Der Kuhstall ist nur für Frühaufsteher. Wer länger schlafen will, bettet sich über den Schweinen. Paula Räss, Bäuerin auf der Furgglenalp im Kanton Appenzell, lässt ihren Gästen die Wahl, wo sie übernachten wollen.

Langsam versinkt die Sonne hinter dem Säntis. Noch ist es ruhig. Die Kühe weiden auf den grossen Wiesen vor der Alp. Morgen früh um fünf Uhr werden sie zum Melken in den Stall gebracht. Bei den Schweinen wird es erst um acht Uhr laut, beim Füttern. Klar, für welches Lager man sich entscheidet? Nicht ganz. Denn wer die Geruchsnoten der Heustöcke vergleicht, liegt doch lieber über den Kühen.

Plumpsklo mit Nostalgietouch
Nicht nur das Bett ist einfach auf der Furgglenalp. Auch die Toilette ist romantisch-rudimentär: ein Plumpsklo mit herzförmigem Fensterchen in der Brettertür. Als WC-Papier dienen zerschnipselte Tageszeitungen, und für die Abendtoilette steht bloss der Brunnen im Hof zur Verfügung. Später geht es die Sprossenleiter hinauf ins Heu. Matratzen und Wolldecken liegen bereit.

Die Furgglenalp ist ein Beispiel unter vielen Ferienbauernhöfen. Manche sind professionell organisiert.

  • Schlaf im Stroh!
    Der Verein mit dem auffordernden Namen präsentiert in seiner Werbebroschüre insgesamt 264 Bauernbetriebe. Diese bieten für nur 20 Franken eine Ubernachtung im Heu an, Frühstück inklusive. Sicherheit und Sauberkeit werden vom Verein kontrolliert. Ubernachtet wird auf Heustöcken, aber auch in ehemaligen Kuhställen, umgebauten Waschhäuschen oder alten Maschinenhallen. Es muss ein Schlafsack mitgebracht werden.

  • Ferien auf dem Bauernhof
    Dieser Verein offeriert eine gediegenere Alternative zum Schlafen im Heu. Auf 270 Höfen gibt es Zimmer ab 15 Franken pro Tag und Person sowie Wohnungen ab 70 Franken pro Tag. Der Katalog ist informativ gestaltet und gibt auch Auskunft über die Tiere, die auf den verschiedenen Höfen gehalten werden. Die Betriebe werden vom Verein regelmässig kontrolliert. Wer die Qualitätsanforderungen erfüllt und schon mindestens zwei Jahre als Gastgeber tätig ist, erhält ein Gütesiegel.

  • Ferien auf dem Biohof
    Ähnliches Angebot wie bei «Ferien auf dem Bauernhof». Nebst Zimmern und Wohnungen sind auch Massenlager, «Betten im Stroh» und Tipis im Angebot.

  • Erlebnisbauernhof
    Die Aktivitäten auf Erlebnisbauernhöfen gehen von «Wettmisten» und «Kuhfladen-Bingo» über Laser-Tontaubenschiessen bis hin zum Gleitschirmflug mit dem Bauern. Viele Höfe stellen zudem Seminar- und Partyräume zur Verfügung, andere organisieren Hochzeitsaperos oder Brunchs. In einigen Betrieben kann auch übernachtet werden.


Viele Bauern sind in den letzten Jahren zu temporären Gastwirten geworden. Die so genannten «Besenbeizen» – erkennbar an den aufgehängten Besen vor der Tür – haben in erster Linie Getränke und Speisen aus eigener Produktion auf der Karte. Es gibt auch Bauernfamilien, die unter dem Stichwort «Schlüssel zur Natur» geführte Rundgänge anbieten. Wieder andere sind auf Schullager spezialisiert.

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Anhaltender Boom
«Solche Angebote sind die ehrlichste Werbung für die Landwirtschaft», sagt Rita Barth, Präsidentin von «Ferien auf dem Bauernhof». Der Verein wurde Anfang der siebziger Jahre von fünf Bauern gegründet. Mittlerweile sind 270 Betriebe daran beteiligt. Für viele ist der einstige Nebenerwerb zur wichtigen Einnahmequelle geworden.

Das Produkt boomt: 1992 zählte man noch 36'000 Logiernächte; 1999 waren es bereits 98'000. Auf dem Hof von Rita Barth stehen die Erträge aus den vermieteten Wohnungen und Zimmern inzwischen hinter Milch und Obst an dritter Stelle.

Auch «Schlaf im Stroh!» begann bescheiden. 1993 waren es 13 Betriebe im Jura, die offiziell mit dem Angebot starteten. 1997 zählte der Verein bereits 313 Höfe; heute sind es mit 264 wieder etwas weniger. Das hat seine Gründe, wie Vereinspräsident Christian Stähli erläutert. «Die Bauern suchten einen Nebenverdienst, unterschätzten aber den Aufwand.» Für andere hat es sich finanziell nicht gelohnt. Denn: Liegt ein Hof abseits der Wanderwege und Velorouten, zieht der Touristenstrom ohne Halt vorbei. Im letzten Jahr zählte «Schlaf im Stroh!» rund 25'000 Ubernachtungen. «Solange die Gäste nicht mit falschen Vorstellungen auf die Bauernhöfe kommen, gibt es kaum Reklamationen», sagt Rita Barth von «Ferien auf dem Bauernhof». «Wer sich vom krähenden Hahn am Morgen gestört fühlt, ist offensichtlich am falschen Ort.» Viele Gäste kommen aber durch den Aufenthalt auf dem Hof den Problemen der Landwirte näher. «Sie merken, dass auch am Wochenende gearbeitet wird – oder was Wetterpech für uns bedeutet», sagt Rita Barth.

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Qualitätssteigerung anvisiert
Die Zukunft sieht gut aus. Dieses Jahr erwarten «Ferien auf dem Bauernhof» und «Schlaf im Stroh!» eine weitere Zunahme der Buchungen. Das Angebot wird jedoch nur sanft vergrössert. Dank strengeren Kontrollen und besserer Ausbildung soll zuerst die Qualität gesteigert werden. «Ich will den Gästen bestmöglichen Service bieten», sagt Rita Barth. «Ich habe eben zwei Herzen: Eines schlägt für die Landwirtschaft, das andere für den Tourismus.»

Es ist kurz nach fünf Uhr, im Kuhstall auf der Furgglenalp klapperts und muhts. Man erwacht kurz, dreht sich aber gleich auf die andere Seite und lässt sich vom eintönigen Geräusch der Melkmaschine wieder in den Schlaf lullen.