Ein Schuss kracht. Rauch von brennenden Reifen. Tränengas macht das Atmen schwer. Aus der Entfernung sind die Gebete eines Muezzins zu hören. Wieder ein Schuss, diesmal ganz nah. Eine junge Frau läuft Richtung Checkpoint Qalandia – einem Grenzübergang zum israelischen Jerusalem nahe der palästinensischen Stadt Ramallah. Ihr Gesicht versteckt sie hinter einem Palästinensertuch, sie schwenkt eine grosse Flagge und ruft «Free, free Palestine». Vor ihr gehen Dutzende israelische Soldaten in Stellung, laden ihre Waffen durch. Hinter ihr rücken Hunderte von Palästinensern mit Fahnen und Spruchbändern nach. Steine fliegen. Es ist der Tag des Bodens. Eine der grössten und gefährlichsten alljährlichen Demon­s­trationen in der Westbank, im Gedenken an sechs Araber, die 1976 bei Protesten von der israelischen Polizei getötet wurden.

Mittendrin ist Simon Krieger. Er macht hier Ferien. Der Schlacks mit zerrissenen Jeans, dicker, blauer Weste, schwarzem Helm und grossem Rucksack, den er mit silbrigem Klebeband zusammengeflickt hat, ist Danger-Zone-Tourist. Dicht hinter der vermummten Demonstrantin zwischen den verfeindeten Stellungen huscht Krieger über die Strasse. Er schiesst ein Foto.

Wieder ein Schuss. In der Menge geht ein Demonstrant zu Boden. Eine Sirene heult auf. Krieger eilt Richtung Ambulanz, stellt die Linse scharf, drückt ab. Minuten später treibt ein Wasserwerfer die Menge mit einer gelblichen Brühe zurück, die nach Kot, Erbrochenem und faulen Eiern stinkt. Hier eine brennende Matratze, dort ein vermummter Steinewerfer, da ein schiessender Soldat. Adrenalin pur. Wieder bringt sich Krieger in Position, will den Auslöser drücken – ein Schuss fällt. Der junge Schweizer geht zu Boden.

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Das Aussendepartement warnt

Simon Krieger ist nicht Berufsfotograf, und doch ist er hier in der Westbank, um zu fotografieren. Er ist nicht Journalist, und trotzdem fühlt er sich verpflichtet, über das Geschehen zu berichten. Er ist nicht Aktivist, und dennoch will er sich für den Frieden einsetzen.

Im Alltag studiert der 23-Jährige an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel Prozessgestaltung. Er lebt in Bern, feiert gern mit Freunden die Nacht durch – und reist in den Semesterferien nach Palästina, um dort Demonstrationen zu dokumentieren: «Ich finde es interessant und wichtig, mir selbst ein Bild der Lage zu machen.» Und das in einem Gebiet, bei dem das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) vor vermehrten Protestaktionen und gewaltsamen Zusammenstössen zwischen Palästinensern, Sicherheitskräften und israelischen Siedlern warnt. Demonstrationen und grosse Menschenansammlungen würden besonders hohe Risiken bergen. Kein Grund für Krieger, nicht nach Palästina zu reisen – gerade deshalb ist er ja hier.

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«Das ist Macho-Tourismus»

Krieger ist nicht der Einzige, der in den Ferien Risiko sucht. Das Reiseunternehmen STA Travel zählt «Danger Zone Travel» – das Bereisen gefährlicher Gebiete – zu den zehn wichtigsten Trends dieses Jahres. Lonely Planet, der weltgrösste Reisebuchverlag, hat einen Ratgeber für «Badlands» herausgegeben. Die englische Al-Jazeera-Reporterin Rosie Garthwaite veröffentlichte im Herbst ihr «Handbuch für die gefährlichsten Orte der Welt». EDA-Sprecher ­Georg Farago bestätigt den Trend: «Das Interesse an Reisen in Krisengebiete ist in den letzten zehn Jahren gestiegen.»

Der Grund für diese Entwicklung ist so banal wie irritierend: weil es möglich ist. «Das Reisen ist in den letzten Jahren einfacher geworden, deshalb machen sich auch Leute auf den Weg in schwierige Gegenden, die das nicht gewöhnt sind», erklärt Farago.

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«Macho-Tourismus» nennt der US-Tourismuspsychologe Michael Brein das Phänomen. Diese Leute seien überzeugt, alle Länder der Welt bereisen zu können, ohne dass ihnen etwas Schlimmes zustösst. «Natürlich kann das gutgehen. Aber eben auch schief», sagt Brein. Macho-Tourismus sei im Übrigen nicht mit jugendlichem Leichtsinn zu verwechseln, sondern käme bis ins frühe Rentenalter vor.

