Eindringlich warnt das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA): Die politische Situation in Kenia ist instabil. «Bis zur Klärung der Lage wird von Touristen- und anderen nicht dringenden Reisen nach Kenia abgeraten.» Mario Gottardi nimmt diese Warnung ernst. Am Tag vor der Abreise annulliert er seine Buchung. Aber der Veranstalter, der African Safari Club, lässt sich vom EDA nicht beunruhigen und führt seine Keniareise dennoch durch. Von den 2000 Franken, die Gottardi bezahlt hatte, will African Safari ihm nur gerade 400 Franken zurückerstatten.

Eine ähnliche Auseinandersetzung führte Christine Rohrer mit ihrem Reisebüro. Die 54-Jährige hatte eine Reise nach Burma gebucht. Im vergangenen November hätte es losgehen sollen. Doch im September begannen in Burma die politischen Auseinandersetzungen. Hunderte von Mönchen demonstrierten gegen die Militärjunta, die Armee griff gewaltsam durch. Das EDA riet prompt von Reisen nach Burma ab.

3000 Franken hatte Christine Rohrer für die Reise bezahlt. Nun war ihr nicht mehr wohl bei dem Gedanken, in die krisengeschüttelte Region zu fliegen. «Aber beim Reisebüro sagten sie mir immer, das werde schon gehen, und ich solle abwarten», erzählt die Bernerin. Als sie Mitte Oktober die Reise doch absagen wollte, habe die Angestellte im Reisebüro laut herausgelacht und gefragt, ob sie etwa Angst habe. Das EDA sei für sie nicht verbindlich. Sie hätten einen eigenen Vertreter in Burma, und der versichere, die Situation sei ruhig.

Rohrer hatte eine Reiseannullierungsversicherung bei der Mobiliar abgeschlossen. Bevor sie ihre Ferien endgültig absagte, erkundigte sie sich sicherheitshalber bei der Versicherung, ob diese die Kosten übernehme. Nun kam der zweite Schlag für die Bernerin. Die Versicherung teilte ihr mit, sie würde zwar Annullierungskosten bei «inneren Unruhen» im Reiseland übernehmen. In Burma seien aber nur «Aufstände von Mönchen» im Gang - und diese seien nicht gedeckt. Rohrer verstand die Welt nicht mehr. Sind die Hinweise des EDA wirklich so bedeutungslos wie vom Reisebüro dargestellt? Kann man eine Reise in ein gefährliches Land nicht annullieren? Wann muss die Versicherung zahlen?

Die Reiseannullierung ist im Gesetz kaum geregelt. Entscheidend ist der konkrete Vertrag. Dabei sind folgende Punkte zu beachten:

Reisehinweise des EDA: Das EDA veröffentlicht auf seiner Website ausführliche Informationen über jedes Reiseland. «Unsere Reisehinweise werden dauernd aktualisiert», sagt EDA-Sprecherin Carine Carey. «Es braucht viel, bis das EDA von einer Destination abrät.» Von einem ganzen Land werde nur abgeraten, wenn dort praktisch keine staatlichen Strukturen mehr funktionieren, wenn der Staat die Sicherheit der Reisenden nicht mehr gewährleisten kann oder Einzelereignisse mit aussergewöhnlichen Auswirkungen zumindest vorübergehend die normalen Verhältnisse ausser Kraft setzen. Als Beispiele nennt Carey den Irak, Afghanistan oder Burma im letzten Herbst. Und jetzt eben Kenia.

Viele Ferienfreudige meinen, dass sie eine Reise ohne weiteres und kostenlos annullieren können, sobald das EDA eine Warnung herausgibt. Sie irren. Die Reisehinweise dienen Touristen wie Reisebüros zwar als wichtige Informationsquelle, sie sind aber nicht verbindlich. «Wir haben auch nach dem Tsunami in Südostasien oder dem Attentat in Luxor festgestellt, dass die Reiseagenturen unterschiedlich reagierten», sagt EDA-Sprecherin Carey.

