Ryan Binghams grösstes Ziel ist es, zehn Millionen Meilen zu sammeln. Als er es geschafft hat, bedeuten sie dem international tätigen Entlassungsspezialisten, der im Film «Up in the Air» von George Clooney dargestellt wird, nichts mehr: Er überschreibt sie seiner Schwester.

Natürlich hat kaum jemand zehn Mil­lionen Flugmeilen auf dem Konto – auch wenn es Leute gibt, die riesige Umwege fliegen, bloss um ein paar Pünktchen mehr zu horten. Vielflieger interessieren sich weniger für das pralle Konto als für die Vorteile, die es ihnen verschafft: Zugang zu ­bequemen Lounges, wo Zeitungen, Drinks und Snacks gratis sind. Und für den Sprung von der Business-Class ins Kuschelabteil der First, während Normalsterbliche in der Holzklasse sitzen bleiben.

Airlines belohnen treue Kunden schon länger mit Meilengutschriften, doch für Einzelpersonen war es schwierig, so oft mit ein und derselben Gesellschaft zu fliegen, dass das Sammeln wirklich Sinn machte. Spannend wurde die Sache erst von den neunziger Jahren an, als Fluggesellschaften begannen, sich zu Allianzen zusammenzuschliessen.

Sammeln ist simpler als ausgeben

Eingeleitet wurde dieser Trend als Folge der beiden Golfkriege und des Balkankonflikts. Mit dem Anschlag auf die New Yorker Zwillingstürme am 11. September 2001 wurde er verstärkt. Weitere Fluglinien taten sich zusammen, um gemeinsam zu werben und Vielfliegerprogramme anzubieten mit dem Ziel, die von Terror und Seuchen wie Sars verschreckten Passagiere wieder in die halbleeren Maschinen zu locken.

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Für den Kunden haben Allianzen den Vorteil, dass Reisen über mehrere Stationen in der Regel günstiger sind – wenn man alle Flüge innerhalb desselben Verbunds bucht. Oft lohnen sich Umwege über den Stammflughafen einer Allianz. Deren Mitglieder bieten oft Flüge gemeinsam an, die Nummern von zwei oder gar drei beteiligten Airlines tragen. Was gut für die Auslastung sein mag, ist für Passagiere nicht immer von Vorteil. Wer mit der Swiss fliegen will, weil er den Service schätzt und auf eine Maschine jüngeren Baujahrs hofft, findet sich möglicherweise in einer betagten Maschine der schwedischen SAS oder der Air Canada wieder – beides Mitglieder derselben Allianz wie die Swiss.

Meilenhorter mögen Allianzen, denn die verbuchen die Punkte ihrer Mitglieder zentral. Auch Autovermieter und Hotel­ketten steuern Meilen bei, und sogar die Supercard-Punkte für Wurst und Brot lassen sich bei Miles & More, dem Vielfliegerprogramm von Lufthansa und ihrer Tochter Swiss, in Flugmeilen verwandeln.

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Lästig an der Sache ist: Punkte sammeln ist einfacher, als sich damit einen Flug zu gönnen. Wer einmal mit Meilen zu buchen versuchte, weiss, dass gerade dann eine Einschränkung gilt, wenn man Zeit hat. Entweder sind alle Meilenplätze vergeben, oder man hat ein sogenanntes Black-out-Date erwischt, an dem die Airline keinen einzigen Sitz an Meilenbucher gibt. Da lohnt es sich, ein paar Wochen später einen zweiten Versuch zu starten. Oft warten Flugfirmen ab, wie sich die Nachfrage entwickelt. Stockt diese, ist plötzlich doch ein Plätzchen verfügbar. Oder man geht auf www.meilenschnaeppchen.de. Dort finden sich zeitweise Flüge nach Athen für 10'000 statt 30'000 Meilen oder nach Tokio für 40'000 statt der üblichen 80'000.

Hat man, o Wunder, einen Meilenflug ergattert, staunt man über die hohen Taxen, die fällig werden. Oft sind sie höher, wenn man das Ticket mit Meilen statt Geld bezahlt. Die Begründung von Swiss: Die Treibstoffzusatzkosten basierten für Tarif­tickets und Prämientickets auf anderen Ansätzen. Alles in allem kommen Prämienflüge also selten so günstig, wie man glauben möchte. Wer Meilen möglichst gewinn- oder lustbringend einsetzen möchte, investiert in Upgrades auf Langstrecken.

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Die Meinung, eine geflogene Meile entspreche einer gutgeschriebenen Meile, ist ein Irrtum. Wer einen günstigen Economy-Flug innerhalb Europas der Klassen E, K oder L ergattert hat, dem schreibt die Swiss nur 125 statt 750 oder 1250 Meilen gut. Doch wer weiss, ob er im Internet E, Y oder Q bucht? Dazu müsste man den Code in den «Detailinformationen» finden und mit der Tabelle von Miles & More vergleichen. Besser fahren Geschäftsleute: Wer Business reist, erhält doppelte, wer First fliegt, dreifache Meilen gutgeschrieben.

Berge von Meilen warten auf Einlösung

Trotz allen Vorbehalten boomen Vielfliegerprogramme. Miles & More zählt eine Million Mitglieder in der Schweiz, 22 Mil­lionen weltweit. Gehortet werden Pünktchen bis zur Halskrause, bei der Lufthansa sind es gut 200 Milliarden. Damit könnten alle 285'000 Einwohner des Kantons Freiburg zum Mond fliegen. Und zurück.

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