Der Uberfall dauerte nur Sekunden: Der Vermummte fuchtelte mit einem Messer vor dem Gesicht herum, ein Zweiter griff in die Hosentaschen, der Dritte riss den Geldbeutel von der Brust und die Tasche von der Schulter. Dann erhielt der 25-jährige Schweizer einen harten Schlag auf den Hinterkopf. Als er wieder zu sich kam, lag er mit einer schweren Hirnerschütterung ohne Geld, Kreditkarte, Pass, Flugticket und Traveller-Cheques in einem dreckigen Hinterhof. Der Karneval von Rio war für ihn vorbei.

Ein Ferienaufenthalt im Ausland endet glücklicherweise nur selten so tragisch. Doch jedes Jahr geraten Hunderte von Schweizern im Ausland in Schwierigkeiten. Zum Beispiel weil ihnen der Pass oder die Identitätskarte abhanden kommt, sie kein Geld mehr haben, schwer erkranken oder verunfallen. Notsituationen entstehen aber auch bei Naturkatastrophen, beim Ausbruch sozialer Unruhen, bei Streiks, Bürgerkriegen, Todesfällen oder Problemen mit den ausländischen Behörden.

In solchen Situationen können sich die Betroffenen nicht immer selbst helfen; sie sind auf die kompetente Hilfe von Schweizer Auslandsvertretungen – Botschaften und Konsulaten – angewiesen. Die Schweiz unterhält rund 90 Botschaften sowie gegen 50 Konsulate. Sie sind entweder für ein bestimmtes Land oder für mehrere Länder zuständig. Schweizer Bürger geniessen im Ausland diplomatischen und konsularischen Schutz. Von Ersterem profitieren sie bei einer Verletzung international anerkannter Regeln oder zwischenstaatlicher Verträge – etwa bei einem längeren Freiheitsentzug ohne Gerichtsverfahren.

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Hier kann die Schweizer Botschaft bei den ausländischen Behörden direkt intervenieren. Sie macht dabei allerdings ihr eigenes Recht geltend und nicht dasjenige der betroffenen Schweizer Bürger. Diese haben deshalb rechtlich keinen Anspruch darauf, dass ihnen die Schweiz Schutz gewährt. Die Hilfe kann ihnen verweigert werden, wenn sie höhere Interessen der Schweiz tangiert.

Anders beim konsularischen Schutz. Hier vertritt die Schweiz im Ausland nicht ihre eigenen, sondern die Rechte ihrer Bürgerinnen und Bürger. Mit Hilfe des Konsulats können diese also ihre individuellen Rechte geltend machen – zum Beispiel bei einer Verhaftung oder bei einem Gerichtsverfahren. Aber auch auf den konsularischen Schutz gibt es keinen Anspruch. Die Schweiz kann von der Hilfe absehen, falls diese höhere Staatsinteressen gefährdet.

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Die meisten Schweizer haben viel zu hohe Erwartungen bezüglich der Hilfe von Auslandsvertretungen. Diese helfen Schweizer Bürgern nur, wenn die Möglichkeiten der Selbsthilfe ausgeschöpft sind und keine Aussicht mehr darauf besteht, dass Betroffene ihre Probleme mit eigenen Mitteln oder mit der Unterstützung einer vorhandenen Reiseleitung lösen können. «Hilf dir selbst», heisst die Devise.

Illusorisch also zu glauben, als Gestrandeter oder Ausgeraubter von einer Auslandsvertretung grosszügige finanzielle Unterstützung zu erhalten. Nur wer nicht selber kurzfristig Geld von zu Hause organisieren kann, darf auf eine Uberbrückungshilfe von maximal 600 Franken hoffen. Rückzahlbar innert 60 Tagen. Damit darf jemand aber nicht etwa seinen Urlaub verlängern, sondern muss auf direktem Weg nach Hause reisen. Für Arzt- und Spitalkosten werden maximal 1200 Franken vorgeschossen. Nur wer sich länger als drei Monate im Ausland aufgehalten hat, kann in den Genuss von höheren Leistungen kommen.

