Als biedere Schweizerin, die darin keinen Sinn erkennen kann, bin ich also ungefähr alle drei Wochen auf der Suche nach einem neuen Kostüm. Da ich nicht mein ganzes Geld für Verkleidungen ausgeben möchte, bastle ich mir jeweils irgendetwas zusammen.

Offenbar hat das bis jetzt nie so ganz geklappt, denn ich werde jedes Mal gefragt: «Who do you represent?» Ich möchte allerdings keine Spielverderberin sein – deshalb bastle ich munter weiter. Als ich Mitschüler nach dem Grund für ihren Verkleidungsdrang fragte, kamen meistens die gleichen Antworten: Sie seien ein total langweiliges Volk, das alle Traditionen und Anlässe den Amerikanern abschaue, weil sie keine eigenen Ideen hätten. Und: Da sie oft keinen Schnee hätten, müssten sie irgendwas anderes organisieren, das ihnen Spass bereite.

Ich muss sagen, ich sehe in Letzterem keine Logik, da ich die Faszination für Schnee verloren habe. Für die Engländer bin ich hingegen eine übers Jahr hinweg mit Schnee gesegnete Schweizerin, und zu sagen, ich sei froh, diesen Winter einmal keinen Schnee zu sehen, kostet mich hier fast den Kopf.

Zurück zu den Kostümen: Es gibt also dauernd Partys mit Verkleidungsthemen, ganze Verkleidungs-Schultage, und der neue Harry-Potter-Film macht es auch nicht besser. Als ich mich mit meinen Freunden traf, um den Film im Kino zu sehen, war ich die Einzige, die nicht als eine Figur aus dem Harry-Potter-Buch verkleidet war. Die Kostüme hatten die anderen alle selber genäht und die Zauberstäbe im Wald gesucht. Plötzlich zeigte jemand auf mich und fragte, ob ich die durchgeknallte Wahrsagerin darstelle. Da ich das nicht beabsichtigt hatte, fragte ich mich sofort, ob ich vielleicht meinen Kleidungsstil überdenken sollte. Oder ob ich mich in Zukunft nicht mehr ums Verkleiden kümmern muss – sondern einfach meine normalen Kleider anziehen kann.

Die Gymnasiastin Lisa Dörrer, 16, berichtet über ihre Erlebnisse während ihres Austauschjahres im südenglischen Salisbury.