Der Stoff diente auch schon als Vorlage für einen Film der leichteren Art: Ein Berg soll künstlich aufgestockt werden, um ihn bedeutender erscheinen zu lassen, als er ist. In der feinen britischen Komödie «Der Engländer, der auf einen Hügel stieg und von einem Berg herunterkam» lassen die Leute eines walisischen Orts nichts unversucht, um die lokale Erhebung so weit zu strecken, dass sie als Berg auf die königliche Landkarte kommt. Angeführt wird die Truppe vom Pfarrer, vom Wirt und von den zwei Dorfdeppen.

Ein Jahrhundert später und in der Realität des touristischen Wettrüstens hegen in Zermatt ein Künstler, ein Architekt und ein Bergbahnchef ähnliche Pläne: Auf dem Klein Matterhorn, momentan 3’883 Meter hoch, soll eine futuristische Glas-Stahl-Pyramide gebaut werden, die 117 Meter in die Höhe ragt und damit den Berg zum Viertausender macht. Mit dem Projekt von Heinz Julen und Ueli Lehmann entstehe «ein neues Markenzeichen der Schweiz», jubiliert Christen Baumann von der Zermatt Bergbahnen AG, die als Bauherrin fungiert. Mitte Mai wurde das Baugesuch für die erste Etappe des Gipfelumbaus mit Restaurant und Unterkünften eingereicht. Im Sommer 2007 soll mit der Turmkonstruktion nachgezogen werden.

Doch wie im Kino gibt es mitunter auch im richtigen Leben Bösewichte, die die schönen Pläne durchkreuzen. «Dieses Projekt ist Ausdruck des menschlichen Allmachtsanspruchs gegenüber der Natur und deshalb in höchstem Mass erschreckend», wettert Raimund Rodewald von der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz. Neben dieser Grundsatzkritik führt er auch rechtliche Vorbehalte ins Feld: Für Bauten ausserhalb der Bauzone müsse laut Raumplanungsgesetz nachgewiesen werden, dass ein Projekt genau auf diesen Standort angewiesen ist. «Diese Gebundenheit an einen Standort auf 4’000 Metern Höhe ist für einen Hotel- und Wellnessbau weiss Gott nicht ersichtlich.»

Unterstützung erhält Rodewald von Alexander Ruch, Professor für öffentliches Recht an der ETH Zürich. Der Raumplanungsexperte stellt die Interessenabwägung in den Vordergrund: «Das Interesse, künstlich einen neuen Viertausender zu schaffen, wird vom Interesse am Landschaftsschutz ganz klar überwogen.» Die Förderung des Tourismus könne nicht so weit gehen, die bundesrechtlich geschützte Landschaft zu beeinträchtigen.

Auf der Landkarte ändert sich nichts
All das ficht die Bauherrschaft nicht an. Christen Baumann geht davon aus, die Pyramide ohne Ausnahmebewilligung erstellen zu können. «Das Klein Matterhorn liegt in der Skisportzone S, dies schliesst Infrastrukturbauten ein», sagt er, «und die Zermatt Bergbahnen haben dort ein Baurecht.» Ein Blick ins eigene Baugesuch brächte dem Bergbahnchef jedoch andere Erkenntnisse: Das Projektgelände liegt nur teilweise in der Zone S, und wörtlich ist eine «Ausnahmebewilligung im Sinn von Art. 24 RPG» nötig.

Das nächste Kapitel im Drehbuch über das Walliser Gipfelstretching schreibt die kantonale Baukommission, die abschliessend über das Vorhaben befindet. Ein Punkt ist indes jetzt schon geklärt - und der dämpft die Ambitionen der nach Höherem strebenden Zermatter beträchtlich: Auf den Landkarten wird das Klein Matterhorn nie zum imageträchtigen Viertausender werden. «Offiziell bleibt der Berg 3883 Meter hoch», sagt Jean-Claude Brossard, Sprecher von Swisstopo, dem Bundesamt für Landestopografie. «Da können sie bauen, so viel sie wollen.»

Anzeige