Rein rechnerisch fahren Schweizerinnen und Schweizer jedes Jahr einmal nach Lissabon. So weit kämen sie, würden sie die Strecke, die sie pro Jahr mit der Bahn zurücklegen, am Stück reisen: 2422 Kilometer – Weltrekord! Doch bei den Rechten für Fahrgäste wird das Bahnland jetzt von der EU abgehängt.

Ab Dezember erhalten Reisende aus einem EU-Land einen Viertel der Billettkosten zurück, wenn sie im internationalen Fernverkehr mit mehr als einer Stunde Verspätung am Ziel ankommen. Sind es zwei Stunden, wird ihnen gar die Hälfte des Billetts rückerstattet.

«Sorry-Checks» ab 10 Franken

Der Verkehrs-Club der Schweiz und die Stiftung für Konsumentenschutz fordern nun, dass die Schweiz die Verordnung übernimmt. Doch der Reformstau bremst: Seit Jahren verschleppt die Schweiz die Übernahme von EU-Regeln für den freien Güterverkehr per Bahn. Das hat nun Folgen für die Fahrgäste: Erst wenn diese älteren Bestimmungen umgesetzt sind, kann auch die rechtliche Stellung der Passagiere verbessert werden.

«Bei der Entschädigung für Fahrgäste hinken wir hintendrein», gibt Gregor Saladin, Sprecher des Bundesamts für Verkehr, zu. So haben Passagiere verspäteter Züge keinen Anspruch auf eine Entschädigung. Einzige Ausnahme: Wer den letzten Anschluss verpasst, weil die Bahn schuld ist, kann auf deren Kosten für bis zu 150 Franken übernachten oder ein Taxi nehmen. Alles andere ist Kulanz. «Wir sind gesetzlich nicht verpflichtet, bei Verspätungen Entschädigungen zu bezahlen. Wir machen das freiwillig», betont SBB-Sprecher Roman Marti. Wer mehr als 60 Minuten Verspätung hat, bekommt einen «Sorry-Check» im Wert von 10 Franken.

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Frankreichs TGV machts vor

Verpasste wichtige Termine sind rund 40, internationale Züge oder Flüge 70 Franken wert. Doch die Praxis ist unverbindlich, und im Gegensatz zur EU gibts nichts für ausgefallene Züge oder verpasste Anschlüsse.

Dass sie den Anschluss verlieren, realisieren auch die SBB: Sie wollen die neuen EU-Bestimmungen im internationalen Verkehr freiwillig übernehmen. Im Inland kündigen sie an, ihre Richtlinien zu überarbeiten.

Das EU-Modell funktioniert: Das zeigen die TGV-Linien zwischen der Schweiz und Frank­reich mit 3,8 Millionen Fahrgästen im letzten Jahr. Schon ab einer halben Stunde Verspätung erhalten alle Reisenden einen Drittel der Kosten zurück.