So kommt es halt auch mal vor, dass ich zu Beginn der Stunde allein mit meinem Lehrer im Schulzimmer sitze und mich wie eine totale Idiotin fühle. Nach und nach stürmen dann die einzelnen Schüler herein mit dem überflüssigen Satz: «Sorry, I’m late!»

Nicht nur in der Schule, auch in der Freizeit wird meine Uhr auf die Probe gestellt. Ich habe manchmal das Gefühl, ich muss so viel wie möglich unternehmen, so viel sehen, hören und fühlen, wie es nur geht. Ich spüre jeden Tag, wie schnell die Zeit hier vergeht. Woche um Woche zieht vorbei, ohne dass ich es realisiere, und dann plötzlich – plopp! – ist ein neuer Monat da.

Ich fühle mich, als wäre ich noch in der Anfangsphase, doch ich weiss, dass ich schon mittendrin bin. Ich bin integriert, habe Freunde gefunden, mich an die Schulfächer gewöhnt und fühle mich bei meiner Gastfamilie rundum zu Hause. Dieses «Wo steh ich jetzt eigentlich?»-Gefühl werde ich vermutlich nicht mehr los. Denn sobald ich mich in der Halbzeit wähne, befinde ich mich wahrscheinlich schon fast am Ende. Alle meine Kollegen, denen ich dieses Phänomen schildere, finden das übrigens nicht so witzig: «Und sonst gehts dir gut? Oder hast du auch noch ein paar ernsthafte Probleme?»

Alles nimmt seinen Lauf

Jedenfalls merke ich, wie kurz doch so ein Jahr ist. Was ich hier erlebe, wie sehr ich mich entwickle und wie sich die Situation in Zürich verändert: Alles nimmt seinen Lauf. Dazu passt die Aussage meines Bruders per Facebook-Chat perfekt: «Wenn du zurückkommst, werden wir uns vielleicht gar nicht mehr wiedererkennen.» So wird es wohl sein: Zwar werden nur zehn Monate vergangen sein – doch entwicklungs- und gefühlsmässig werde ich mich zehn Jahre älter fühlen.

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Die Gymnasiastin Lisa Dörrer, 16, berichtet über ihre Erlebnisse während ihres Austauschjahres im südenglischen Salisbury.