Was tun, falls er seine Finger nicht unter Kontrolle hat? Ich stehe vor der Haustür eines fremden Mannes in Georgetown, Boston. Die nächsten drei Nächte will ich in seiner Wohnung verbringen. Für den Notfall steckt ein Pfefferspray in der Tasche. Alles, was ich über Tony weiss, stammt von seinem Profil auf Couchsurfing (www.couchsurfing.com), einem Netzwerk, dessen Mitglieder ihre Sofas für Gratis-Übernachtungen anbieten. Ich bin das erste Mal als Surferin unterwegs. Glücklicherweise nicht allein; eine Freundin begleitet mich. Die Wohngegend mit den pastellfarbenen Reihenhäusern sieht eigentlich sicher aus. Zuerst tief durchatmen, dann drücke ich auf die Klingel.

«Hey guys, ich sehe, meine Wegbeschreibung hat sich bewährt.» Tony ist kleiner, als ich angenommen habe. Er spricht herzlich und wirkt ausgesprochen sympathisch. Den Pfefferspray können wir vorerst wohl steckenlassen. Sein Wohnzimmer sieht aus wie ein Bild aus einem Feng-Shui-Ratgeber: braunrötlich gestrichene Wände, jedes Bild und jedes Möbel ist am perfekten Platz. Und inmitten des Raums steht es: das graue Stoffsofa, auf dem wir schlafen werden. Ich setze mich drauf. Angenehm weich. «Es lässt sich ausziehen», sagt Tony. An Platz wird es uns auf dem zwei Meter breiten Sofa also nicht fehlen. Vor uns haben bereits über 50 Leute darauf geschlafen, erzählt unser Gastgeber: «Da ich allein wohne, schätze ich die ständige internationale Gesellschaft sehr.» Er vermeide es aber, Amerikaner bei sich aufzunehmen. «Es geht um den kulturellen Austausch, nicht um einen Gratis-Schlafplatz.»Damit folgt Tony dem Grundgedanken von Couchsurfing. Die Non-Profit-Organisation hat nach eigenen Angaben über 1,3 Millionen Mitglieder und ist in fast allen Ländern vertreten. Allein in der Schweiz gibt es knapp 20'000 Couchsurfer, die entweder ihr Sofa anbieten oder selber auf einem fremden schlafen wollen. Eine Übernachtung führt jedoch zu keiner Verpflichtung: Wir müssen Tony später nicht bei uns in Zürich aufnehmen.

Kennengelernt habe ich Couchsurfing im Frühling, als ich mit meiner Studienkollegin Andrina eine Reise durch die nordöstlichen Staaten der USA plante und auf der Suche nach günstigen Übernachtungen über die Homepage stolperte. Sie versprach viel Abenteuer für wenig Geld.

Um mitzumachen, ist eine kostenlose Registrierung auf der Website nötig. Englischkenntnisse sind dabei von Vorteil, denn die deutsche Übersetzung ist unvollständig, und die meisten Profile, die generell einen Beschrieb des Sofas und der eigenen Person sowie Fotos enthalten sollen, sind in Englisch verfasst. Gibt man ein Ziel ein, erscheinen die Profile der Leute, die im Umkreis von 20 Kilometern wohnen.

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Unter den ersten 25 Treffern für Boston befand sich Tonys Profil. Er warb für sich mit dem Hinweis: «Ich kann euch beibringen, wie man ‹Ambulanz› in 30 Sprachen sagt, und den Unterschied zwischen Single Malt Scotch, Whiskey und Bourbon erklären.» Zudem fiel die lange Liste von Referenzen seiner Gäste auf. Über 50 Couchsurfer können sich nicht irren, sagte ich mir, und zwei Monate nach meiner Mail-Anfrage liegen wir auf seiner Couch.

Die erste Nacht finde ich allerdings kaum Schlaf. Nicht wegen Tony, sondern weil Andrina mir meine Sofahälfte streitig macht. Mir bleiben gerade 50 Zentimeter. Vor Couchsurfing-Reisen ist es also ratsam, sich über die Schlafgewohnheiten der Begleitung zu informieren.

Boston, Massachusetts

Couch: ausziehbar
Verpflegung: gut
Gastfreundschaft: top
Sauberkeit: gut
Fazit: sofort wieder

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Ein eigener ­Schlüssel zu einer Wohnung wie aus einem Feng-Shui-Ratgeber

Das zwei Meter breite ­Stoff­sofa

Quelle: Marina Omaljev

Beim serbischen Abendessen im amerikanischen Wohnzimmer

Quelle: Marina Omaljev
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Tony liebt Couchsurfing ­wegen der ­internationalen ­Gesellschaft.

Quelle: Marina Omaljev

Tagsüber ­arbeitet Tony an ­seinem ­Computer. Wir gehen in die Stadt.

Quelle: Marina Omaljev
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Der Gastgeber spielt für die Gäste Klavier.