Simon Krieger läuft hinkend aus dem provisorischen Lazarett. Ein Gummigeschoss hat ihn am Fuss getroffen. «Halb so schlimm. Der Fussrücken ist geschwollen und tut höllisch weh, aber sonst alles o.k.», berichtet er in abgehackten Sätzen. Das Atmen fällt ihm wegen des Tränengases noch immer schwer. Abwesend kramt er in seinem Rucksack herum und zieht einen Alkoholtupfer heraus. «Das hilft, um durchzuatmen.» Genug geredet. Krieger kann sich jetzt nicht unterhalten, er will auf die Jagd – nach noch mehr Bildern. Die Demonstration läuft bereits seit fünf Stunden. Es wird noch weitere vier Stunden dauern, bis Krieger genug hat und nach Ramallah zurückkehrt – unversehrt bis auf den leicht geschwollenen Fuss.

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Nicht jede Grenzerfahrung endet so glimpflich. Ein Beispiel ist jener Schweizer Hobby-Ornithologe, der im Februar auf den Philippinen entführt wurde. Oder das Berner Ehepaar, das in Pakistan entführt wurde und im März nach neun Monaten Gefangenschaft wieder freikam. Allein für die beiden Pakistan-Reisenden war eine zehnköpfige Taskforce des Bundes 259 Tage lang aktiv. Fünf weitere Personen haben in Pakistan selbst an dem Fall gearbeitet. Genaue Zahlen liegen dem EDA noch nicht vor, aber die Rettung der beiden wird den Steuerzahler teuer zu stehen kommen.

Bundesrat Didier Burkhalter stellte deshalb die Frage, inwieweit sich Entführte an den Kosten für ihre Befreiung beteiligen könnten. EDA-Sprecher Farago: «Es geht auch darum, Reisende für die wachsenden Risiken zu sensibilisieren. Die Kostenbeteiligung ist Teil einer politischen Debatte, die nun geführt werden muss.»

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Tatsächlich hat das EDA bereits heute die Möglichkeit, Hilfeleistungen in Rechnung zu stellen – so mussten sich etwa die 2003 entführten Sahara-Geiseln mit 40000 Franken an den Gesamtkosten von rund fünf Millionen beteiligen. Insgesamt leistet das EDA jährlich über 1800 Hilfeleistungen an Schweizer in Notlagen im Ausland. Jährlich kommen gar 15 Menschen durch Fremdeinwirkung im Ausland ums Leben. In wie vielen dieser Fälle es sich um Danger-Zone-Touristen handelt, ist unklar.

«Gewaltfreier Widerstand fasziniert mich»

Solche Zahlen kümmern Simon Krieger nicht. «Ich denke positiv: Es ist nicht Glück, wenn mir nichts passiert. Sondern reines Pech, wenn mir etwas zustösst», sagt er, als er endlich zu Hause ankommt. «Zu Hause» ist in diesem Fall eine Wohngemeinschaft für Freiwillige einer internationalen Orga­nisation in einer Nebenstrasse in Ramallah. Die Einrichtung ist karg. Vier muf­fige, dünne Matratzen in jedem der drei Zimmer. Ein Berg von Wolldecken in eine Ecke geknüllt. «Ich glaube nicht, dass die je gewaschen wurden», scherzt Krieger.

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Zum ersten Mal brachte ihn eine Berufsmatura-Projektarbeit in den Nahen Osten. Aus dieser Reise entstand sein Buch «Das Recht zu leben». «Ich habe mich schon immer für den Israel-Palästina-Konflikt inte­res­siert. Der gewaltfreie Widerstand, der seit Beginn des Mauerbaus geleistet wird, fasziniert mich», erzählt er und stürzt sich gierig auf Fladenbrot, heimisches Olivenöl, Avocadopaste und gebratene Peperoni. «Ich liebe das Essen hier», sagt er. Also doch noch ein bisschen Feriengefühl.

Touristen, die mit Entführungen prahlen

Abschalten fällt hier ohnehin nicht schwer. In der 30'000-Einwohner-Stadt Ramallah, nur zehn Fahrminuten vom Checkpoint Qalandia, zeigt sich ein anderes Palästina. Eines, das so gar nichts mit Danger-Zone-Tourismus zu tun hat. Noch am Vorabend der Demonstration dröhnt Musik aus Clubs wie der Open-Air-Bar Beit Aneeseh. Wodka geht flaschenweise über die Theke. Junge Leute tanzen zu arabischer Rapmusik und singen lauthals «We No Speak Americano».

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Es dauert nicht lange, und die Interna­tio­nalen, wie Ausländer in Palästina häufig genannt werden, werden angesprochen. Ibra­him, ein junger Innenarchitekt aus Jerusalem, heisst die Touristen willkommen. «So hättet ihr euch Palästina nicht vorgestellt, was?», fragt er und grinst. «Natürlich kann es hier gefährlich sein, aber eigentlich nur dann, wenn du die Gefahr suchst», fährt er weiter. Krieger nickt: «Es ist bekannt, wann und wo demon­striert wird. Hältst du dich von diesen Orten fern, bekommst du vom ganzen Aufstand nichts mit.» Auch die ungemütlichen Siedlungsgebiete könnte man problemlos meiden. Könnte! Konjunktiv. Eine Möglichkeit, die für Krieger nicht existiert.

