Beobachter: Ein Jahr Indien liegt hinter Ihnen. Wie war die Rückkehr in die Schweiz?
Ayla Zacek: Bis jetzt ist der Kulturschock ausgeblieben. An einem Sonntag kam ich zurück, und am Montag ging die Uni los. Die Organisation des Studiums ist ziemlich kompliziert und stressig. Ich hatte, ehrlich gesagt, noch gar keine Zeit, mir Gedanken zu machen.

Beobachter: Sind Sie froh um die Ablenkung? So kommt wenigstens kein Heimweh auf.
Zacek: Oh doch, Indien vermisse ich sehr! Vor allem meine indischen Freunde. Einige versprachen bei meiner Abreise, mich zu besuchen. Aber am Schluss sieht man sich dann trotzdem nie mehr. Die aus der Unterschicht könnten sich eine Reise hierhin gar nicht leisten. Und die aus der Oberschicht – ich glaube nicht recht daran, dass die mich besuchen kommen. Viele von ihnen wollen nicht raus aus ihrer Welt.

Beobachter: Was vermissen Sie sonst noch?
Zacek: Es war zwar anstrengend, in Indien zu leben, eine tägliche Herausforderung. Ich musste mich oft durchfragen, musste immer verhandeln und feilschen. Aber ich habe diesen täglichen Kampf genossen. In der Schweiz fehlt mir diese Reibung. Das Leben hier ist weniger intensiv. Ich lerne, wie ich mich elektronisch für Vorlesungsmodule anmelden kann. Das ist nützlich, aber es ist nicht das Leben. In Indien habe ich viel über mich selbst gelernt.

Anzeige

Beobachter: Zum Beispiel?
Zacek: Heute weiss ich, was ich will und was nicht. Indien war wie ein schöner Traum, aus dem ich nun erwacht bin – mit unglaublichem Vorwärtsdrang. Ich bin voll neuer Ideen. Wenn man weiss, was man will, ist alles viel klarer, man verliert nicht unnötig Energie, weil man aufhört zu hadern.

Beobachter: Diese neue Klarheit haben Sie Indien zu verdanken?
Zacek: Den Erfahrungen, die ich dort gemacht habe. Anfangs war mein Job im Spital total langweilig. Ich habe mir sogar kurz überlegt, das Ganze vorzeitig abzubrechen. Jedenfalls hatte ich viel Zeit zum Nachdenken, über Fragen wie: Was möchte ich im Leben? Wo sind meine Grenzen? Was bin ich bereit, mit mir machen zu lassen? Was nicht? Früher hatte ich oft das Gefühl, ich mache viel für die anderen, aber kaum etwas für mich. Indien hat mich egoistischer, selbstbewusster gemacht. Notgedrungen. Sonst wäre ich versauert. Ich habe mich durchgebissen und mir eine eigene, spannende Stelle geschaffen. Am Schluss unterrichtete ich Kinder in Zahnhygiene.

Anzeige

Beobachter: Wie reagieren Ihre Freunde in der Schweiz auf die selbstbewusstere Ayla?
Zacek: Die merken das natürlich. Ich kann mir vorstellen, dass ich manchen auf den Schlips trete mit meiner veränderten Art. Wenn mir meine Freunde zum Beispiel ihre Probleme schildern, finde ich das jetzt oft belustigend. Ich kann gar nicht anders, ich vergleiche das dann immer mit Indien, wo ich wirklich schlimme, traurige Dinge gesehen habe.

Beobachter: Diese ständigen Vergleiche mit Indien – nervt das Ihre Freunde nicht manchmal?
Zacek: Vielleicht. Das läuft halt automatisch ab in meinem Kopf. Was ich gesehen und erlebt habe, kann ich nicht einfach streichen. Aber meine Freunde sind es zum Glück gewohnt, dass ich stets meine Meinung sage. Das war schon früher so.

Beobachter: Sie studieren jetzt Philosophie
Zacek: Dazu gibt es eine total witzige Story: In Indien ging ich in einen Bücherladen. Es war gerade die Zeit, als ich darüber nachdachte, für welche Studienfächer ich mich in Zürich anmelden soll. Plötzlich drückt mir der Buchhändler ein Buch in die Hand und sagt: «Das wird dich interessieren.» Ich hatte den Mann vorher noch nie gesehen. Es war ein Buch über die Geschichte der westlichen Philosophie – und es hat mich nicht mehr losgelassen. Schicksal.

Anzeige

Beobachter: War Ihre Mutter mutig, Sie mit 19 für ein Jahr nach Indien zu lassen?
Zacek: Ja, sie hat sich grossartig verhalten! Mit 17 habe ich ein Austauschjahr in Peru gemacht. Damals machte sie sich ständig Sorgen. Sie schätzte völlig harmlose Situationen als extrem gefährlich ein, rief andauernd an. Als ich aus Peru zurückkam, habe ich ihr gesagt, dass das so nicht gehe. Ich würde ihr sonst nichts mehr erzählen. Für Indien hatten wir einen Deal: Sie ruft nicht an. Aber wenn ich irgendwelche Probleme habe, melde ich mich ganz sicher bei ihr. Sie hielt sich daran. Das habe ich sehr geschätzt.

Beobachter: Sollten Sie mal Kinder haben, würden Sie sie auch ziehen lassen?
Zacek: Definitiv. Jeder muss mal raus. Als Eltern sollte man das unterstützen. Und wenn Angst da ist, sollte man darüber reden, statt starre Regeln aufzustellen.

Anzeige
Quelle: Stephan Rappo