Es scheint mir, als würde Indien zu den Extremen gezogen: Reich und Arm, Laut und Leise, Film und Realität – einfach alles hat sein entsprechendes Gegenstück. Ja klar, ich weiss, das könnte man über jedes Land sagen, auch über die Schweiz. Hohe Berge und tiefe Täler und so weiter. Doch in Indien ist es anders. Da kommt man nicht langsam vom Berg zurück ins Tal, sondern ist – rumms – unten. Zwischen Bergspitze und Talboden hängen nur einige lose Leitersprossen, sie sind der reinste Hohn, wenn man sich an ihnen festhalten will.

Hier findet man Prunkvilla neben Plastikzelthaus. Wenn es heiss ist, dann gleich richtig. Und wenn es regnet, dann ist es der Monsun. An der Hochzeitsparty stopfen sich die Leute voll, werfen die Hälfte des Essens weg und 100 Meter davon entfernt: hungernde Menschen, die auf der Strasse schlafen.

Technologisch ist Indien extrem entwickelt, aber die Strassen werden noch immer in mühsamer Handarbeit gereinigt. Von Abfalltrennung hat man noch nie gehört, und doch wird alles schön säuberlich separiert, da das Reinigungspersonal so am meisten profitiert: Metall und alles andere, was irgendwie wiederverwertbar ist, wird weiterverkauft, Steine werden weggeräumt, Blätter und Ähnliches angezündet und Plastik – meistens – abtransportiert.

Krass ist auch der Unterschied zwischen den Gassen («Galli») und den Strassen («Rastas»). Zumindest in Hyderabad. Hier sind die Gassen von weissen, aneinander gedrängten Häuschen gesäumt, sehr schmal und eher ruhig. Ganz im Gegensatz zu den staubigen, dafür umso breiteren Strassen, die von Hochhäusern eingefasst sind. Diese bieten viel Platz für den ständigen Verkehr, den Lärm hört man weit – auch in der Nacht. Zum Glück stört das die meisten Inder nicht sehr, da sich ihre Wohnungen in dem Wirrwarr der Gassen befinden, wo kein Auto durchkommt. Irgendwie ergibt sich dann alles: Supermärkte an den Rastas – Marktstände in den Gallis, schnell – langsam, geschäftig – gelassen.

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Ich frage mich, ob das Stadtbild so gewachsen ist oder ob die Wohngegenden absichtlich verkehrsbehindernd konstruiert wurden. Wahrscheinlich alles eine Frage der Perspektive. Meine Wahrnehmung ist eindeutig westlich geprägt. Was wohl einem Inder in der Schweiz auffallen würde? So viele Kirchen, aber nur wenige praktizierende Gläubige? Nicht heiratsorientierte Beziehungen – wieso ist man dann zusammen? AHV, IV und was auch immer, statt sich um seine Familie zu kümmern? Viel besitzen und doch nur realisieren, was einem fehlt?