Reisebüros: Im Vertrag zwischen Kunde und Reisebüro wird vereinbart, wie viel der Kunde zahlen muss, falls er die Reise annulliert. Diese Kosten fallen auch dann an, wenn das EDA vom Reiseland abrät. Viele Reiseveranstalter sind jedoch kulant und richten sich freiwillig nach den Empfehlungen des EDA. «Wenn das EDA von einer Destination abrät, kann der Kunde die Reise kostenlos annullieren oder umbuchen», versichert etwa Peter Schmidli von Hotelplan. Damit liegt er ganz auf der Linie des Schweizerischen Reisebüroverbands. Walter Kunz, Geschäftsführer des Verbands, macht klar: «Wir empfehlen unseren Mitgliedern, die Kunden kostenlos annullieren zu lassen, sobald das EDA von einer Reisedestination abrät.»

Pech für Mario Gottardi: African Safari ist nicht Verbandsmitglied. Pech aber auch für Christine Rohrer. Ihr Reisebüro schlug - obwohl Mitglied - die Empfehlung des Verbands kurzerhand in den Wind, als sie die Burmareise annullieren wollte. «Man hätte in diesem Fall annullieren lassen sollen», sagt Walter Kunz vom Schweizerischen Reisebüroverband. Aber eben: Der Verband erlässt nur Empfehlungen. Verbindlich sind sie nicht. Mehr Glück haben jene Kunden, die eine Versicherung abgeschlossen haben, die die Annullierungskosten übernimmt.

Annullierungskostenversicherung: Eine solche ist zwar freiwillig, aber gerade bei teuren Reisen sinnvoll. Ob und in welchen Fällen die Versicherung die Annullierungskosten bezahlt, ist in den allgemeinen Versicherungsbedingungen festgelegt. Von «Zusammenrottung», «Gewalt» oder «Krieg» ist da zum Beispiel die Rede. Mehrere Versicherungen verweisen auch auf die Reiseempfehlungen des EDA. «Sobald das Leben des Versicherten gefährdet ist und das EDA vom Reiseland abrät, akzeptieren wir Annullierungen», erklärt Andy Keller, Leiter Tourismus der Elvia Schweiz.

Umso ärgerlicher war für Christine Rohrer, dass ihre Versicherung spitzfindig zwischen «innerer Unruhe» und «Aufstand von Mönchen» unterschied und nicht zahlen wollte. Doch ein Streit mit der Mobiliar blieb ihr erspart: Da sich die Lage in Burma inzwischen beruhigt hatte, entschloss sie sich doch zur Reise: «Alles ging gut, aber es war sehr speziell, weil sonst keine Touristen dort waren.» Mario Gottardi hingegen hat seine Keniareise definitiv abgesagt. Immerhin übernimmt der TCS die Annullierungskosten - voraussichtlich.

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Annullierung: So funktionierts

  • Informieren Sie sich über Ihr Reiseland. Aktuelle Informationen finden Sie unter www.eda.admin.ch oder www.auswaertigesamt.de.
  • Lesen Sie in den Vertragsbedingungen nach, wie viel Sie bei einer Annullierung der Reise zahlen müssen.
  • Schliessen Sie eine Reiseannullierungsversicherung ab. Holen Sie verschiedene Offerten ein und vergleichen Sie die allgemeinen Versicherungsbedingungen. Prüfen Sie vor allem, was nicht gedeckt ist.
  • Wenn Sie eine Reise absagen wollen, weil eine Destination zu gefährlich wird, verhandeln Sie zunächst mit dem Reisebüro. Vielleicht bietet man Ihnen eine alternative Destination, die Ihnen zusagt.
  • Will Ihre Reiseversicherung die Annullierungskosten nicht bezahlen, wenden Sie sich an den Ombudsmann der Privatversicherung: www.versicherungsombudsman.ch.