Ich finde mich zwischen winzigen Schülern in schlechtsitzenden Uniformen wieder und frage mich, ob ich hier richtig bin. Doch da entdecke ich Jugendliche in meinem Alter, wie ich in ziviler Kleidung. Ich folge ihnen ins Hauptgebäude, wo mir eine Sekretärin einen Stundenplan erstellt.

Weil ich wie ein Idiot auf dem Schulgelände herumgeirrt bin, komme ich gehetzt, verwirrt und zu spät in die erste Stunde. Ich werde angestarrt wie ein Wesen von einem anderen Stern und denke nur: «Einfach umkehren und ab nach Hause!»

Aber ich habe meinen Stolz und gehe über Mittag sogar in den Gemeinschaftsraum – ich habe gelernt, dass man sich nicht isolieren soll. Ich lerne auch prompt ein Mädchen kennen, das in der Schweiz geboren wurde, jedoch nur Englisch spricht. Trotzdem bin ich total froh, dass ich mit jemandem reden kann.

Kein Austauschschüler-Bonus

Das Gefühl, keine Freunde zu haben, niemanden zu kennen, ist wirklich schrecklich. Und es ist mir fremd, da ich noch nie irgendwo ganz bei null angefangen habe. Und natürlich gibts auch keinen Austauschschüler-Bonus, da jedes Jahr solche hierherkommen und es natürlich hundertmal faszinierendere Länder gibt als die Schweiz. Die häufigsten Fragen, die ich also gestellt bekomme, sind «Kannst du jodeln?», «Isst du viel Schokolade?» und «In der Schweiz schneit es das ganze Jahr über, oder?».

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Als ich mit dem Velo wieder nach Hause fahre, schwirrt mir der Kopf vor lauter Zweifeln darüber, ob ich Anschluss finde, ob mir die Lektionen Spass machen werden und ob ich die Ausdauer habe, die es braucht.

Tun und lassen, was ich will

Anderseits: Ich fange zwar bei null an, aber wer sagt denn, dass das schlecht ist? Ich kann mich neu definieren und irgendwie neu präsentieren. Hier zu sein fühlt sich an wie eine Auszeit, in der ich tun und lassen kann, was ich will – ohne Konsequenzen. Jedenfalls fast. Natürlich gibt es Folgen, die gibts überall. Doch irgendwie fühlt es sich an, als hätte es keine Auswirkungen auf mein Leben, meine Beziehungen zu Hause.

Serie: Lisas Reise

Die Gymnasiastin Lisa Dörrer, 16, berichtet über ihre Erlebnisse während ihres Austauschjahres im südenglischen Salisbury.

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