Sobald man nicht mehr allgegenwärtig ist, fangen die Leute an, an einen zu denken. Schön.

Da ich an einem Schultag Geburtstag hatte, rechnete ich mit dem Schlimmsten. Denn ich hatte gesehen, was das hier heisst: Man fühlt sich, als wäre dauernd ein Scheinwerfer auf einen gerichtet.

In der Schule sah ich wie alle anderen zuerst mal auf den Bildschirm, der oben am Sekretariat prangt. Und da sah ichs: «TODAY’S BIRTHDAY, Lisa Doerrer!» Während ich also versuchte, irgendwie eine Übelkeit aufkommen zu lassen, um gleich wieder durch die Tür verschwinden zu können, kamen meine Freunde die Treppe herunter. Jetzt wars zu spät. Als Erstes bekam ich einen «Today is my Birthday!»-Badge an die Jacke gesteckt. Dann eine pink glänzende Schürze umgebunden und einen Ballon in jede Hand. Genial, nun konnte mich keiner mehr übersehen.

Doch in England bekommt man zum Geburtstag nicht nur ein Paradiesvogel-Outfit, sondern auch Sätze zu hören wie: «Jetzt kannst du endlich Auto fahren.» Dabei entgeht ihnen leider, dass man erstens in der Schweiz erst mit 18 Auto fahren darf und zweitens, dass fast überall in Europa Rechtsverkehr herrscht. Doch derlei Nebensächlichkeiten sind den Briten egal. Schliesslich sind wir hier und jetzt; und da wirds eben so gemacht.

Ein sanfter Kulturschock

Während ich also liebevoll wieder und wieder erklärte, dass ich nicht vorhabe, hier die Autoprüfung zu machen, planten die andern schon, wie ich künftig am besten fahren sollte, um sie von zu Hause abzuholen und in die Schule zu chauffieren.

Doch was mich am meisten erstaunte, war die Herzlichkeit, die ich an diesem Tag erfahren durfte. Sie brachten mir Kuchen und Geschenke, und die ganze Mensa hat für mich gesungen. Und so erlebte ich einen dieser klassischen Auslandsaufenthaltsmomente (so was wie einen sanften Kulturschock): In der Schweiz sind meine Freunde und ich einfach zu faul, um überhaupt irgendwas zu organisieren.

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Die Gymnasiastin Lisa Dörrer, 16, berichtet über ihre Erlebnisse während ihres Austauschjahres im südenglischen Salisbury.