Heute bin ich zu Fuss unterwegs – ein Ausflug in die Gassen Hyderabads. Es ist toll, dass man sich hier, zumindest tagsüber, keine Sorgen bezüglich Sicherheit machen muss. Kricket spielende Kinder auf der Strasse, die Häuser sind dicht gedrängt, überall kleine Shops. Intensive Gerüche, weisse Wände und farbige Tücher, der Lärm, der plötzlich in eine dumpfe Stille übergehen kann – und ich mittendrin. Staunend spazieren. Doch ich bin nicht die Einzige, die sich umschaut, die Inder sind genauso neugierig. Ich bin eine eigenartige Besucherin, eine Touristin weit weg von allen Sehenswürdigkeiten.

Die Gassen bilden einen einfach zu erreichenden Zufluchtsort vor dem sonst hektischen Stadtleben. Mit etwas Glück findet sich hier auch mal ein versteckter Tempel mit einem kleinen, einladenden Rasenstück. Und wenn ich mich verirre? Das ist bis jetzt noch nicht vorgekommen, aber es ist gut zu wissen, dass sich an der nächsten Strasse bestimmt eine Rikscha findet, die mich zurück zum Spital, meinem Arbeitsort, bringen würde.

Es ist halb zwei. Es riecht schon überall lecker, Zeit zum Essen. Just als ich das denke, spricht mich eine Frau an. Meine Kenntnisse der regionalen Sprache Telugu sind etwa gleich spärlich wie ihr Englisch. Ein Gespräch scheint schwierig. Wir lächeln einander an, und irgendwie kommt doch eine Kommunikation zustande. Ihre beiden Kinder schauen hinter ihrem Rücken hervor. Grosse, ängstliche, neugierige Augen. Vielleicht ist es das erste Mal, dass sie eine Blondine sehen. Ich werde zum Essen eingeladen und frage mich, ob es unhöflich ist, Nein zu sagen – oder Ja. Die Neugier siegt, und nach der zweiten Aufforderung akzeptiere ich.

Anzeige

Im kleinen Innenhof des Hauses steht ein Buffet bereit. Alle setzen sich im Schneidersitz auf den Boden. Es gibt Reis, auf vier verschiedene Arten zubereitet, zweimal scharf, salzig und süss, mit verschiedenen Gemüsen. Ein unglaublich wohliges Gefühl mitten in dieser indischen Familie – ich vermute, drei Generationen und Freunde. Mit den Händen essen, sich nicht verstehen, nichts Bestimmtes wollen, einfach den Augenblick miteinander geniessen. Irgendwie selbstverständlich. Sie haben Freude, wenn ich nachschöpfe, und strahlen, wenn ich einige Teluguwörter stammle. Zum Beispiel «Dhanyavaadaalu», das heisst nämlich «Dankeschön».