Bilanzmedienkonferenz der SBB im «Swissôtel» in Zürich-Oerlikon: Der Gewinn ist zwar markant tiefer als letztes Jahr, doch CEO Andreas Meyer, 47, versteht es, die gewaltigen Fortschritte seiner Bahn in den Vordergrund zu rücken. Seine Stimme trägt gut, Versprecher haben Seltenheitswert. Ein korrekter Vortrag, so korrekt wie der Anzug, in dem Hobbyjogger Meyers trainierter Body steckt. Das Pfeifkonzert der streikenden Tessiner Arbeiter, die das Konferenzhotel am 2. April umkreisen, bringt die Aktualität - den Streik in Bellinzona - in den klimatisierten Saal, den analytischen CEO aber nicht aus der Fassung.

Er hat offensichtlich damit gerechnet und nimmt das Thema gleich zu Beginn auf: mit Verständnis für die Sorgen der Mitarbeiter und Unverständnis für das Vorgehen der Gewerkschaften. Das Pensionskassendebakel redet er nicht schön, und seine von den Medien kritisierten finanziellen Bezüge legt er offen. Nach dem Vortrag die Interviews: Fast zwei Stunden lang beantwortet er geduldig und ohne Unterbruch die Fragen der Journalisten.

CEO Meyer bringt seine Botschaften dabei professionell an die Medienvertreter: Dass die SBB wohl Stellen abbauten, aber niemanden entlassen würden und dass ihn die Gesprächsverweigerung der Gewerkschaften masslos enttäusche: «Als Bedingung für ein Gespräch fordern die Gewerkschaften Arbeitsplatz- und Lohngarantien bis 2020 - was ein Gespräch wiederum überflüssig macht.» Die gemässigte Schelte für die Gewerkschaften fehlt ebenso wenig wie der Exkurs über die Partnersuche für SBB Cargo. Darauf höflich, aber bestimmt: «Bitte, nur noch die dringendsten Fragen, um 12.40 Uhr fährt mein Zug.»

Vom Wagenwäscher zum Grossverdiener
Meyer ist Bähnler durch und durch, quasi seit seiner Kindheit. Sein Vater leitete die Reparaturwerkstätte Muttenz; am Familientisch hat er nicht nur lobende Worte für «die da obe in Bern» gefunden. Abschreckend wirkten solche Aussagen nicht auf den Sohn, der als Gymnasiast sein Sackgeld als Wagenwäscher verdiente. In Basel und Freiburg bildete er sich zum Juristen aus und legte die Anwaltsprüfung ab. Seine beste Investition sei der Besuch der Eliteschule in Fontainebleau bei Paris gewesen, wo er den «Master of Business Administration» erwarb.

Bald zog es ihn nach Deutschland, wo er während neun Jahren Stufe um Stufe in der Hierarchie der Deutschen Bahn (DB) erklomm. 2006 meldete er sich für seinen «Traumjob» bei den SBB, die als «eines der besten Bahnunternehmen der Welt» gelten (Interview in der SBB-Mitarbeiterzeitung). Meyer lässt sich seine Qualitäten entsprechend entlöhnen. Mit 700'000 Franken Salär, 200'000 davon leistungsabhängig, verdient er 100'000 Franken mehr als sein Vorgänger Benedikt Weibel und 100'000 Franken weniger als bei der DB. Wegen der hohen Steuern in Deutschland bleibe sein Nettolohn etwa gleich hoch, bekannte er vor zwei Jahren gegenüber der «Basler Zeitung».

Schlagzeilen machten seine einmaligen Bezüge: 250'000 Franken spendeten die SBB für den Einkauf in die Pensionskasse, und 200'000 Franken zahlten sie für entgangene Boni bei der DB aus. Die Pensionskasse der DB kenne die Freizügigkeit nicht, argumentiert Meyer. «Ich habe denselben Betrag wie die SBB in die Pensionskasse einbezahlt.» Schliesslich haben sie auch den Verkauf seines Hauses in der Nähe von Frankfurt übernommen. Mit dem Aufschrei in der Presse habe er nicht gerechnet - im Ausland seien solche Bezüge üblich. Dass die Brisanz höher ist, wenn der Stellenabbau droht, ist dem politisch wenig versierten CEO entgangen. Erst an der Bilanzmedienkonferenz schiebt er eine Korrektur nach: «Wenn die SBB mein Haus unter seinem geschätzten Wert verkaufen müssen, werde ich die Differenz übernehmen.»