Schon mehrere Monate verbrachte der Berner insgesamt im Land hinter der Mauer, zog mit seinem besten Freund Hamde, einem palästinensischen Fotografen, von Stadt zu Stadt – um möglichst viele Demonstrationen und neue Siedlungsgebiete zu dokumentieren. Alle seine Bilder stellt er auf seinen Blog. Viele Besucher hat dieser bislang nicht. Dennoch besteht Simon Krieger darauf, dass es ihm bei seinen Reisen nach Palästina ausschliesslich um Aufklärung gehe. «Ich sehe die Arbeit und das Wissen, das ich hier sammle, aber auch als Vorbereitung auf etwas, das später einmal zu meinem Beruf werden soll», erklärt er. Langweilige Pauschalreisen an einen überfüllten Touristenstrand, das sei für ihn ohnehin unvorstellbar. «Ich will Authentizität, das wahre Leben.»

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Ein Blick in die angelsächsische Presse ergibt indes ein ganz anderes Bild des Danger-Zone-Touristen. Ein junger Mann aus Los Angeles etwa prahlt, er sei schon zweimal entführt worden. Er geniesse es, Orte zu bereisen, die andere nur aus TV-Krisenberichterstattungen kennen. Unterscheiden sich amerikanische und europäische Danger-Zone-Touristen tatsächlich so stark? Psychologe Michael Brein, der über 1500 Reisende aus aller Welt interviewt hat, glaubt das nicht. «Amerikaner wagen es wohl einfach, zu diesem Kick und der Lust auf Abenteuer zu stehen, während Europäer sich lieber auf ein aussergewöhnliches kulturelles Erlebnis berufen», sagt er. «Macho-Tourismus hat in vielen Fällen schlicht mit Selbstdarstellung zu tun.» Soziale Netzwerke wie Facebook verstärkten das zusätzlich.

Das Sicherheitsgefühl selbst herstellen

Auch der Vergleich mit noch gefährlicheren Ländern wird von Schweizer Danger-Zone-Touristen gern bemüht, wenn es da­rum geht, die Wahl der Feriendestination zu rechtfertigen. Die offiziellen Warnungen des EDA sind für viele nur mässig entscheidend – sie verlassen sich auf lokale Me­dien­berichte, Internetforen und aktuelle Erlebnisberichte anderer Reisender.

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Das sorgt für Kopfschütteln bei Monika Bandi von der Forschungsstelle Tourismus der Universität Bern: «Wer glaubt, die Lage in einem Land besser einschätzen zu können als die EDA-Spezialisten, überschätzt sich.» Der Drang, Neues zu entdecken, sei jedoch keine gänzlich neue Erscheinung. Seit rund 25 Jahren zeigten Befragungen, dass gegen zehn Prozent der Touristen «Entdeckung, Risiko und Aussergewöhnliches» suchen. «Insbesondere in der sicherheitsbedürftigen Schweiz haben viele Bürger wenig Verständnis dafür, wenn sich Reisende unnötig in Gefahr begeben», so Forscherin Bandi. Daher sei es verständlich, dass viele der Danger-Zone-Touristen vor der Reise ausgiebig recherchieren, um ihr eigenes Sicherheitsgefühl wiederherzustellen und einen Rechtfertigungsgrund für ihr risikoreiches Verhalten zu finden.

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«Sie suchen das Gegenteil ihres Alltags»

Auch grosse Reiseunternehmen wie Kuoni oder Hotelplan verzeichnen eine erheblich gestiegene Nachfrage an «Abenteuerreisen». Vor zwei Jahren sorgte ein Zuger Reisebüro für Schlagzeilen, das Rundreisen durch Irak, Iran und Afghanistan anbot. Die Schweiz also doch ein Volk von risikofreudigen Abenteurern? «Nein», sagt Monika Bandi entschieden. Ein Grund für diese Interessen könne Kompensation sein: Manche Leute suchten in den Ferien genau das Gegenteil ihres Alltags. «Und ähnlich wie bei Geldanlagen, wo es risiko­freu­digere und sicherheitsorientierte Anleger gibt, ist es wichtig anzuerkennen, dass es auch beim Tourismus Leute gibt, die bereit sind, ein gewisses Risiko auf sich zu nehmen, um einen möglichst authentischen Eindruck eines Landes zu bekommen.»

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Der Muezzin ruft zum letzten Gebet des Tages. In Simon Kriegers Unterkunft ist es ruhig geworden. Neun Stunden Demonstration haben ihn müde gemacht. Der junge Fotograf muss sich ausruhen: Morgen gehts nach Hebron, wo orthodoxe Siedler ein palästinensisches Gebäude besetzt haben.