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Keine Befreiung aus der Haft
Keine Hilfe können Schweizer Auslandsvertretungen anbieten, wenn es um polizeiliche Ermittlungen geht. Denn sie dürfen keine eigenen polizeiähnlichen Untersuchungen führen und sich auch nicht in laufende Untersuchungen oder Strafverfahren des Gastgeberlands einmischen.

Unmöglich ist es den Auslandsvertretungen zudem, inhaftierte Schweizer, die gegen das ausländische Gesetz verstossen haben, aus dem Gefängnis zu holen oder die Annullierung von gerichtlichen Verfügungen zu verlangen. Die Verteidigung vor Gericht ist ebenfalls nicht Aufgabe der Schweizer Vertretung, sondern eines Pflicht- oder privat bezahlten Anwalts. Das Konsulat wacht jedoch darüber, dass die Rechte des Verhafteten nach lokaler Gesetzgebung gewahrt werden und der Prozess fair verläuft.

Die Dienste der Auslandsvertretung sind für Hilfesuchende nicht gratis. Jede halbe Stunde Arbeit kostet 60 Franken, plus Spesen. Einen verlorenen oder gestohlenen Pass zu ersetzen kann also teuer werden. Ohne Identitätskarte im Kreditkartenformat muss die Botschaft nämlich zuerst das Bürgerrecht und die Identität in der Schweiz abklären lassen. Das verursacht einigen Aufwand, der zusätzlich zur Passausstellung (50 Franken für eine einjährige Gültigkeitsdauer) zu bezahlen ist.

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Gratis gibts fast gar nichts
Bei Krankheit, Todes-, Unglücks- oder Haftfällen erbringt die Auslandsvertretung die ersten vier Arbeitsstunden kostenlos. Gratis besucht ein Konsularbeamter auch einen inhaftierten Schweizer – in der Regel ein- bis zweimal jährlich.

Bei Haftfällen können Schweizer übrigens auch keine Vorschüsse für Kautionen, Anwaltshonorare oder Geldstrafen erwarten. Viele Reisende verwechseln Auslandsvertretungen mit einer Bank, Post oder Infozentrale. Der gestrandete Sohn kann über die Botschaft vom Papi nur dann Geld erhalten, wenn sich die private Geldüberweisung als unmöglich erweist. Und die Tochter wird ihrem Mami nur im Notfall von der Botschaft aus nach Hause faxen oder telefonieren dürfen.

Möglich ist allerdings, sich als Durchgangsreisender von der Schweiz aus Briefe mit dem Vermerk «wird abgeholt» auf eine Auslandsvertretung senden zu lassen. Doch auch hier lagert die Vertretung Briefe nicht unbeschränkt, sondern sendet sie in der Regel innerhalb von drei Monaten an den Absender zurück.

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So nehmen Sie Kontakt auf
Wichtig zu wissen: Die Schalter der Schweizer Auslandsvertretungen sind nicht Tag und Nacht offen, sondern nur wochentags und oft nur wenige Stunden. Ausserhalb der Schalteröffnungszeiten müssen Hilfesuchende telefonisch versuchen, die Auslandsvertretung zu kontaktieren. Sie sollten dabei nicht erschrecken, wenn die Telefonistin kein Schweizerdeutsch ver-steht. Auf der Vertretung spricht jedoch immer jemand Deutsch, Französisch oder Italienisch.

Schwieriger wird die Kontaktaufnahme an Wochenenden. Viele Vertretungen – insbesondere jene in bekannten Ferienländern – unterhalten aber einen Bereitschaftsdienst für Notfälle. Mit den Angaben auf der Telefonansage sollte dann ein Botschafts- oder Konsularangestellter erreichbar sein. Ansonsten bleibt einem nichts anderes übrig, als bei der Polizei oder im Hotel nach der privaten Telefonnummer des Botschafters oder Generalkonsuls zu fragen.

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