Bei der DB führte Meyer 13'000 Mitarbeiter, bei den SBB sind es 27'000. Unvermeidbar ist, dass er an seinem Vorgänger Benedikt Weibel gemessen wird. Peter Moor, Informationsbeauftragter des Schweizerischen Eisenbahn- und Verkehrspersonal-Verbands (SEV), zum Stabwechsel: «Weibel trat mit dem Anspruch auf: ‹Ich löse alle Probleme.› Meyer delegiert mehr, äussert sich darauf aber klarer als Weibel.» Mit der Trennung von Cargo-Chef Daniel Nordmann habe er eine längst fällige Entscheidung getroffen. Meyer selbst erklärt, er habe gerne mit Menschen zu tun: «Meine Mitarbeiter sagen über mich, ich sei anstrengend, würde mich aber voll für ihren Laden einsetzen», lässt er sich in der Mitarbeiterzeitung zitieren. «Anstrengend» bedeute, dass er bei der Ausarbeitung eines Konzepts nicht lockerlasse, bis ihn jedes Detail überzeuge.

Wohlwollende Mitarbeiter kreierten die Wendung, Meyer führe eng, das heisst, er delegiere viel, kontrolliere aber stets, ob seine Aufträge auch innert Frist ausgeführt würden. Weniger wohlwollende Kollegen kritisieren, im ersten Jahr seiner Tätigkeit habe Meyer mehr Berater beschäftigt als Weibel in seinen gesamten 27 Dienstjahren. Dem widerspricht der CEO: «Das Gegenteil trifft zu. Ich habe die Zahl der externen Berater reduziert, jedoch zwei Gruppen interner Berater geschaffen.»

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«Er handelt nur als Manager»
«Möglich, dass Meyer etwas bestimmter auftritt als Weibel, doch das Verhältnis mit ihm ist gut», sagt der Basler Regierungsrat Ralph Lewin. Dann spricht er ein zentrales Thema an: Meyer müsse sich für die Interessen der Bahn einsetzen, während sich die Kantone für ihre regionalen Interessen starkmachten. «Wie sein Vorgänger interessiert sich auch Meyer für die Anliegen der Kantone, die ja alle auch SBB-Kunden im Regionalverkehr sind. Uns ist es sehr wichtig, dass sich SBB Cargo erfolgreich entwickelt. Leider sind dafür einschneidende Massnahmen erforderlich. Diese dürfen nicht einseitig zulasten des Standorts Basel erfolgen.»

Der parteilose Andreas Meyer betont, er habe vom Bundesrat den Auftrag erhalten, die Bahn nach betriebswirtschaftlichen Kriterien zu führen; regionale Wirtschaftspolitik sei nicht Aufgabe der SBB. Pierre-Alain Gentil, SEV-Präsident und jurassischer Ständerat, sieht das anders: «Meyer hat keine Beziehung zu den Kantonen und Regionen - das ist für ihn unwichtig. Er handelt nur als Manager.» Nicht nur im Tessin, sondern auch in Freiburg stünden Arbeitsplätze auf dem Spiel - «doch Meyer behandelt den Regierungsrat ziemlich von oben herab». Meyer habe auch den SEV über die Abbaupläne nicht richtig orientiert, was dem Gesamtarbeitsvertrag ebenso widerspreche wie ein Streik.

Am 5. April haben sich die Streikenden und die SBB-Spitze zum runden Tisch durchgerungen, der Streik war damit zu Ende. Wie der SEV bestätigt, auch darum, weil Bund und Kanton Tessin der regionalen Wirtschaftspolitik Priorität vor der rein betriebswirtschaftlichen Führung der SBB einräumten - und zu zahlen bereit sind. Womit die Politik den unternehmerisch denkenden CEO Meyer im Schnellzugstempo überholte.

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