Es tut weh, wenn man sich 3000 Franken einfach so ans Bein streichen muss: Silvia und Ruedi Brauchli hatten bei Jann Reisen AG in Rümlang eine Griechenlandreise für diesen Betrag gebucht. Als die Firma Anfang Mai Konkurs anmeldete, standen sie plötzlich mit leeren Händen da.

Denn obwohl das Car-Unternehmen Jann seine Kundengelder über den Garantiefonds des Schweizerischen Nutzfahrzeugverbands Astag abgesichert und auch mit dessen Logo geworben hatte, will dieser nicht zahlen. Da «kein gültiges Vertragsverhältnis» bestanden und überdies Jann Reisen «mehrfach falsche Bilanzen unterbreitet» habe, könnten «keine Leistungen erwartet werden», schrieb der Astag-Garantiefonds den Jann-Kunden am 23. Mai 2005.

Die Pleite des Reiseunternehmens zieht weite Kreise: Insgesamt schätzt der Astag-Fonds, dass 3000 bis 4000 Kunden betroffen sind, bei einer Schadenssumme von drei bis vier Millionen Franken. Unter den Geschädigten sind auch Hans-Rudolf und Julia Lüthy, die mit Jann nach Sardinien und Korsika reisen wollten: «Wir haben rund 1850 Franken pünktlich einbezahlt. Dann kam zwei Tage vor der Abreise die Absage.»

Oder Claudio Schneider, der zum ersten Mal eine grosse Carreise gebucht hatte: «Dabei hatte ich noch eigens geprüft, ob Jann Reisen eine Kundengeldabsicherung hatte.» Da dies der Fall war, liess er sich beruhigt auf die Buchung ein.

Sein Vertrauen sollte enttäuscht werden: Zum ersten Mal geht ein grösseres Reiseunternehmen mit Kundengeldabsicherung in Konkurs, und es soll keine Auszahlung geben. Kann man den Reisegarantiefonds überhaupt noch trauen?

«Im Nachhinein gescheiter»
In der Vergangenheit, etwa bei den Pleiten der Reisefirmen Dürmüller, Vögtli und Avione, bei denen Hunderte von Kunden ihr Geld verloren, lag der Fall anders. Damals liess sich der schwarze Peter jeweils leicht den Konsumenten zuschieben: Sie hatten beim Buchen nicht geprüft, ob die Firmen über eine Kundengeldabsicherung verfügten. So war es schliesslich ihr Pech, dass sie das vorausbezahlte Geld nicht von den konkursiten Reiseunternehmen zurückfordern konnten.

«Kundengelder nicht rückerstatten – das kann bei uns nicht passieren», sagt Urs Herzog, Geschäftsführer des Garantiefonds der Schweizer Reisebranche. «Erst wenn ein Teilnehmer unsere Aufnahmekriterien erfüllt, wird er aufgenommen.»

Zum Aufnahmeverfahren gehört eine Buchprüfung durch eine externe Treuhandfirma. Und wenn der Fonds durch falsche Finanzzahlen getäuscht würde? «Das ist unser Risiko», sagt Herzog. «Solange eine Firma bei uns Mitglied ist, stehen wir auch für ihre Kundengelder gerade.» Das beteuern auch Swiss Travel Security (STS) und Travel Professionals Association (TPA).

Das Aufnahmeverfahren läuft überall ähnlich ab: Die Reiseunternehmen müssen zahlreiche Anforderungen erfüllen und eine firmenspezifisch errechnete Bankdepotzahlung leisten, auf die im Schadensfall nur der Fonds Zugriff hat.

Nach der Aufnahme kontrolliert der Astag-Garantiefonds seine Mitglieder nur alle drei Jahre – die anderen Fonds tun dies jährlich. Bei Unstimmigkeiten gehen alle Fonds ähnlich vor: Sie verlangen zusätzliche Unterlagen und gegebenenfalls ein höheres Bankdepot. «Erfüllt das Mitglied diese Forderungen nicht in kurzer Frist, wird es sistiert», sagt STS-Stiftungsrat Luc Vuilleumier. Sistierung heisst: Streichung aus der Homepage-Liste. Buchungen sind ab diesem Moment nicht mehr abgesichert.

