Da ich mich inzwischen mit englischen Kleidern eingedeckt re­spektive überhäuft und meine Haare so ziemlich durch alle Schattierungen hindurch gefärbt habe, kann ich sagen: Auch ich bin der «British Fashion» verfallen.

Einer meiner gelegentlichen «Austausch-Geistesblitze», wie ich sie nenne, hat mir klargemacht, wie sehr ich in der Schweiz unter den ungeschriebenen, allgegenwärtigen Regeln des «für dein Gewicht zugelassenen Kleidungsstils» gestanden habe: Was zu viel ist, muss unter übergrossen Jacken oder überweiten T-Shirts versteckt werden, als würde mit hervorblitzendem Hüftgold jemand zu Tode geekelt. Die Engländer, die jedes Fettröllchen und Speckhälschen schamlos und selbstverständlich zur Schau stellen, kennen so etwas nicht.

Viele Briten kaufen ihre Kleider aus zweiter Hand – in den heissgeliebten «Charity Shops», die vor allem einen Querschnitt aus den Kleidergarnituren der umliegenden Altersheime anbieten. Natürlich findet man dort die besten Schnäppchen – aber nur, wenn man ein gutes Händchen hat. Und der Bonus, dass man etwas Gutes getan und sozu­sagen für einen Wohltätigkeitsverein gespendet hat, beruhigt jeden Anflug von Schuld­gefühl gegenüber der ­eigenen Kaufsucht.

Ich stöbere also stundenlang in den Läden herum, um mir ja nichts entgehen zu lassen – immer mit Gedanken im Hinterkopf wie «Wenn mans gut kombiniert, ists super» oder «Das Ding ist einmalig, und seine Qualität hat es ja auch jahrzehntelang bewiesen».

Glauben Sie jetzt aber nicht, Sie könnten nach England kommen und endlich rumlaufen, wie Sie wollen, ohne schräge Blicke zu ernten. Nein, die gibts auch hier. Der bedeutende Unterschied für mich aber ist, dass ich mir hier die «Mir egal, was ihr denkt, mir gefällts»-Haltung angeeignet habe. Doch reden wir nochmals darüber, wenn ich zurück in der Schweiz bin.

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