Zahlreiche Touristen haben die Nase voll von stundenlangen Staus und überfüllten Stränden. Für vier von fünf Schweizer Reisenden spielt Naturnähe bei der Wahl des Reiseziels eine zunehmend wichtige Rolle, zeigt eine Studie der Universität St. Gallen.

Viele Reiseanbieter und Tourismusvereine haben die Zeichen der Zeit erkannt und setzen intensiv auf die Umweltkarte. Das wirtschaftliche Potenzial dieses Ökotourismus ist enorm. Im Jahr 2001 gaben «naturnahe Touristen» in der Schweiz rund 2,3 Milliarden Franken aus, errechnete die Hochschule für Technik in Rapperswil. Studienergebnisse liessen heute den klaren Schluss zu, so die Rapperswiler Forscher, «dass der naturnahe Tourismus keinen Nischentourismus darstellt, sondern dass er ein wichtiges Standbein der Fremdenverkehrsbranche in der Schweiz bildet».

Doch was bedeuten Begriffe wie naturnaher Tourismus oder Ökotourismus konkret? Diese Frage bereitet selbst Fachleuten Kopfzerbrechen. «Die wachsende Bedeutung des Ökotourismus führte zu so vielen Definitionsversuchen, dass zynische Tourismuswissenschaftler schon davon sprechen, das Definieren von Ökotourismus zur olympischen Sportart erklären zu lassen», sagt beispielsweise Christian Baumgartner vom österreichischen Institut für integrativen Tourismus und Freizeitforschung.

Unberührt bleibt kaum etwas
Streng genommen ist der Begriff Ökotourismus ohnehin ein Widerspruch in sich. Denn sobald eine «unberührte Landschaft» von Touristen heimgesucht wird, ist sie nicht mehr unberührt. Judith Renner, Direktorin des Schweizer Tourismus-Verbands, spricht lieber von «sanftem Tourismus», der Rücksicht auf Landschaft und Kultur nehme und die Produkte aus der entsprechenden Region berücksichtige.

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Ähnlich denkt die internationale Gebirgsschutzorganisation Mountain Wilderness. Ihre Geschäftsführerin Elsbeth Flüeler plädiert für den «Langsamtourismus». «Statt mit dem Auto in die Berge und wieder zurück zu rasen, sollte man langsam an eine Gegend herangehen und sich auch vertieft mit der Tradition und Kultur der besuchten Region auseinander setzen.» Die Idee des «slow tourism» komme gut an, beteuert Flüeler. Doch existiert noch kein entsprechendes Label, an das sich ökologisch gesinnte Touristen halten könnten.

Anders ist es im Gastrobereich, wo der WWF Schweiz das Gütesiegel Goût mieux für natur- und tiergerechte Küche lanciert hat. Und mit einem Steinbocklabel kennzeichnet der Verein Ökonomie, Ökologie, Gesellschaft besonders nachhaltig arbeitende Hotels.

Deutschland und Österreich kennen mit «Viabono» und «Umweltzeichen» bereits Labels, die naturnahen und nachhaltigen Tourismus weitreichend umfassen. Auch Schweiz Tourismus setzt aufs Ökoargument: In der Broschüre «Berge.©» erhalten Begriffe wie «intakte Landschaften» und «unverfälschtes Erleben» hohen Stellenwert. Orte, die als besonders «naturnah und authentisch» gelten, werden mit einem blauen Enzianlabel gekennzeichnet.

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Labels möchte auch der Bundesrat verteilen: für neue Natur- und Landschaftspärke, die im Rahmen der Teilrevision des Natur- und Heimatschutzgesetzes geplant sind. Die Landschaftspärke sollen helfen, wertvolle Natur- und Kulturlandschaften zu erhalten, sollen aber auch deren touristische Nutzung fördern. Der Revisionsentwurf ist zurzeit in Vernehmlassung.

Mit Labels allein wird der Tourismus noch nicht ökologisch. Es braucht auch die Initiative der betroffenen Regionen. Dieses Engagement könnte sich für sie lohnen. «Für das Berggebiet hat der naturnahe oder integrative Tourismus eine grosse regionalpolitische Bedeutung», sagt Stefan Forster vom Alpenbüro Zürich, «denn der Tourismus ist dort in den meisten Fällen die einzige Entwicklungsperspektive.»