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Und wie wird die Öffentlichkeit übers Internet hinaus informiert? Das sei «schwierig», finden alle Fondsvertreter. «Man kann nicht sieben Millionen Schweizer informieren», sagt Luc Vuilleumier. Indem er seine Homepage aktuell halte, erfülle er die Informationspflicht gegenüber der Öffentlichkeit.

Gerade punkto Informationspflicht muss sich der Astag-Fonds den Vorwurf der Nachlässigkeit gefallen lassen. Bis Mitte April war die Firma Jann auf seiner Homepage aufgeführt, obwohl die vertragliche Situation über längere Zeit nicht bereinigt war. Hans Dillier, Präsident des Stiftungsrats, räumt ein, «im Nachhinein gescheiter» zu sein: «Die Jann-Bilanzzahlen waren so gut, dass wir nie den Gedanken hatten, da könne ein Problem auftauchen.»

Wie sind bisherige Konkurse von Fondsmitgliedern geregelt worden? Urs Herzog vom Garantiefonds der Schweizer Reisebranche rechnet vor: «Seit dem zehnjährigen Bestehen des Garantiefonds hatten wir eine Schadenssumme von rund 5,2 Millionen Franken; davon waren rund 3 Millionen durch die Bankdepots gedeckt. Die Differenz zahlten wir aus dem Fonds, die Rückversicherung kam noch gar nie zum Einsatz.» Auch STS musste noch nie auf seine Rückversicherung zurückgreifen. Luc Vuilleumier: «In einem Fall wurden Gelder aus dem Fonds bezahlt, die andern bisher eingetretenen Mitgliederkonkurse konnten wir mit den vorhandenen Bankdepots und Bürgschaften abgelten.» Der Astag-Fonds und die TPA mussten noch gar nie einen Konkurs bearbeiten. Alle Fonds halten fest: «Bei uns ist bis jetzt noch nie ein Kunde zu Schaden gekommen.»

Der Ombudsmann schaltet sich ein
Den Schaden gering halten – darauf hofft Nicolas Oetterli, Ombudsmann der Reisebranche. Er ist mit dem Astag-Fonds in Kontakt – mit dem Ziel, dass dieser seinen Entscheid revidiert. Unabhängig davon hält er das Fondssystem für eine taugliche Lösung. Wichtig sei die mehrstufige Absicherung – Bankgarantie, Fonds, Rückversicherung, ebenso eine sorgfältige und regelmässige Kontrolle. «Dann ist die Kundengeldabsicherung solid.»

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Vorauszahlung: Kontrolle ist besser

Laut Pauschalreisegesetz müssen Reiseanbieter die Vorauszahlungen ihrer Kundschaft absichern. Das Gesetz enthält jedoch keine Ausführungsbestimmungen.

So hat sich die Reisebranche in vier verschiedenen Fonds selbst organisiert.

  • Garantiefonds der Schweizer Reisebranche: mit rund 1600 Veranstaltern und Vermittlern von Pauschalreisen der grösste und älteste Fonds, Bankdepot mindestens 50'000 Franken, mit Rückversicherung: www.garantiefonds.ch
  • Swiss Travel Security (STS): gehört zum Reiseanbieterverband Star, zirka 200 Mitglieder, Bankdepot mindestens 30'000 Franken, mit Rückversicherung: www.star.ch
  • Travel Professionals Association (TPA): die jüngste Kundengeldabsicherung, rund 55 Mitglieder, Bankdepot mindestens 20'000 Franken, mit Rückversicherung: www.tpa.ch


Das Pauschalreisegesetz enthält keine Strafbestimmungen. Und keine Behörde kontrolliert, ob die Vorschrift der Kundengeldabsicherung eingehalten wird.

Deshalb gilt: Wer für eine Pauschalreise im Voraus zahlt, muss kontrollieren, ob sein Reisebüro eine Kundengeldabsicherung hat.