Dass Stadtkinder meinen, Milch werde von der Migros hergestellt, ist zwar ein alter Witz. Aber etwas Wahres ist schon dran: Bloss in einem Bilderbuch zu sehen, wie eine Kuh gemolken wird, ist etwas anderes, als selber im Stall zu stehen und die Kuh zu spüren, zu hören und zu riechen. Ausserdem gibt es auf einem Bauernhof noch so viel anderes zu erleben: Kälber tränken, Hühner füttern, Beeren pflücken. Oder einfach zwischen Stall und Scheune herumtollen. Für die Kinder das reinste Abenteuer, und auch immer mehr Erwachsene erholen sich in dieser naturnahen Welt vom Alltagsstress.

Noch vor zehn Jahren wurde der Agrotourismus in der Schweiz belächelt. Bauern sollen Kühe hüten, nicht Touristen, hiess es. Inzwischen dürfte es ungefähr 3000 landwirtschaftliche Betriebe geben, die in der einen oder anderen Form Ferien auf dem Bauernhof anbieten. Die Palette ist gross: von der einfachen Übernachtung im Stroh bis zur Reit-, Kreativ- oder Wellnesswoche mit allem Drum und Dran.

In Österreich, wo Bauernhofferien schon viel länger Tradition haben, ist das Angebot noch schillernder. «Farblichtsauna, Kosmetik, Fuss- und Handberatung, Massage, Heuwagenfahrt auf eigene Alm, Brotbackkurs, Kinderwanderungen, Grillparty am Wasserfall mit Lagerfeuer und Disco, Eigenjagd, Fischen, Baum- und Steinmeditation…» – dieses monströse Angebot hat etwa ein Landwirt in Kärnten im Programm. Andere Höfe locken mit Indianerspielen, Bastelkursen oder Reitvergnügen auf Urlaubsponys, so dass sich die Eltern in Ruhe zurücklehnen können.

Kinder helfen auf dem Hof gern mit
Beim Verein Ferien auf dem Bauernhof, mit über 250 angeschlossenen Höfen der grösste Anbieter in der Schweiz, hält man so viel Jubel, Trubel, Heiterkeit nicht für nötig. Eigentlich brauche es gar nicht viel, sagt Geschäftsführerin Rita Barth: «Einmal mit den Kindern Butter machen, und sie sind glücklich. Die meisten Kinder wissen ja gar nicht, dass man das kann.» Hauptsache, die Bauernfamilie sei offen für die Gäste und könne ihnen so das Bauernleben näher bringen.

Auch beim Thema Wellness ist Rita Barth fürs Bodenständige. Die Leute wollten auf dem Bauernhof nicht dasselbe wie im Fünfsternehotel: «Wir sollten die Art von Wellness anbieten, die zu einem Bauernhof passt: Heublumenbad im Freien, Kneippen im Wasser oder einen speziellen Barfussweg.» Für die heissen Tage steht auf manchen Höfen auch ein kleines Schwimmbad zur Verfügung.

Im «Ferien auf dem Bauernhof»-Katalog zeigt das Symbol eines Heurechens für jeden Bauernbetrieb an, ob die Gäste auch bei der täglichen Arbeit mithelfen dürfen. Gerade für Kinder ist das zentral: Sie mögen nicht nur zusehen, wie der Bauer die Kühe füttert, sondern sie wollen selber die Heugabel in die Hand nehmen und den Tieren das duftende Futter hinstreuen. Tatsächlich sind im Katalog nur wenige Höfe zu finden, bei denen das Mithelfen nicht erwünscht ist.

Bei Bauern jedoch, die zum Übernachten ein Strohlager in der Scheune anbieten, gehört das Handanlegen nicht unbedingt zum Programm. Die meisten Gäste bleiben ohnehin nur gerade eine Nacht im selben Lager; am Morgen ziehen sie weiter und breiten den Schlafsack am Abend auf einem anderen Strohbett aus. «Mit dem Mithelfen ist es da ‹gäng› so eine Sache», sagt Susanne Ming vom Verein «Schlaf im Stroh!», dem über 200 Bauernhöfe angeschlossen sind. Ein Hof habe seine Abläufe und Strukturen, da müsse sich ein Gast einfügen können: «Einfach rein in den Stall und ‹judihui›, das geht nicht, sonst erschrecken die Tiere.»

Wenn Urlauber eine ganze Woche auf einem Hof verbrächten, würden sie in den bäuerlichen Rhythmus hineinwachsen, meint die Bäuerin – bei nur einer Nacht am selben Ort hingegen sei das schwieriger. Ming empfiehlt daher den Gästen, die Bauernfamilie vorgängig zu fragen, ob und wie sie beim Füttern oder anderen Arbeiten mithelfen könnten.

Velofahrer finden im Internet auch ausgearbeitete Routenvorschläge mit Übernachtungsmöglichkeiten auf Bauernhöfen. Und keine Angst: Niemand braucht sich nach einer anstrengenden «Strohtour» verschwitzt im Stroh zu wälzen. Die erfrischende Dusche ist stets inklusive.

Für Prinzessinnen auf der Erbse sind Übernachtungen auf dem Bauernhof indes nicht geeignet – weder in der Scheune noch im Zimmer oder in der Ferienwohnung. Stroh und Heu können pieksen, und der Geruch von Kuh-, Hühner- oder Schweinemist ist nichts für allzu zarte Nasen. Auch mit ausgiebigen Schmutzflecken ist zu rechnen. Aber an den Geruch kann man sich gewöhnen, und was sind ein paar Flecken gegen das vielleicht erhaschte Glück, ein Kälblein mit eigenen Augen auf die Welt kommen zu sehen?

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Das Angebot wird genau geprüft
Sowohl «Ferien auf dem Bauernhof» als auch «Schlaf im Stroh!» führen bei ihren Mitgliedern Qualitätskontrollen durch. Sind die Unterkünfte auch in Ordnung und sauber? Alle nötigen Versicherungen abgeschlossen? Bei «Ferien auf dem Bauernhof» müssen Neueinsteiger zudem einen Kurs besuchen: Was bedeutet es, ein guter Gastgeber zu sein? Ausserdem müssen mindestens vier Tierarten auf dem Hof gehalten werden, damit ein Anbieter das Gütesiegel des Vereins bekommt.

Wer unliebsame Überraschungen vermeiden will, sollte vor der Buchung am Telefon einen weiteren Punkt klären: Wie steht es mit dem Autoverkehr? Das Landleben ist keineswegs überall idyllisch und ruhig. Auch auf dem Land gibt es Hauptstrassen und Autobahnen – und diese wollen Stadtflüchtlinge ja nicht zwingend vor der Tür des Bauernhofs haben.

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