Auch in England hatten wir Höchsttemperaturen. Anscheinend bekamen das meine Schweizer Freunde nicht mit, da sie mir ständig schrieben, wie warm es sei, und mir Bilder von nackten Beinen und brutzelnden Cervelats schickten – wohl mit dem Hintergedanken, mich auf den frühen Schweizer Sommer eifersüchtig zu machen.

Natürlich liess ich mir das nicht gefallen und schickte wie wild Texte zurück: «Rat mal, wer am Meer beim BBQ sitzt? Und grade in den Wellen badete? Soll ich das Meer von dir grüssen?»

Ich war nämlich mit meinen Kollegen am Strand. In Ferienstimmung umherhüpfend, wie es nur jemand tut, der normalerweise nicht am Meer lebt. Wenn ich schier platzte, fragten alle ganz erstaunt, warum ich mich so freue. Das verlief dann etwa so: «Geht ihr in der Schweiz nicht an den Strand?» Meine Antwort: «Wir haben kein Meer.» – «Echt, in der ganzen Schweiz nicht?» – «Nein, wir grenzen nirgends ans Meer.» – «Na ja, ihr braucht das auch nicht, bei euch ist es ja kalt.» – «Nein, wir haben auch heisse Sommer. Und wir haben Seen.» – «Was will man denn mit Seen? Habt ihr auch Trolleys in den Seen?» – «Hä? Was? Trolleys?» – «Einkaufswagen. Ach nein, ihr seid ja die Sauberen!»

Soll mal einer die Engländer verstehen, denke ich mir. Und wenn ich mich dann ins kalte Wasser stürzte, kamen gleich die nächsten Kommentare: «Typisch Schweizerin. Fühlst du dich jetzt wie zu Hause? Ihr seid ja Kälte gewohnt.»

Fürs anschliessende Grillieren hatte ich mir Spiesschen gekauft, während die anderen irgendwelche Pakete mit 20 Burgern «Schwein und Huhn gemischt» für umgerechnet drei Franken hervorkramten. Die gaben mir den Rest. «Gemischt» heisst in diesem Falle nämlich: Füsse vom Huhn und Nase vom Schwein – zusammen sieht das aus wie Erbrochenes. Cervelat und Bratwurst speicherte ich sofort auf meiner Gedankenliste ab unter «Nahrungsmittel, für die ich die Schweiz liebe und die ich essen muss, wenn ich zurück bin». Und am Ende hat dann auch jeder von meinen Spiesschen gegessen.

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Die Gymnasiastin Lisa Dörrer, 17, berichtet in einer Serie über ihre Erlebnisse während des Austauschjahres im südenglischen Salisbury.