Beobachter: Lisa, in fünf Tagen geht es für ein Jahr nach England. Schon gepackt?
Lisa Dörrer
: Halb. Ich hab so viele Kleider, die ich in den nächsten Tagen noch anziehen möchte, dass ich wohl eine Viertelstunde vor Abflug noch mal waschen muss!

Beobachter: Was nimmt man denn überhaupt mit, wenn man für ein Jahr verreist?
Lisa
: Ehrlich, keine Ahnung! Was ich aber weiss, ist, dass ich keine Wintersachen habe, keine Winterschuhe et cetera. Ich habe eine kurze Hose, zwei Jeans, ein Pyjama – das reicht vermutlich nicht. Und man hat mir angeraten, eine Notration der wichtigsten Dinge mitzunehmen wie Shampoo, Zahnpasta und so, damit ich nicht gleich zum Grosseinkauf gehen muss. Aber mein Gepäck darf maximal 23 Kilogramm wiegen, und schon der Koffer allein wiegt fünf.

Beobachter: Der Teddy bleibt also zu Hause?
Lisa
: Der wird über die Klinge springen, ja.

Beobachter: Wie froh bist du, dass es nun endlich losgeht?
Lisa
: Sehr froh. Eigentlich bin ich ja schon längst weg. Gestern zum Beispiel hatten meine Freundinnen ein riesiges «Gstürm» wegen des Ausgangs am Samstag. Was ist alles los, wo und wann? Blablabla. Ich fands cool, dass ich mir darüber nicht mehr den Kopf zerbrechen muss. Das Hier und Jetzt spielt irgendwie keine Rolle mehr.

Beobachter: Wen wirst du denn am meisten vermissen?
Lisa
: Meine Katze.

Beobachter: Das werden deine Eltern und Freunde nicht gerne hören.
Lisa
: Die werd ich natürlich auch vermissen, ist doch klar. Aber die ersten Wochen in Salisbury werden eh sein wie Ferien. Mir wird wohl erst in zwei, drei Wochen richtig bewusst werden, was es heisst, ein Jahr weg zu sein von allen Lieben und Bekannten.

Beobachter: Und wie geht es deinen Eltern so kurz vor dem Abschied?
Lisa
: Bei Papi gehts so. Aber Mami ist ziemlich nervös. Kürzlich hat sie im Bus plötzlich und wie aus dem Nichts heraus angefangen zu weinen. Wenn sie nur schon daran denkt, kommen ihr die Tränen. Manchmal frage ich mich, ob ich auch solche Emotionen zeigen müsste.

Beobachter: Mit Betonung auf «müsste».
Lisa
: Ja. Meine Mutter meint ja, ich verdränge das. Vermutlich werde ich am Flughafen die Einzige sein, die nicht in Tränen ausbricht.

Beobachter: Bis du sicher?
Lisa
: Nein. Vermutlich weine ich auch. Ich weine ja eigentlich immer, wenn ich andere weinen sehe. Aber gleichzeitig werden an jenem Morgen Dutzende andere junge Austauschschüler verabschiedet werden. Das heisst, dass Hunderte von schluchzenden Eltern, Freunden und Verwandten in der Abflughalle stehen werden. Allein um mich zu verabschieden, haben sich etwa 50 Leute angemeldet. Das wird bestimmt komisch der ultimative Trauermarsch. Hoffentlich muss ich dann nicht loslachen.

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Beobachter: Nun, du bist erst 16 Jahre alt. Keine Angst, dass etwas schiefgeht?
Lisa
: Was sollte schon schiefgehen?

Beobachter: Dir könnte es zum Beispiel bei der Gastfamilie nicht gefallen.
Lisa
: Das wäre tatsächlich der Worst Case. Aber das denke ich nicht. Ich hatte schon mehrfach Kontakt mit ihnen. Sie machen einen super Eindruck. Zudem habe ich mich mit meiner Vorgängerin über die Gastfamilie unterhalten. Auch sie hat nur geschwärmt. Das Einzige, was mich ein wenig beunruhigt, ist, dass die Familie offenbar voll die Camper sind. Und ich kann mit Camping eigentlich nicht so viel anfangen.

