«Wir schaffen das!» Das ist mein letzter Gedanke, bevor ich zum Anspielkreis vor dem chinesischen Tor fahre. In den verbleibenden zehn Sekunden müssen wir noch ein Goal schiessen, dann fahren wir nach Turin. Ich spiele das Bully, gewinne es aber nur halbwegs, und der Puck kullert zu meiner Gegenspielerin. Sie schiebt ihn Richtung blaue Linie, und dann, dann weiss ich nicht mehr genau, was passiert.

Ich höre jedenfalls plötzlich lautes Geschrei und erkenne schemenhaft, wie meine Kolleginnen die Stöcke in die Luft reissen. Jemand muss getroffen haben. 3:2 gegen China – Turin, wir kommen! Dabei ist die Partie gar nicht zu Ende. Sechs Sekunden müssen noch gespielt werden. Die Schiedsrichterin steht bereits wieder in der Mitte, um den Puck einzuwerfen. Ein richtiges Bully kommt jedoch nicht zustande. Ich stürze mich sofort auf den Puck, begrabe ihn unter meinem Körper. Momente später der Schlusspfiff. Ich umarme meine Mitspielerinnen, ich habe einen Kloss im Hals, kann nicht einmal richtig weinen. Ein Augenblick von extremer Intensität.

Ein sauberer Sport
Als wir später in der Umkleidekabine sitzen, ist es ganz still. Wir alle sind erledigt, sowohl physisch als auch psychisch. Wir haben zusammen etwas erreicht, das unbezahlbar ist und womit ausser uns niemand gerechnet hat: Zum ersten Mal in der Schweizer Sportgeschichte qualifiziert sich ein Frauenteam im Eishockey für die Olympischen Spiele.

So eindrücklich dieses Erlebnis gewesen ist, so schwer finde ich mich danach im Alltag wieder zurecht. Vieles erhält eine neue Bedeutung. Nur schon die simple Frage eines Kollegen «Willst du Zucker in den Kaffee?» finde ich komisch. Was fragt mich der nach Zucker – ich habe doch soeben die Qualifikation für Turin geschafft! Tag und Nacht verbrachte ich zuvor mit meinen Teamkolleginnen, um mit ihnen auf ein gemeinsames Ziel hinzuarbeiten. Zurück in der Realität, scheint mich keiner so richtig zu verstehen. Zum Glück geht es meinen Kolleginnen ähnlich.

Das Fraueneishockey in der Schweiz ist seit jenem Spiel populärer geworden. Die Leute interessieren sich plötzlich für uns: Sie kommen ins Stadion, um sauberes Eishockey zu sehen. Fraueneishockey ist ein Anlass für die Familie. Da gibt es kein Saufgelage und keine Schlägereien – auch nicht auf dem Eis: Im Gegensatz zu den Männern ist bei uns der Bodycheck nicht erlaubt. Bei uns wird schnell, technisch und eben sauber gespielt.

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Entscheidungen aus dem Bauch
In unserer Mannschaft spielen Schülerinnen, Studentinnen und Lehrerinnen. Die jüngste Spielerin ist 16, die älteste 34. Ich gehöre mit 126 Spielen für die Nationalmannschaft zu den Erfahrenen. Wir sind alles Amateure. Wenn wir zu den Spielen reisen, bezahlen wir die Fahrt aus der eigenen Tasche. Und auch für die Trainingscamps zahlen wir etwas – meist zwischen 30 und 40 Franken. Übernachtet wird aus Kostengründen in Zivilschutzanlagen.

Im normalen Leben verhalte ich mich wie im Sport: Ich sage, was ich denke, und bin sehr impulsiv. Dabei verlasse ich mich stets auf meinen Bauch. Das war schon so, als ich 1999 als 19-Jährige nach Deutschland zog. Damals war ich soeben zur Schweizer Fussballerin des Jahres gewählt worden. Kurz darauf fuhr ich nach Mannheim, um einen Vertrag beim Bundesligisten TuS Niederkirchen zu unterschreiben. Niemand wusste davon, und hinterher musste ich den Entscheid nur noch meinen Eltern beibringen. Dies war jedoch kein Problem: Sie wissen, dass ich mich nicht nur für Fussball und Eishockey interessiere.

Schliesslich will ich nach meiner Sportkarriere nicht ohne Ausbildung dastehen. Nach meinem ersten Jahr in Deutschland begann ich deshalb in Berlin das Studium der Literaturwissenschaft. Später wechselte ich nach München; der FC Bayern München hatte mich als Goalie verpflichtet. Parallel dazu stürmte ich als rechter Flügel bei den «Lady Kodiaks» aus Kornwestheim in der Fraueneishockey-Bundesliga. Dort spiele ich auch heute noch. Ohne Eishockey wäre ich im Fussball nicht so erfolgreich – und umgekehrt. Ich brauche beide Sportarten. Das Studium habe ich mittlerweile abgeschlossen.

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Das Wunder von Turin?
Auf die Olympischen Spiele bereite ich mich intensiv vor – teils mit Einheiten, die ich sonst nicht freiwillig mache: Obwohl ich nicht gern jogge, bin ich derzeit oft über eine Stunde unterwegs. Nicht ändern werde ich meine Marotten vor dem Spiel: Ich werde sie auch nach Turin mitnehmen. Sie haben etwas mit meinem Platz in der Kabine und mit meiner Ausrüstung zu tun. Mehr sage ich nicht. Das ist eine Sache zwischen mir und dem Sport.

Ich freue mich bereits jetzt auf die Spielbesprechung mit unserem Trainer. Er spricht meist in Metaphern und ist bekannt für Überraschungen. Vor dem Spiel gegen China sahen wir uns den Kinofilm «Das Wunder von Bern» an. Wer weiss, vielleicht gibt es ja auch das Wunder von Turin. Wir fahren jedenfalls nicht nach Italien, nur um dabei zu sein: Wir wollen einen Platz in den Top sechs.