Ein Städtetrip nach Birmingham? Mit Abstechern nach Wolverhampton und Nottingham? «Du meine Güte!», werden Sie womöglich zu hören bekommen, wenn Sie von solch absonderlichen Reiseplänen berichten. Ähnlich wird es klingen, wenn es etwa in den Ruhrpott gehen soll. Oder ins zwar hinreissende Genua, dort aber ausgerechnet ins Marassi-Quartier, das völlig zu Recht in keinem Reiseführer vorkommt. Dasselbe bei Ma­drid-Chamartín, London-Newham oder München-Fröttmaning. «Was, um Himmels willen, gibts denn dort zu sehen?»

Die Antwort ist kurz und bestechend: «Fussball – richtigen Fussball.»

Wen der mediokre Kick in den hiesigen Stadien nicht wirklich glücklich macht oder durch die bevorstehende Europameisterschaft erst recht die Lust auf internationale Spiele überkommt, der sollte sich einmal als Groundhopper versuchen: als Reisender an Orte, wo der Fussball im Zentrum der Alltagskultur steht.

Die richtige Taktik entscheidet

In den europäischen Topligen stehen die Spielpläne für die neue Saison 2012/13 zwar noch nicht fest. Doch wer sich Karten selbst für Matches beschaffen will, denen dannzumal das Attribut «ausverkauft» anhängt, und dafür keine unverschämt hohen Preise bezahlen will, tut ohnehin gut daran, die Sache mit genügend zeitlichem Vorlauf zu planen. Ein ticket-taktisches Training in fünf Einheiten:

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Groundhopper sind Feinschmecker und Vielfrasse in einem: gerne gut – und gerne mehr davon. Greifen Sie also zur Landkarte, surfen Sie auf Google Earth und setzen Sie sich Ziele für Ihre Fussballreise. Welches Team wollten Sie schon immer mal sehen? Und welche anderen spielen nah genug, um zu kombinieren? Auch Matches mit weniger bekannten Teams können sich lohnen; sie bieten oft unverfälschtere Fan­erlebnisse.

Oder stellen Sie nicht die Vereine in den Vordergrund, sondern altehrwürdige Stadien, die es in dieser Form vielleicht nicht mehr lange gibt: Weshalb nicht das Craven Cottage von Fulham? Oder San Mamés, die

Bis etwa zwei Monate vor der Reise sollten Sie sich festgelegt haben, welche Matches Sie besuchen wollen und wie Sie innert nützlicher Frist vom einen zum anderen Spielort kommen. Unverzichtbar sind hier die Spielpläne, die Auskunft geben, wer an welchem Wochenende Heimrecht gegen wen hat. Eine gute Übersicht aus allen wichtigen Fussballländern bietet etwa die Website www.fussballdaten.de.

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Aber Vorsicht: In dieser Phase gibt es noch keine definitiven Termine. Wegen TV-Übertragungsrechten oder aus Sicherheitsgründen können einzelne Spiele relativ kurzfristig auf Randstunden geschoben oder sogar um einen Tag verlegt werden. Lassen Sie sich bei der Reiseplanung also etwas Spielraum.

Nützlich ist auch, jetzt schon abzuschätzen, ob die ausgesuchten Spiele ausverkauft sein werden oder nicht. Hinweise darauf ergeben die Matchberichte der ­jeweiligen Partien der letzten Saisons. Je nachdem lässt sich abschätzen, ob man es wagen kann, die Tickets allenfalls erst am Spielort zu kaufen (siehe Taktik 5).

Der sicherste und günstigste Weg, sich Eintrittskarten zu ergattern, ist der Online-Einkauf über die Website des gastgebenden Vereins. Üblicherweise muss man dafür einen Kundenaccount erstellen. Diese Registrierung beschert einem zwar einen elektronischen Newsletter mehr, dafür wird man mit den relevanten Ticket-News versorgt.

