Etwas war seltsam an Bord der MS Britannia. Da gab es gratis Champagner, und kaum einer ging hin. Auch beim Abendessen blieben viele Stühle leer. An Bord des Flusskreuzfahrtschiffs, das am Abend des 8. Dezember im Strassburger Hafen lag, waren auch Beatrice Schweizer aus dem Bernbiet und ihr Partner. «Wir warteten aufs Essen. Plötzlich erbrach sich eine Frau neben uns», erzählt sie. «Dann ging es los, überall übergaben sich Passagiere.» Die Treppe vom Speisesaal zu den Kabinen war bald nicht mehr begehbar – es bestand die Gefahr, auf Erbrochenem auszurutschen. «Die Crew, teils ohne Mundschutz und Handschuhe, kam mit Putzen kaum nach.»

Das Norovirus wütete ungehindert

Offiziell wurden die Passagiere nie über den Ausbruch einer Krankheit an Bord informiert – laut Seuchenexperten die erste und wichtigste Massnahme zur Eindämmung einer möglichen Epidemie. «Eine Epidemiewarnung muss von der Behörde ausgesprochen werden, nicht von der Reederei», sagt dazu Daniel Buchmüller, Sprecher der Reederei River Advice. Die Folge der Verschwiegenheit: Das Virus konnte sich ungehindert ausbreiten. Erst als 71 Personen darniederlagen, alarmierte der Kapitän die Behörden; die Erkrankten wurden evakuiert oder ins Spital gebracht.

Schuld am Schlamassel war, so stellte sich später heraus, ein Norovirus. Es ver­ursacht eine hochansteckende Infektionskrankheit, die heftigste Brechdurchfälle ­hervorruft und gerade in den Wintermonaten gerne auch auf Kreuzfahrtschiffen auftritt. «Um Epidemien zu verhindern, setzen wir ein Schiff mit so vielen Erkrankten auf jeden Fall fest, bis klar ist, was den Brechdurchfall hervorruft» sagt der Basler Kantonsarzt Thomas Steffen, der im Basler Hafen in solchen Fällen zuständig ist. Nicht so die französischen Behörden. Sie liessen die MS Britannia mitten in der Nacht weiterfahren. «Wir hielten verdorbene Lebensmittel oder schlechtes Wasser für die Ursache», verteidigt sich Nicolas Kunkel, Chef der Brigade fluviale in Strassburg. «Zudem blockierte das Schiff die Schleuse und damit den Verkehr auf dem Rhein.»

Als französische Ärzte die Erkrankten für die Evakuierung aussortierten, waren Beatrice Schweizer und ihr Partner noch halbwegs gesund. Doch vor allem ihn sollte es hart treffen. Zehn Stunden dauerte das Brechdurchfall-Martyrium des 69-jährigen Herzpatienten. Zweimal begab sich Beatrice Schweizer zur Réception, auf der Suche nach Desinfektionsmitteln und Putzlappen. Beide Male zog sie unverrichteter Dinge ab – die Vorräte waren auf­gebraucht. «Ich musste mir mit Frottier­wäsche behelfen.»

Samstagnacht. Das verseuchte Schiff nimmt Kurs auf Breisach in Deutschland. Als ihr Partner Lähmungserscheinungen bekommt, verlangt Schweizer umgehend einen Arzt. Sonntagvormittag in Breisach: Die Flugrettung trifft per Hubschrauber ein, Schweizer, ihr Partner und sieben weitere Personen werden, teils unter Quarantäne, in zwei Krankenhäuser eingeliefert. Hier endlich ziehen Polizei und Gesundheits­behörden Konsequenzen: Das Schiff darf nicht weiterfahren, bis es desinfiziert ist.

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Reederei forderte Bademäntel zurück

«Zwar konnten wir schliesslich auf Kosten der Reederei mit dem Taxi nach Hause fahren, und die zusätzlichen Auslagen wurden uns zurückerstattet», sagt die 65-Jährige. «Dass wir aber vom Reiseveranstalter Thurgau Travel als Entschädigung je einen 100-Franken-Gutschein erhielten, der nur bei der nächsten Flusskreuzfahrt eingelöst werden kann, finde ich schon etwas kleinlich.» Hans Kaufmann, Inhaber von Thurgau Travel, sieht das anders: «Das Noro­virus war höhere Gewalt, und da gibt es keinen Anspruch auf Schadenersatz. Viele der betroffenen Passagiere waren zufrieden mit dem Gutschein.»

Den Vogel aber schoss die Reederei River Advice ab: Sie liess den Gästen ausrichten, sie möchten die schiffseigenen Bademäntel zurückschicken, die sie bei der Einlieferung ins Spital getragen hatten.

Noroviren (früher als Norwalk-like-Viren bezeichnet) sind weltweit verbreitet. Infizierte Menschen scheiden die Noroviren über den Stuhl aus – die Ansteckung erfolgt dann auf fäkal-oralem Weg – das heisst, die Viren gelangen über die Ausscheidungen in den Mund und somit in den Körper eines anderen Menschen. Nach der Norovirus-Infektion entwickeln sich innerhalb weniger Stunden bis Tage Anzeichen einer Erkrankung.