«Clipp?» Da muss Hans U. Aebersold vom Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) erst einmal nachdenken. «Ach ja, Sie meinen dieses Projekt für einen Zuschlag auf Flugtickets? Doch, das ist mir schon zu Ohren gekommen.» Auch bei der Swissair versteht der Pressesprecher zunächst einmal Bahnhof.

«Clipp» ist die Kurzform für «Climate Protection Partnership» («Klimaschutz-Partnerschaft») und wurde von verschiedenen Kantonen, Hochschulen sowie Umwelt- und Entwicklungsorganisationen entwickelt. Jetzt segelt das Projekt unter der Flagge des Verkehrsclubs der Schweiz (VCS). Der Grundgedanke ist einfach: Wer fliegt, äufnet mit einem freiwilligen Zuschlag auf seinem Ticket einen Fonds. Mit dem gesammelten Geld wird dann in ausgewählten Projekten im In- und Ausland der Ausstoss des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) reduziert.

EU plant FlugverkehrsabgabeNeu ist die Idee nicht: In den Niederlanden haben sich im Rahmen des Projekts «Vliegtax» diverse Firmen sowie das nationale Planungs- und Umweltdepartement verpflichtet, pro gekauftes Flugticket einen bestimmten Prozentsatz auf ein zweckgebundenes Bankkonto einzuzahlen. Das Geld wird dann in Energiesparprojekte oder Solaranlagen investiert. Die Idee einer (allerdings obligatorischen) Flugverkehrsabgabe verfolgt auch die Kommission der Europäischen Union: Sie will nächstes Jahr entsprechende Vorschläge vorlegen.

Ob «Clipp» jemals flügge wird, steht noch in den Sternen. Selbst die VCS-Basis war an der Delegiertenversammlung Mitte Juni nur schwer vom Projekt zu überzeugen. Das Ganze laufe auf einen «Ablasshandel» hinaus, wurde moniert. Zudem sei es fragwürdig, wenn sich der aus grünen Anliegen heraus entstandene VCS jetzt plötzlich der «Flughysterie» beuge.

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In der Führungsetage des VCS schüttelt man über derlei Argumentation bloss den Kopf. «Wir schaffen doch hier eine klassische Win-win-Situation für alle Beteiligten», sagt Hans Kaspar Schiesser, Leiter der Abteilung Verkehrspolitik.

Diesen Gewinn hat man bei den vorgesehenen Partnern bisher noch nicht so richtig erkannt: Man stehe der Idee zwar «grundsätzlich positiv» gegenüber, sagt Swissair-Sprecher Rainer Meier, fügt aber gleich an: «Das Projekt ist noch nicht ausgereift genug, als dass eine Beteiligung für uns in Frage käme.»

Auch beim Bund findet der VCS-Plan wenig Anklang: Ausgerechnet das Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal), das der VCS gern in den Stiftungsrat eingebunden hätte, lehnt eine Beteiligung ab: «Moralisch und persönlich» begrüsse er zwar das Projekt, sagt Buwal-Direktor Philippe Roch. Mit der Unterstützung durch sein Amt könne «Clipp» jedoch nicht rechnen.

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Derweil wächst der Flugverkehr munter weiter – um momentan rund fünf Prozent pro Jahr, und griffige Instrumente gegen den Mobilitätsboom gibt es nicht. Zwar verlangen die Schweiz und die EU schon seit einiger Zeit, dass der Flugzeugtreibstoff Kerosin endlich den andern fossilen Brennstoffen gleichgestellt und weltweit besteuert wird. Insbesondere die Vereinigten Staaten haben sich aber bisher erfolgreich dagegen gewehrt. Fliegen bleibt also weiterhin unverhältnismässig billig – und die Konsumenten profitieren davon: Nach Berechnungen des Berner Ökonomen Ruedi Meier legen die Schweizerinnen und Schweizer jedes Jahr rund 33 Milliarden Kilometer im Flugzeug zurück. «Niemand bestreitet, dass der Flugverkehr aus wirtschaftlicher Sicht Wertschöpfung bringt», sagt Meier. «Aber aus ökologischer Perspektive ist er problematisch.»

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Mit Forderungen nach ausgedehnten Nachtflugverboten oder einer zahlenmässigen Beschränkung der Flugbewegungen sei es aber nicht getan. Meier: «Wir brauchen eine umfassende, auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Luftverkehrsstrategie.» So gelte es, die technologischen Verbesserungen beim Flugzeugbau weiter voranzutreiben. Bei den CO2-Emissionen liege innerhalb der nächsten zehn Jahre eine Reduktion von 25 bis 30 Prozent drin, die Stickoxide könnten mit technischen Massnahmen gar um bis zu 90 Prozent vermindert werden. Bei den Lärmemissionen, so schätzt Meier, sei eine Reduktion von 10 bis 12 Dezibel möglich – eine Halbierung gegenüber dem heutigen Stand.

Optimierungsmöglichkeiten sieht Meier auch bei der Auslastung der Flugzeuge und bei den Flugrouten. Er schlägt «möglichst direkte Routen» vor – ein politisch heisses Eisen: Wegen des wachsenden Widerstands aus der Umgebung des Flughafens gab die Zürcher Regierung Ende August bekannt, künftig den Lärm besser zu verteilen, sprich: An- und Abflüge auch über bisher kaum belastete Gebiete zuzulassen.

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Bund soll Führungsrolle innehaben
Meier ist skeptisch: «Das beeinträchtigt die Wohnqualität einer ganzen Region und wirkt sich auf die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts negativ aus.» Zum Schutz der betroffenen Bevölkerung verlangt er eine Verschärfung der Schadstoff- und Lärmgrenzwerte – ein Anliegen, das jetzt diskutiert werden müsse: «Wenn im nächsten Frühling die internationale Zivilluftfahrtorganisation ICAO in Genf tagt, muss die Schweiz zusammen mit der EU entsprechende Forderungen präsentieren.»

Ähnlich wie die Initianten von «Clipp» schlägt auch Meier eine freiwillige Abgabe auf Flugtickets vor. «Dabei muss aber der Bund eine führende Rolle übernehmen und mit den Fluggesellschaften und Reiseveranstaltern verbindliche Vereinbarungen abschliessen», fordert er. Eine blosse Abmachung zwischen Firmen und dem VCS bringe zu wenig. Im Gegensatz zum VCS kann sich der Ökonom auch vorstellen, einen Teil des Erlöses den Fluggesellschaften zur Anschaffung von energieeffizienteren Flugzeugen zur Verfügung zu stellen. Zudem ist für ihn klar: «Damit solche CO2-Kompensationen Zukunft haben, müssen sie international angewendet werden.»

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Dass auch sein Vorschlag nur eine Zwischenlösung darstellt, ist für Meier klar: «Beim Gedanken, dass plötzlich alle Chinesen so viel fliegen wie wir Europäer, wird mir Angst und Bange. Aber dann wird man wegen der Rohstoffknappheit wieder über neue Technologien diskutieren. Oder meinetwegen über den Zeppelin.»