Die Buntheit ist märchenhaft: Tropenfische ziehen in Schwärmen vorbei und verschwinden in den Korallenschluchten. Die Schwämme leuchten in allen Farben. Das Wasser ist glasklar. Auch nach der Flutkatastrophe gilt das Inselreich der Malediven als das Unterwasserparadies schlechthin.

Der Keller des imposanten Polizeigebäudes in der Hauptstadt Male, nur wenige Meter von der Küste entfernt, liegt ebenfalls unter dem Meeresspiegel. Den Blicken der Taucher freilich sind diese Räume entzogen – hier hört das Märchen auf. In diesem Keller wird gefoltert und gequält. Die Schreie dringen nicht nach draussen. Die Touristen, ahnungslos, fotografieren das imposante Gebäude: Türkisblau umspült das Wasser die dicken Mauern des Gefängnisses.

Auch Ibrahim Lutfy war hier mehrere Wochen lang gefangen. Die Regierung warf ihm vor, sich an einem Umsturzversuch beteiligt zu haben. «Ich sah, wie ältere Männer geschlagen wurden. Einem Gefangenen drückten die Wächter die Zigarette auf der nackten Schulter aus.» Lutfy erzählt leise, seine Handbewegungen sind knapp. Nach seiner Flucht erhielt er im Oktober 2003 politisches Asyl in der Schweiz.

Die Verhältnisse im Inselstaat haben auch die EU auf den Plan gerufen. Im September vergangenen Jahres drohte sie mit der Blockierung von Hilfszahlungen an die Malediven: «Der internationale Druck ist entscheidend», hiess es in der damaligen Verlautbarung: «Die unschuldig verhafteten Menschen befinden sich in ernsthafter Gefahr. Sie stellen die demokratische Zukunft der Inseln dar.»

Die Regierung bleibt in der Familie
Ibrahim Lutfy wurde 1964 auf dem Addu- Atoll geboren, den südlichsten noch bewohnten Inseln. Der Computerfachmann war in sieben Jahren zehn Mal im Gefängnis. Er kämpft für die Menschenrechte in seiner Heimat. Gegen den vierfachen Vater läuft ein internationaler Haftbefehl.

Auf den Malediven herrscht seit 1978 Maumoon Abdul Gayoom. Er ist Finanzminister, Verteidigungsminister und Minister für nationale Sicherheit in einem. Denselben Nachnamen tragen auch zahlreiche weitere Minister. Nicht weniger als acht Familienangehörige bekleiden hohe Posten in der maledivischen Regierung. Seine Gegner sind grösstenteils inhaftiert oder sie leben wie Lutfy im Exil.

«Ich war ein glühender Verehrer von Gayoom», sagt Ibrahim Lutfy. «Wenn er am Fernsehen sprach, tönte alles sehr sanft und überzeugend. Ich glaubte wirklich, er wolle nur das Beste für uns.» Doch 1988 – Lutfy war 24 Jahre alt – änderte sich seine Meinung deutlich. Maumoon Abdul Gayoom war eben daran, seine dritte Wahl zum mächtigsten Mann über die 1200 Inseln bestätigen zu lassen.

Kurz vor Urnenschluss ging das Gerücht um, es sei ein Putschversuch im Gang. Zu Hunderten wurden Zivilisten wahllos verhaftet – unter ihnen auch Ibrahim Lutfy. «Als mich ein Landsmann packte, lachte ich zuerst auf, und fragte: Wie bitte? Ich soll ein Terrorist sein?»

In den Hochglanzprospekten der Reisebüros werden keine Fragen gestellt: «Wie schwimmende Träume tauchen die Inseln aus der blauglitzernden Unendlichkeit auf. Der Anblick für den landenden Flugpassagier ist fantastisch. Ihn erwartet der Traum von Einsamkeit, Entspannung und Romantik.»

Der 24-jährige Lutfy verbrachte seine ersten 16 Tage im Gefängnis – in Handschellen. Sieben Tage davon ohne Schlaf auf einem Stuhl. Das Erlebte verfolgte ihn. Und doch: «Ich bewunderte Gayoom, den Präsidenten, noch immer. Ich dachte, der wisse von alldem doch nichts.» Lutfy vertraute sich einem bekannten Minister an. «Dieser riet mir dringend, was geschehen sei, für mich zu behalten.»

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Waffentransporte auf Vorrat
Lutfy schwieg. Aber er begann, sich mit der Geschichte des Landes zu beschäftigen – «heimlich». Über einen Verwandten stiess er auf ein bedeutendes Dokument. Er erfuhr, dass Gayoom, noch bevor er Staatspräsident wurde, Waffen ins Land geschmuggelt hatte: «Dies hat Gayoom später persönlich seinem Parlament erzählt.» Waffen – wozu? Ibrahim Lutfy: «Wahrscheinlich wusste Gayoom schon vor seiner Wahl, dass er dereinst gegen sein Volk regieren würde.»

