Als ich vor einem Jahr nach Peking kam, waren die Chinesen schon kräftig im Olympiafieber. Doch ich hatte keine Ahnung, was noch alles kommen sollte.

Etwa all die neuen Regelungen, die praktisch über Nacht eingeführt wurden: Seit kurzem herrscht zum Beispiel ein absolutes Rauchverbot in der Öffentlichkeit - das allerdings fast nirgends eingehalten wird. Ausserdem werden die Leute mit Videos in der U-Bahn darauf hingewiesen, gewisse Anstandsregeln zu befolgen: So gelten Spucken, Nasenbohren und Drängeln neuerdings offiziell als verpönt. Aber in einer Zwölf-Millionen-Metropole ist es im Berufsverkehr geradezu Kult, gekonnt zu drängeln.

Auch die Sicherheitsvorkehrungen wurden verschärft: An den U-Bahn-Stationen wird nun das Gepäck der Passagiere durchleuchtet, und man darf keine Flüssigkeiten mehr mitführen - wie man das bei Flugreisen schon kennt. Und als Eventplanerin wird es für mich jetzt schwierig, weil die Regierung rund um die Stadien alle Klubs zumacht. Alles, was von den Olympischen Spielen ablenken kann, wird seit Anfang Juli gestrichen.

Ich habe China wahnsinnig gern - aber einige der Massnahmen stürzen mich in ein Wechselbad der Gefühle. Ich hätte es nämlich auch den drei Bettlern vor meiner Stammbeiz gegönnt, vom Zustrom der Gäste aus der ganzen Welt zu profitieren. Doch sie sind verschwunden - wie alle ihre Berufskollegen in der Riesenstadt.

Verdächtig viel Regen in letzter Zeit
Allgegenwärtig sind dafür die patriotischen Plakate: Vor dem Hintergrund der Volksmassen streckt sich etwa ein Basketballspieler dem Korb entgegen und wird zweifelsohne den Ball platzieren - zum höheren Ruhme des Vaterlandes. Oder ein Turmspringer taucht mit perfekter Körperhaltung ins Becken ein - auch ihm dürfte eine Medaille sicher sein. Sportliche Dynamik paart sich mit wirtschaftlicher: Es erstaunt mich, wenn ich sehe, wie in dieser kurzen Zeit überall neue Gebäude und Shopping-Center hochgezogen und ganze U-Bahn-Linien und Autobahnen gebaut werden. Dennoch wird der Verkehr immer chaotischer. Das liegt wohl vor allem an der neuen Regelung, dass an geraden Tagen nur noch Autos mit geraden Kontrollschildnummern fahren dürfen, an ungeraden solche mit ungeraden Nummern - ein einziges Durcheinander.

Doch trotz diesem Versuch, den Verkehr zu reduzieren, haben meine Atemwege an schwülheissen Tagen ihre Probleme mit dem Smog. Die Augen tränen, die Sichtweite liegt bei rund 200 Metern. Ich frage mich, wie die Athleten mit der schmutzigen Luft zurechtkommen werden. Aber vielleicht hilft es ja, dass es im Juni jeden Tag geregnet hat. Irgendwo hab ich gelesen, dass das Militär die Wolken täglich mit Kügelchen beschossen habe, damit der so ausgelöste Regen die Luft reinigt - ganz schön irr, wenn das stimmt.

Meinen Englischschülern, die zwischen fünf und 50 Jahre alt sind, ist klar, dass sie die Wettkämpfe nur am Bildschirm verfolgen werden. Denn wie immer bei Grossanlässen werden sich auch in Peking vor allem die Offiziellen in den Stadien breitmachen. Aber die Vorfreude ist inzwischen sowieso ziemlich abgeflacht.

Etwas traurig stimmt mich, dass von rund 70 Lehrpersonen unserer Schule ein Drittel China verlassen hat; sie weigerten sich, das Theater um die Aufenthaltsbewilligung mitzumachen. Viele Ausländer mussten sich nämlich neue Visa beschaffen, zum stolzen Preis von 16'000 Renminbi - rund 1600 Euro. Ich opferte diesen Betrag auf dem Altar meiner Liebe zum Reich der Mitte. Dass heute wesentlich weniger Westler in Peking sind als noch vor einem halben Jahr, wundert mich nicht. Wer bleiben will, muss sich halt anpassen. Im Freundeskreis diskutierten wir lange über die Visa-Geschichte. Bis zu einem gewissen Grad verstehen wir die Massnahme. Die Spiele kosten astronomische Summen. Nach unserer Milchbüchleinrechnung müsste jeder der 1,3 Milliarden Chinesen zwischen 30 und 45 Franken dafür zahlen. Verständlich, dass der Staat die Ausländer zur Kasse bittet, die hier gut verdienen.

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Wir Westler kritisieren gern
Für ausländische Besucher, die für die Spiele herkommen, tut die Verwaltung recht viel. Strassen und Gebäude sind jetzt nicht mehr nur mit chinesischen Schriftzeichen, sondern auch mit unseren Buchstaben angeschrieben. Taxifahrer, die rund um die Wettkampfstätten im Einsatz sind, können neuerdings ein wenig Englisch. Und ihre Fahrzeuge sind mit modernster Elektronik bestückt: Der Gast kann durch das Funktelefon auf Englisch angeben, wohin er will - und schon erscheint die Destination auf dem Monitor des Fahrers in Chinesisch.

Anfangs habe ich mich oft über die Chinesen gewundert. Doch mittlerweile verstehe ich sie viel besser. Ich bin überzeugt, dass sie die Olympischen Spiele nutzen wollen, um den eigenen Leuten und der Welt zu zeigen, dass sie das Know-how und die Fähigkeit haben, so einen Mega-Event reibungslos durchzuführen. Wir aus dem Westen kritisieren gern - sehen nur den Kommunismus und die Bilder aus Tibet. Aber dass China dabei ist zu lernen, sehen wir nicht. China ist ein bewundernswertes Land: die Leute, die Mentalität, die Kultur, die Kunst. Und auch wir im Westen haben noch viel zu lernen. Ich bin stolz, diese beiden Welten miteinander verbinden zu können - auch wenn es nur im kleinen Rahmen ist.

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