Sylvana Ulrich erzählt:

 

«Dass Sportler einen starken Bewegungsdrang haben, liegt ja in der Natur der Sache. Doch was ich in Südkorea erlebte, übertraf meine Vorstellungskraft. Der Chef der Schweizer Delegation kam eines Abends mit müden Augen ins Büro und meinte, er sei so kaputt, dass er gleich ein wenig Sport treiben müsse. Nie im Leben käme mir so etwas in den Sinn. Doch ich war auch der vermutlich unsportlichste Mensch vor Ort und kam mir deswegen manchmal ein wenig deplatziert vor.

Ich war umgeben von lauter Leuten, die ständig auf Abruf Höchstleistungen erbringen. Wenn ich normalerweise irgendeinen Supersportler im Fernsehen sehe und ein wenig neidisch werde, denke ich mir manchmal: Der kann sicher sonst nichts. An der Universiade konnte ich diese Strategie nicht anwenden. Die Athleten sind alle Studenten und nicht nur supersportlich, sondern auch superintelligent und teilweise sogar auch noch supergutaussehend. Fast schon unfair.

Ein Fackelträger und jubelnde Leute

 

Umso surrealer kam es mir vor, dass ich als Mitglied der Schweizer Delegation mit dabei war. Als wir bei der Eröffnungszeremonie ins Stadion einliefen – das war wirklich ein Gänsehautmoment. Tausende von jubelnden Leuten, eine riesige Bühne, der Fackelträger, es war genau so, wie man das von der normalen Olympiade kennt – nur dass ich diesmal nicht vor dem Fernseher sass, sondern mittendrin.

«Als wir bei der Eröffnung ins Stadion einliefen - das war ein Gänsehautmoment.»

Sylvana Ulrich, Studentin

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Meine Aufgabe war, zusammen mit zwei Kollegen die Veranstaltungen mit Schweizer Beteiligung zu besuchen, für die Facebookseite des Hochschulsportverbands die Resultate zusammenzufassen, Statistiken zu führen, Wettkampfberichte zu schreiben für unseren Newsletter und Schweizer Medien mit Informationen zu versorgen. Ich schreibe neben dem Studium für das «Campus»-Magazin der NZZ und untertitle Sport- und andere Sendungen für das Schweizer Fernsehen.

Obwohl ich unsportlich bin, bin ich doch sehr an Sport interessiert und ein treuer Fan des FC Liverpool. Bloss war dieses Wissen im südkoreanischen Gwangju nicht sehr gefragt. Hier musste ich mich im Wasserspringen oder im Bogenschiessen auskennen und Judoregeln lernen. Die Athleten und die Disziplinenchefs waren aber sehr hilfsbereit und gaben gerne Auskunft. Und zum Glück mussten wir ja keine Analysen schreiben. Um das Geschehen einordnen zu können und Statements einzuholen, reichten diese Crashkurse.

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Anstrengende Arbeitstage

 

Nach der ersten Woche stand uns ein massives Schlafmanko im Wege. Das nagte an der Konzentration. Wir kamen meist nicht vor zwei oder drei Uhr ins Bett, bis alle Berichte fertig waren. Um acht Uhr ging es bereits weiter mit der ersten Sitzung, an der geplant wurde, wer welche Veranstaltungen besuchen wird. Gute Organisation war nötig, weil wir nur eine beschränkte Anzahl Fahrzeuge und Fahrer zur Verfügung hatten, um zu den verschiedenen Austragungsorten zu gelangen. Ab neun Uhr besuchten wir die Wettkämpfe, abends gings zurück ins Büro zum Schreiben.

 

Wir wohnten im Athletendorf, einer Hochhaus-Wohnsiedlung. Es war eine eigene kleine Welt. Es gab Parks, einen Beautysalon, ein Religious Centre und natürlich die Dining Hall, eine riesige Mensa.

Ich frage mich bis heute, wie die es geschafft haben, dort ohne grössere Komplikationen so viele Leute zu versorgen. Immerhin nahmen fast 10'000 Athleten an der Universiade teil. Es ist nach der Olympiade die grösste Multisportveranstaltung der Welt.

Und diese Sportler haben Hunger. Einmal war ich mit einem Schwimmer frühstücken. Mir fielen fast die Augen aus dem Kopf, als ich seinen Teller sah: Er hatte einen unfassbar hohen Turm Toastscheiben darauf gestapelt, die er dann auch alle ass.

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Universiade: auf Abruf Höchstleistungen.

Quelle: Angelo Brack

Selfies, überall Selfies

 

Etwas gewöhnungsbedürftig waren auch die zahlreichen freiwilligen Helfer. Sie standen wirklich an jeder Ecke. Und sie standen nicht nur einfach da. Sie wollten meist auch unbedingt Selfies machen mit allen, die in offizieller Delegationskleidung unterwegs waren.

 

Das kam mir komisch vor, weil ich ja gar nicht als Sportlerin dort war und somit nicht einmal ansatzweise Star-Appeal hatte. Aber das schien sie nicht zu interessieren, Hauptsache, es war ein ausländischer Mensch im Tenü mit ihnen auf dem Bild. Ich vermute, es wird unter Koreanern einfach hoch angesehen, wenn jemand viele internationale Bekannte hat.»

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