Beobachter: Vielleicht wird dir ja auch langweilig in der englischen Kleinstadt.
Lisa
: Das glaube ich nicht. Und London ist mit dem Zug in 40 Minuten zu erreichen, das Meer liegt 20 Minuten entfernt. Dort wird mir bestimmt nicht langweilig. Zudem habe ich jeweils nur von 9 bis 12 Uhr Schule und kann alle Fächer selber zusammenstellen.

Beobachter: Das dürften dann nicht Latein und Mathe sein?
Lisa
: Nein, lieber Fotografie, Theater oder so. Vielleicht noch Französisch, damit ich dort nicht alles vergesse.

Beobachter: Das bedeutet, dass du nach deiner Rückkehr alle «lästigen» Fächer nacharbeiten musst. Momentan bist du ja noch die Klassenbeste – aber dann
Lisa
: Nein, nein. Ich habe deswegen freiwillig entschieden, die Klasse nach meiner Rückkehr zu wiederholen. Ich möchte mich in England voll und ganz auf die Leute und das Leben dort einlassen und nicht ständig ein schlechtes Gewissen haben, weil ich nebenbei ja eigentlich noch den ganzen Schweizer Schulstoff lernen müsste.

Beobachter: Nach deiner Rückkehr wirst du also in eine neue Klasse kommen.
Lisa
: Ja. Das ist der Preis. Aber darüber mache ich mir noch keine Sorgen. Momentan beschäftigt mich mehr, dass ich meine beste Freundin eineinhalb Jahre nicht mehr sehen werde. Denn sie wird in einem halben Jahr ins Austauschjahr verreisen. Das wird hart. Andererseits: Ich kenne sie jetzt schon so viele Jahre. Unsere Freundschaft wird das schon überstehen. Da bin ich mir sicher.

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Beobachter: Was kostet dich beziehungsweise deine Eltern der Auslandaufenthalt?
Lisa
: 13'000 Franken plus das monatliche Taschengeld und die Kosten für das Mittagessen an der Schule und so. Das ist viel Geld, ich weiss. Und ich bin meinen Eltern enorm dankbar, dass sie mir diese Chance bieten.

Beobachter: Wirst du wieder zurückkommen?
Lisa
: Ich muss ja. Aber irgendwann möchte ich mal im Ausland arbeiten. Mein ganzes Leben hier in Zürich zu verbringen, das kann ich mir irgendwie nicht vorstellen.

Beobachter: Du hast mir im Vorfeld gesagt, dass du dir über die Rückkehr in einem Jahr fast mehr Gedanken machst als über die Abreise. Warum?
Lisa
: Ich denke, es wird nicht einfach sein, nach so langer Zeit hier wieder Fuss zu fassen, die alten Freundinnen wiederzusehen, die Schulkollegen, Zürich. Ich werde mit so vielen Eindrücken und Erlebnissen zurückkehren – und dann all das Altbekannte wieder sehen. Vermutlich meine ich dann: Meine Güte, was redet ihr hier alle! Ihr habt ja noch die gleichen Freuden und Nöte wie vor einem Jahr. Ist denn hier nichts passiert, habt ihr nichts erlebt? Aber ich bin zuversichtlich, dass ich dann nach zwei, drei Wochen auch schon wieder im alten Trott sein werde und wieder über die gleichen Dinge diskutieren und lachen kann wie all die anderen.

Beobachter: Aber du wirst dich bestimmt verändern?
Lisa
: Natürlich. Hoffentlich auch. Ich werde mehr haben als nur einen Einblick in ein anderes Leben. Und ich werde bestimmt reifer zurückkehren, erwachsener, nicht mehr so gebunden an meine Eltern.

Beobachter: Dieser abrupte Ablösungsprozess dürfte das sein, was deinen Eltern Sorgen bereitet.
Lisa
: Ja, vermutlich. Da sich meine Eltern schon vor vielen Jahren scheiden liessen und ich mehrheitlich bei meiner Mutter aufgewachsen bin, dürfte das meinem Vater leichter fallen. Er hat ja schon einen ersten solchen Ablösungsprozess hinter sich. Meine Mutter jedoch hängt noch sehr stark an mir. Mami hat schon Angst vor dem, was jetzt kommen wird. Sie weiss ja, dass in einem Jahr nicht mehr dieselbe Lisa heimkommt, die am Samstag abfliegen wird.

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