Quelle: Marina Omaljev

Tagsüber besuchen wir die Stadt. Tony muss arbeiten, er gibt uns aber einen Zweitschlüssel. Keine Angst, bestohlen zu werden? «Ich vertraue meiner Menschenkenntnis», sagt er. Als Dankeschön für seine Gastfreundschaft kochen wir abends ein serbisches Gericht nach dem Rezept meiner Mutter. «Interessant», lautet Tonys Urteil nach den ersten paar Bissen. Das Talent zum Kochen hat mir meine Mutter offenbar nicht vererbt.

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Die letzte Nacht wird lang: Wir sitzen mit einem Freund von Tony bis fünf Uhr morgens im Wohnzimmer, rauchen in einer Wasserpfeife Tabak mit Blütengeschmack und reden über Gott und die Welt. Am nächsten Tag fällt uns der Abschied ausgesprochen schwer.

Unser nächster Gastgeber heisst Travis, ist 23 Jahre alt, Filmemacher und wohnt mit einer Frau in einer WG in St. Louis. Wortlos lässt er uns hinein. Dann, nach langem Schweigen: «Ihr müsst bei jemand anderem übernachten.» Was? Wieso? «Das erkläre ich euch später», sagt er und läuft aus dem Haus. Wir fahren ihm mit unserem Auto hinterher. Ich muss an einen Thriller denken, den ich kürzlich gesehen habe. Darin enden die Überreste der jungen Frau in einem Müllschlucker. Travis hält vor einem rosa Reihenhaus. Andrina schaut mich an und greift nach ihrer Jackentasche, wo der Pfefferspray steckt. Wir steigen aus. Dabei versuche ich mir krampfhaft Übungen aus einem Selbstverteidigungskurs in Erinnerung zu rufen. Zu blöd, dass dieser bereits fünf Jahre zurückliegt.

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Im Haus ist eine Barbecue-Party im Gang. Travis begleitet uns auf die Veranda. «Eure neue Gastgeberin heisst Crystal.» Endlich sieht er sich in der Lage, uns aufzuklären. «Ich musste euch hierherbringen, weil meine Mitbewohnerin keine Surfer mehr will.» Er geht, dafür taucht Crystal auf und drückt uns ein Bier in die Hand. «Wenn ihr etwas braucht, sagt es einfach.» Sie macht sogleich kehrt und geht zurück ins Haus – eine Begrüssung, kälter als die Flasche in meiner Hand.

St. Louis, Missouri

Couch: im Keller
Verpflegung: Bier
Gastfreundschaft: kalt
Sauberkeit: genügend
Fazit: einmal genügt

Kurzfristige Umquartierung und ein kühler Empfang durch ­eine ­stille Gastgeberin

Die Fotografin Crystal, hier mit ­ihren zwei Hunden, nahm uns kurzfristig auf.

Quelle: Marina Omaljev
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Crystal ­fotografiert ein Model auf einem Hausdach in St. Louis.

Quelle: Marina Omaljev

Der Hund liegt im Wohn­zimmer, wir schlafen im Keller.

Quelle: Marina Omaljev
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«Will ich allein sein, mache ich Ferien»

Wir sind im Keller, der einer Abstellkammer gleicht, untergebracht. Die Klimaanlage ist auf Tiefkühlung eingestellt. Andrina schläft auf einer alten Ledercouch, ich auf einer aufblasbaren Matratze. Crystal arbeitet vor allem als Hundefotografin und hat selber zwei Hunde daheim. Während Allergikerin Andrina mit Niesreiz und geschwollenen Augen kämpft, verteidige ich mich gegen eine 17-jährige Katze, die meine Matratze als ihr Revier beansprucht. Tags darauf nimmt Crystal uns mit zu einem Fotoshooting, bei dem ein Model mit künstlichen Brüsten fünf Stunden lang auf einem Hochhausdach posiert. Viel Zeit für uns hat Crystal nicht, dennoch sind wir nicht undankbar. Wer nimmt zwei Reisende schon so kurzfristig auf? Was Couchsurfing angeht, ist sie jemand, der nur anbietet. «Mir fehlt das Geld, um in der Welt herumzureisen, also hole ich die Welt zu mir», sagt sie.

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Ein zweistöckiges Backsteinhaus in Alexandria bei Washington (D.C.) ist unsere nächste Station. Die Tür steht offen. «Bereit zum Feiern?» Mack, unser 28-jähriger Gastgeber, hat soeben unsere Koffer hereingetragen und trifft letzte Vorbereitungen. «Es wird eine Couchsurfing-Party», erklärt er und hüpft dabei vor Freude in die Luft. Sein 26-jähriger Mitbewohner Sebastian und er sind offenbar die ultimativen Gastgeber: 93 Leute haben bereits bei ihnen eine Unterkunft gefunden. Kaum ein Tag, an dem nicht jemand ihr Sofa besetzt. «Wenn ich Ferien mache, tue ich das, um mal wieder allein zu sein», scherzt Sebastian. Mack weiss, wieso er den regen Besuch so schätzt: «Couchsurfer sind ähnlich gesinnt und garantieren fast immer positive Momente.» Fast immer? «Einmal hatte ich jemanden, der sich morgens Pornos auf meinem Laptop angeschaut hat.»

