Nach fünf Monaten in Indien habe ich das erste Mal genug von Hyderabad: Ich vermisse all das Gewohnte daheim, hätte gern meine Freunde und meine Familie um mich und mein Bett und überhaupt.

Zwar ist der Einlebestress überwunden. Im Spital ist alles bestens, ich gehöre dazu. In der Umgebung kennt man mich. In den Shops, in denen ich meist einkaufe, werde ich als Stammgast behandelt. Die Verhaltensregeln sind mir geläufig.

Doch mit der Vereinfachung des Alltagslebens sehe ich jetzt auch, was es wirklich bedeutet, in Indien zu leben. Ohne die anfängliche Verzerrung. Ich bin schockiert von all dem Dreck, der Armut, dem Desinteresse der Inder an ihrer eigenen Situation, dem Verfallenlassen, dem Nicht-eingestehen-Können von Fehlern, der Ignoranz. Jede Nacht werden die Strassen gesäubert, und jeden Abend sind sie wieder voller Abfall. Neubauten sind schon alt, bevor sie fertig sind. «Ich weiss nicht» scheint nicht im Wortschatz zu existieren, lieber wird irgendetwas behauptet. Bis jetzt habe ich das alles akzeptiert und versucht, das Positive dahinter zu sehen. Nun deprimiert es mich.

Als ich kürzlich mit dem Spitalvorstehenden Doktor Gosla, er hat einige Jahre in Europa verbracht, durch die Stadt fuhr, fragte er mich: «Weisst du, was der Hauptunterschied zwischen Indern und Westlern ist?», und erklärte es mir gleich selbst: «Westler haben unendlich viel Geduld, aber null Toleranz. Bei den Indern ist es umgekehrt. Wir haben unendlich viel Toleranz, aber überhaupt keine Geduld.»

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Wie üblich steckten wir im Stau. Ein Töfffahrer versuchte, zwischen den Autos durchzuschlüpfen. Von links kam ein Polizeiauto. Der Töff schaffte es gerade noch, vor der Nasenspitze des vorderen Autos reinzukommen. «Siehst du? Der Töfffahrer hat keine Geduld. Und sogar die Polizei ist tolerant.»

Ja, das hat was, denke ich mir und erzähle es weiter. Meine Grosstante, die mich besuchte, widerspricht: «Nein, Toleranz ist etwas Gutes. Ist man tolerant mit einem Kind, lernt es aus seinen Fehlern. Die Menschen hier scheinen nicht tolerant zu sein, sondern gut im Wegschauen.»