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Finden Sie heraus, nach welchem Modus der Vorverkauf beim gewählten Verein abgewickelt wird. In der Regel gilt folgender Ablauf: Oberste Priorität haben die ­Inhaber von Saisonkarten. Danach folgen Kunden, die bereits früher einmal Billette bestellt haben und somit eine «Booking History» vorweisen können. Schliesslich gelangt ein Kontingent an Karten in den freien Verkauf – also an Sie! Drei bis vier Wochen vor dem Spiel wird bekanntgegeben, ab welchem Tag Tickets fürs jeweilige Segment bestellt werden können. Einzelne Klubs bieten die Möglichkeit, für einen geringen Beitrag während einer Spielzeit Mitglied zu sein und so bevorzugt behandelt zu werden. Andere schalten sogenannte

Wenn der Tag X für den freien Ticketverkauf gekommen ist, heisst es ein weiteres Mal: je früher, desto besser – denn schliesslich warten jede Menge weitere Groundhopper auf genau diesen Moment. Ist man einmal im Online-Bestellsystem angemeldet, dauert es keine zehn Minuten, bis man sich zum Ziel durchgeklickt hat, also zur Bezahlung per Kreditkarte.

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Bleibt die Frage: Wie kommen die Tickets zu Ihnen? Empfehlenswert ist, schon vorgängig die Liefermodalitäten zu studieren. E-Tickets wie bei Flugreisen sind noch wenig verbreitet; die meisten Klubs verschicken die Billette per Post. Einige tun dies sofort nach Eingang der Bestellung, andere erst wenige Tage vor dem Spiel. Je nach Ihren Reiseplänen kann das zu knapp sein, deshalb der Rat: Lassen Sie sich die Karten im Ticket-Office des Stadions hinterlegen, um sie dann vor dem Spiel dort abzuholen. Die Wartezeiten an diesem Schalter sind im Normalfall kurz.

Haben Sie sich entschieden, die Karten erst am Spielort zu besorgen, dann gilt auch hier die Empfehlung: Kümmern Sie sich rechtzeitig darum. Einfach auf gut Glück an die Tageskasse zu gehen könnte sich als mühseliges, vielleicht teures, mitunter gar vergebliches Unterfangen entpuppen. Am besten suchen Sie schon zu Hause auf der Website des Heimklubs die Verkaufspunkte (Ticketshops, Sportgeschäfte, Fanshops) heraus, dann lässt sich das bequem beim ersten Stadtbummel erledigen. Dabei unbedingt einen Ausweis mitnehmen, denn die Karten sind meist personengebunden.

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Jetzt, wo das alles geklärt wäre, steht noch eine Ehrenrettung von wunderlichen Destinationen wie Wolverhampton, Marassi oder Fröttmaning an: Das sind nämlich tatsächlich lohnende Reiseziele. Denn auf dem Weg in die Stadien verschwinden die herausgeputzten Fassaden, die den Touristen sonst den Blick aufs Echte einer Stadt verstellen. Und selten kommt man mit Einheimischen so problemlos ins Gespräch wie mit dem Thema Fussball. Stellen Sie sich mal vor einem West-Ham-Match in London-Newham in die Menge vor «Nathan’s Eel ’n’ Pie Shop», um dort ­eine Aalpastete zu bestellen: Authentischer geht es nun wirklich nicht!

Teure Alternativen

Wer Tickets für internationale Spiele nicht direkt über die Klubs beziehen will, kann auf Online-Marktplätze ausweichen – etwa Worldticketshop.ch, Onlineticketexpress.com oder Seatwave.ch. Die Nachteile: Die Tickets sind im Schnitt drei- bis viermal teurer als beim Direkteinkauf.

Hinzu kommen eine eingeschränkte Auswahl an Spielen sowie unklare ­Sektorzuteilungen im Stadion. Es kann zudem vorkommen, dass der vereinbarte Postversand im letzten Moment gestoppt wird und man erst am Spielort in Erfahrung bringen muss, wo die Übergabe der Billette stattfindet.

Ähnliche Mankos haben die Angebote von Reisebüros, die sich auf Sport­reisen spezialisiert haben – dort sind die über Agenten bezogenen Karten sogar nochmals ein gutes Stück teurer. So verlangte etwa Travelclub für das kürzliche Londoner Derby ­Arsenal–Chelsea 620 Franken «pro Ticket hinter dem Tor». Offen bleibt: hinter welchem Tor? In der Heimkurve oder bei den Auswärtsfans? Für Groundhopper ist das ein entscheidendes Kriterium.

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Groundhopping

Als Groundhopper bezeichnet man Fans, deren Ziel es ist, möglichst viele Stadien, Arenen oder Hallen einer bestimmten Sportart zu besuchen. Gezählt wird in Ground- und Länderpunkten.