Der Prinz holt mich mit einem 71-jährigen Jeep ab. Der Oldtimer ist ein Geschenk der Briten an seine Vorfahren, die Machthaber in der Gegend waren – sogenannte Radschas («königliche Herrscher»). Wir fahren nach Bhadrajun, in ein Dorf mit einem Fort aus dem 16. Jahrhundert.

Unterwegs besuchen wir ein kleines Nest. Die Bewohner haben noch nie einen weissen Menschen gesehen. Ich sorge für viel Aufregung. Der Dorfälteste schätzt mich auf 75 Jahre, da er sich die «weissen» Haare anders nicht erklären kann. Er ist es auch, der sagt: «Du bist die erste Ausländerin in unserem Dorf. Du hast eine grosse Veränderung gebracht. Das Wetter wird sich nun auch ändern. Morgen wird es regnen.»

Je näher wir unserem Ziel kommen, desto häufiger stehen die Leute am Strassenrand auf und grüssen respektvoll. Auch über 60 Jahre nach Indiens Unabhängigkeit blieben viele politische Traditionen erhalten, besonders in ländlichen Gegenden. Auch die 15. Generation des regionalen Radschas geniesst starken Einfluss in den 84 Dörfern, die einst das Reich der Herrscherfamilie ausmachten.

Die Menschen der Umgebung kommen immer wieder zu ihnen, um nach Rat oder Hilfe zu bitten. Der Prinz soll sich ihrer Probleme annehmen: Nachbarschaftsstreit, Hundebellen, illegales Bäumefällen, Wassermangel, Bildungsfragen et cetera. Manchmal geben Eltern auch ein Kind bei der Radscha-Familie ab, die natürlich nicht alle Kinder aufnehmen kann. Jene sechs, die untergekommen sind, werden als Teil der Familie verstanden. Man schickt sie zur Schule, dafür helfen sie im Haushalt und im Hotel aus.

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Das Hotel ist ein neues Projekt im Fort. Elf der Räume wurden umgebaut und sind jetzt für Touristen zugänglich. Momentan bin ich der einzige Gast. Ich suche mir ein Zimmer aus, schlafe dann aber lieber auf der Dachterrasse an der frischen Luft – unter der Sternendecke.

Am nächsten Morgen spaziere ich früh los, den Berg hinauf. Oben angekommen, stehe ich vor einem leeren Wassertank. Die Bauern leiden dieses Jahr unter der Trockenheit. Die Aussicht vom Berg über die Steppenlandschaft ist herrlich, ich kann sie aber nicht lange geniessen; die ersten Tropfen fallen.