gossauer Holzbaufirma Blumer-Lehmann arbeitete ich am Klubhaus eines Luxus-Golfklubs mit. Der Entwurf stammt vom japanischen Stararchitekten Shigeru Ban. Er hat unter anderem an der Expo 2000 in Hannover den aus Karton gefertigten japanischen Pavillon errichtet.

Die tragende Konstruktion, das Gerippe des Klubhauses, ist einem Wald nachempfunden, die Baumkronen bilden das Dach. 4350 dreidimensional gekrümmte, schichtverleimte Teile haben wir verbaut in dem Gebäude, das 72 mal 36 Meter gross werden wird. Das Auftragsvolumen betrug fünf Millionen Franken – bescheiden angesichts des vorhandenen Geldes: Der Klub hat 100 Mitglieder, jedes hat eine Million Franken Beitrittsgebühr bezahlt. Die Bepflanzung des Golfplatzes hat übrigens gleich viel gekostet wie unser Teil des Gebäudes. Dass es sich um ein Prestigeprojekt handelt, zeigt sich auch daran, dass so üppig mit Holz hantiert wurde: Holz ist in Südkorea enorm teuer, weil das Land fast kahlgerodet war und jetzt alles aufgeforstet werden muss.

Eisbären, Maulwürfe und Brasilianer

Ich wusste zwar, dass Südkorea ungefähr auf demselben Breitengrad liegt wie die Schweiz. Trotzdem war ich sehr überrascht, wie ähnlich dieses Land unserer Heimat ist. Das Strassennetz ist sehr gut ausgebaut, die Leute tragen ähnliche Kleider wie wir. Und selbst die Häuser ähneln unseren in der Bauart stark, was wohl zum Teil am westlichen Einfluss durch die Amerikaner, aber auch nicht zuletzt an den klimatischen Bedingungen liegt. Im Winter ist es sogar noch kälter als bei uns: Im Dezember und Januar hatten wir jeden Tag zwischen minus 10 und minus 15 Grad!

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Diejenigen, die draussen auf dem Bau arbeiteten, bekamen denn auch den Übernamen «Eisbären», jene, die im Keller und auch bei Minusgraden die Fracht sortierten, waren die «Maulwürfe». Ich selber war bei den «Brasilianern», wir waren in einer Halle fürs Leimen der Teile zuständig. Unser Glück: Der Leim braucht beim Verarbeiten mindestens 15 Grad Celsius.

Unser Arbeitstag begann, wie üblich in Südkorea, mit Morgenturnen. Erst spielte die Nationalhymne, dann turnte einer vor und wir turnten nach, mussten uns auch gegenseitig massieren. Einen Sicherheitscheck gab es auch noch, ob alle den Helm dabeihaben und so. Anfangs fanden wir das schon sehr seltsam, kamen uns ein wenig lächerlich vor. Mittlerweile würden etliche von uns, die dort waren, die Morgengymnastik gerne auch hier im Betrieb einführen. Es ist wirklich eine tolle Sache und hilft, Unfälle zu verhüten. Aber leider haben wir bis jetzt niemanden gefunden, der vorturnen will.

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Mit dem Essen wars weit weniger problematisch als befürchtet. Erstens schmeckt mir das koreanische Essen sehr gut, zweitens gabs auch immer die Möglichkeit, europäisch zu essen. Und vor allem wusste man immer, was man im Teller hat, nicht wie in China, wo es vielleicht Hund oder Schlange oder Bisamratte ist. Am besten geschmeckt haben mir die Gerichte Bulgogi, so etwas wie ein koreanischer Tischgrill mit mariniertem Fleisch, und Bibimbap, das aus Reis, verschiedenen Gemüsen, einem gebratenen Ei sowie einer scharfen Chilipaste besteht. Das werde ich bei Gelegenheit mal für meine Frau Sacha und meine Tochter Lynn zu kochen versuchen.

Das «Chodere» ist gewöhnungsbedürftig

Koreanisch kann ich kaum, gerade mal «Grüezi» und «Auf Wiedersehen». Es gab aber auch nur wenig Gelegenheit, sich auf die Sprache einzulassen. Auf dem Bau und auch sonst funktionierte die Verständigung problemlos mit Englisch. Grossen Kontakt zu Einheimischen hatten wir nicht, wir arbeiteten ja fast immer. Wir brauchten eine gewisse Zeit, bis wir realisierten, wie hierarchisch die Strukturen im Geschäftsalltag sind und wen genau man für eine verlässliche Antwort fragen muss. Selbst wenn wir am Vorabend mit dem Chef der Bauherrschaft in der Karaokebar bis in die frühen Morgenstunden Spass hatten und uns duzten – am Morgen danach war wieder alles beim Alten. Asiaten trennen Geschäftliches und Privates aufs Strengste. Der Vorteil: Wenn man dann mal gemeinsam ausgeht, wird wirklich nicht übers Geschäft geredet. So kann man viel besser ausspannen.

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Meine Frau hat mich sehr unterstützt in dem Plan, nach Asien zu fahren, obwohl sie dann drei Monate alleine mit unserer Tochter war. Lynn – sie ist erst sieben – tat sich schwerer, sie vermisste ihren Papi sehr. Daher war es gut, dass sie mich an Weihnachten besuchen konnten. So wusste Lynn, wie es dort aussieht, wo ihr Vater ist, konnte einen Bezug herstellen, wenn wir miteinander telefonierten. Danach gings besser. Natürlich vermisste ich die beiden auch, aber wir hatten enorm viel zu tun und einen ziemlichen Zeitdruck, arbeiteten bis zu 19 Stunden am Tag. Das lenkt ab, und abends ist man einfach so müde, dass man nur noch ins Bett fällt. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, Tagebuch zu schreiben. Aber eben, sich nach solchen Arbeitstagen hinsetzen und Gedanken formulieren, diese Disziplin hatte ich dann doch nicht.

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Mir hat die Zeit in Yeoju sehr gefallen. Ich würde sofort wieder an so einem Einsatz teilnehmen. Woran ich mich aber wohl nie gewöhnen könnte: ans «Chodere». Jeder spuckt fast immer und fast überall. Und ans «Schlarpe» – Südkoreaner heben beim Gehen einfach die Füsse nicht richtig.