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Bei Einbruch der Dunkelheit ist die Party voll im Gang. Sebastian legt alte Schallplatten von Michael Jackson auf. Und wo man hinsieht: Couchsurfer. Die meisten wohnen in der Nähe, und sie haben zusammen eine lokale Gemeinschaft gegründet. «Wir organisieren regelmässig solche Anlässe», erzählt Mack. Die erste Nacht schlafen wir in Sebastians Bett. Er bleibt wach, bis alle fort sind, und schläft zur Abwechslung selbst auf der Couch. «Ich muss schliesslich die Qualität von Zeit zu Zeit testen», sagt er.

Washington (D.C.)

Couch: ein richtiges Bett
Verpflegung: gut
Gastfreundschaft: perfekt
Sauberkeit: genügend
Fazit: das ultimative Couchsurfing-Erlebnis

Eine Couchsurfing-Party bei ­erfahrenen Gastgebern, die die Qualität ihrer Couch testen

Das Haus unserer Gastgeber in Washington

Quelle: Marina Omaljev
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Die erste Nacht schlief einer der Gastgeber auf der Couch.

Quelle: Marina Omaljev

Der Plattenspieler spielte ausschliesslich Michael Jackson.

Quelle: Marina Omaljev
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Mack ist offen für fremde ­Kulturen – und nimmt gewisse Bräuche auch an.

Quelle: Marina Omaljev

Immer wieder Schweden

Am zweiten Abend wird es etwas enger: Drei weitere Frauen übernachten hier. Eine kommt aus Frankreich, die zweite aus Kolumbien, die letzte aus Miami. «Wir reisen der Ostküste entlang», erzählen sie. Sie kennen sich von einem Auslandsaufenthalt. Das Wohnzimmer und der Gang sind mit aufblasbaren Matratzen ausgelegt. Trotzdem schlafen wir im Massenschlag ausgesprochen gut. Am nächsten Morgen machen wir Platz für die nächsten Gäste. Ein junger Mann aus Schottland wird erwartet. Wir ziehen weiter ins vier Stunden entfernte Philadelphia.

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Ein Tausendfüssler krabbelt die Wand neben der Matratze hinauf, auf der wir die Nacht verbringen wollen. «Ich schätze, ihr werdet heute nicht allein schlafen», sagt Ryan, unser 23-jähriger Gastgeber in Philadelphia. In unserem Zimmer und auf der Couch liegen wild verstreut Bücher, getragene Socken und schmutzige Biergläser. Der Raum müffelt, und bei jedem Atemzug spürt man, wie Staub in die Nase dringt. Die Küche bietet keinen schönen Anblick: Im Waschbecken türmt sich Geschirr. Der Herd ist mit Tomaten- und Fettflecken übersät. «Wir mögen es, wenn unser Körper noch reichlich eigenen Talg produziert», versucht Erin scherzhaft, ihre Lebensweise zu erklären. Er bewohnt dieses Haus mit Paul und Ryan. Sie haben soeben das College beendet. Die drei sind zwar schlechte Hausmänner, aber dafür begeisterte Gastgeber. «Es gibt uns die Möglichkeit, auch hier aus dem Alltag auszubrechen», erzählt Ryan auf der Veranda.

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Der interkulturelle Austausch bietet ihnen das Vergnügen, ihren Herd mal wieder weiss zu sehen – wir haben zum Dank für die Unterbringung ihre Küche geputzt. Die zweite Nacht nehmen sie uns zu einer Party mit, die stark an eine schlechte Teeniekomödie erinnert. Überall sitzen Gruppen von Leuten zusammen, rauchen Joints und trinken billiges Bier. «Hey, what is Sweden like?», fragt einer, als er hört, dass wir Couchsurfer aus Zürich sind. Das ist das vierte Mal auf dieser Reise, dass jemand die Schweiz mit Schweden verwechselt.

«Wollt ihr nicht noch etwas bleiben?», fragt Paul. Leider nein. So gern ich ihnen Haushaltstipps gegeben hätte. Unser Heimflug geht bald. Wehmütig liege ich die letzte Nacht auf der Matratze und rufe mir die Ereignisse der letzten Wochen in Erinnerung. Dann dringt mir der unangenehme Geruch des Zimmers in die Nase. Etwas habe ich meine eigene Couch schon vermisst.

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Philadelphia, Pennsylvania

Couch: kaum zu finden
Verpflegung: Bier
Gastfreundschaft: ehrlich
Sauberkeit: miserabel
Fazit: ekelhafte Zustände, dafür Gastgeber mit Herz

Ein Saustall, in dem herzliche Jungs wohnen, die noch nicht ganz erwachsen geworden sind

Die Küche unserer Gastgeber haben wir selber geputzt.

Quelle: Marina Omaljev

Das Gäste­bett der Philadelphia-Boys

Quelle: Marina Omaljev
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Das Spülbecken vor unserem Einsatz

Quelle: Marina Omaljev

Ryan, Paul und Erin ­stehen auf ­Paris ­Hilton und Courtney Loves Tiefpunkte.

Quelle: Marina Omaljev
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