Auch Amnesty International behält die Malediven im Auge. Die Vorwürfe wiegen schwer: Gegen angebliche Dissidenten werde mit «Terrortaktik» vorgegangen, Menschen ohne Grund und Prozess inhaftiert, gefoltert und Geständnisse erzwungen – bis hin zum politischen Mord. Staatspräsident Gayoom behauptet stets, es gebe weder politische Gefangene noch Unterdrückung irgendwelcher Art im Land.

20'000 Bewohner der Malediven – knapp zehn Prozent der Bevölkerung – sind direkt in der Tourismusbranche tätig. Die Hälfte sind Gastarbeiter aus Sri Lanka, Indien, Pakistan, Bangladesch. Ihr Durchschnittslohn: 75 Dollar pro Monat. Viele arbeiten zwölf Stunden täglich, an sieben Tagen die Woche. Die Löhne sind nicht garantiert. 500'000 Touristen, doppelt so viele Menschen wie das Land an Einwohnern zählt, bevölkern die Inseln jedes Jahr. Laut Uno-Berichten bleibt der Hauptanteil der Tourismuseinnahmen in wenigen Händen, 42 Prozent der Bevölkerung leben dagegen unter der Armutsgrenze.

Für den Reiseprospekt ist dies kein Thema: «Regelmässiges Inselhüpfen hilft, den Inselkoller zu vermeiden. Die Insel-Perlenkette ist ein Juwel dieser Erde. Weisser Sand, tiefblaues Meer, fantastische Korallen.» Der Menschenrechtler Lutfy sagt: «Was nicht sein darf, wird nicht gemeldet.» Die Tageszeitungen der Malediven gehören Regierungsvertretern.

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Es wird trotz allem weiter protestiert
Lutfy schrieb Flugblätter – «mit meiner linken Hand, um die Urheberschaft zu vertuschen». Er bezichtigte Gayoom des Wahlbetrugs. Dutzende von Kopien wurden nochmals und nochmals kopiert. «Da wusste ich: Die Menschen interessieren sich für die Wahrheit.» Es gab Verhaftungen. Lutfy arbeitete damals in einer Cateringfirma, die auch Gayooms Köche belieferte. «Unser Staatschef liess sich sein Frühstück aus Singapur einfliegen. Er trank sündhaft teuren Granatapfelsaft aus Australien.» Gayooms Insel wird streng bewacht. Seine Jacht soll 60 Millionen Dollar gekostet haben.

Ibrahim Lutfy professionalisierte seine Informationsmethode. Vom malaysischen Kuala Lumpur aus verschickte er Newsletter an ausgewählte Adressen: So informierte er seine Leser über Menschenrechtsverletzungen und Korruption in seinem Land. «Eine Homepage wäre schnell wieder blockiert worden.»

12. Januar 2002. Ibrahim Lutfy wird erneut inhaftiert. Fünf Monate verbringt er in einer Isolationszelle – elf Tage in grellem Licht. Am 12. Juli wird er mit zwei Mitkämpfern wegen «Diffamierung» und «dem Versuch, die Regierung zu stürzen» zu lebenslanger Haft verurteilt. Als er für eine medizinische Behandlung in Sri Lanka weilt, gelingt ihm die Flucht.

13. August 2004, Zentralplatz, Male. Weit über 5000 Landsleute fordern die Freilassung der politischen Gefangenen. Die Polizei löst die Demonstration mit Schlagstöcken auf. Es folgen Massenverhaftungen. Hunderte von Menschen sollen bis heute in Gefängnissen verschwunden sein; unter ihnen auch ein früherer Minister und ein Generalstaatsanwalt.

Mohammed Latheef, der Sprecher der verbotenen Maledivischen Demokratischen Partei, lebt im Exil in Colombo. In einem Interview mit der Zeitschrift «Stern» sagte er: «Staatschef Gayoom hatte Angst, dass wirkliche, durchgreifende Reformen das Ende seiner 26-jährigen, despotischen Herrschaft bedeuten.» Reformen würden laut Latheef den unglaublichen Reichtum gefährden, den Gayoom und seine korrupten Anhänger angehäuft haben. «Die Touristendollars, die Gayoom und seine Entourage einstreichen, werden weitgehend für die Sicherung der Macht genutzt.»

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Der idyllische Schein trügt
Verstreut über 90'000 Quadratkilometer Wasser, besteht die Republik der Malediven gerade mal aus 298 Quadratkilometern trockenen Landes. Dieses ragt nur selten mehr als zwei Meter aus dem Meer. 1200 Inseln sind unwirtlich, 200 werden von den Einheimischen bewohnt. Nur gerade 90 sind für die Touristen zugänglich. Fast jede Insel, auf der ein Hotel steht, verfügt auch über eine Tauchschule. Ist Ibrahim Lutfy also in Wirklichkeit ein Flüchtling aus dem Paradies?

Lutfy lacht kurz auf. Dann wird er schlagartig ernst. «Ja, die Malediven sind ein Paradies. Aber es scheint, dass die hässliche Wahrheit keinen Platz unter den Palmen findet.»